Sie sind jetzt die Häuptlinge im Sattel: Radfahrer auf der Summerstraße dürfen nur überholt werden, wenn eineinhalb Meter Abstand möglich ist. Foto: Gerd Kloos

Fahrradstraßen: Bitte nicht hupen, der Radler ist jetzt Chef

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Was ändert sich mit einer Fahrradstraße? „Man darf Fahrradfahrer nicht mehr anhupen“, meinte ein CSU-Gemeinderat sarkastich. Er brachte auf den Punkt, was sogenannte Radler-Biotope wirklich sind: Strampelstraßen, in denen Radler symbolisch die Chefs sind.„Autofahrer dürfen den Radverkehr weder behindern noch gefährden„, erklärt dazu der ADAC, „Autofahrer dürfen also nicht drängeln, wenn Radler nebeneinander fahren – was hier ausdrücklich erlaubt ist.“ Der Herrschinger Gemeinderat hat am Montagabend 3 Straßen zu Fahrradstraßen erklärt: Die Madeleine-Ruoff-Straße (geht bis zur evangelischen Kirche), die anschließende Rudolf-Hanauer-Straße und die Summerstraße. Die CSU-Fraktion verlangte eine namentliche Abstimmung und stellte sich dann geschlossen gegen die Neuregelung. FDP-Gemeinderat Johnannes Puntsch stimmte ebenfalls dagegen. Radler sind jetzt Verkehrs-Entschleuniger, die sozusagen unter Artenschutz stehen.

Der Verkehrsplaner Ralf Kaulen, der diesen politisch heiklen Prozess begleitete, goß noch einmal Öl auf die Wogen: „Für die Anlieger ändert sich nicht viel. Die Parkplätze bleiben und die Busrouten mit den bekannten Haltestellen werden nicht verändert. Sogar die Farbe der Fahrbahn bleibt erhalten, wir verzichten auf farbige Markierungen.“

Die Rudolf-Hanauer-Straße mündet künftig als vorfahrtberechtigte S-Kurve in die See- und Summerstraße ein. Was dann mit den Passanten passiert, wurde in der Gemeinderatssitzung nicht angesprochen

Und doch müssen sich die Herrschinger an 2 kleine Änderungen gewöhnen:

  1. Aus der Einmündung der Rudolf-Hanauer-Straße in die Seestraße (am Restaurant Dolce Vita) wird eine vorfahrtberechtigte S-Kurve in die See- und Summerstraße.
  2. In der Madeleine-Ruoff-Straße bis zur evangelischen Kirche werden die Parkplätze abwechselnd links und rechts ausgewiesen (Planer-Deutsch: alternierend). Die Verkehrsteilnehmer müssen also Schlangenlinien fahren und haben keine gerade „Schussstrecke“ mehr vor sich.

Natürlich gilt überall in Fahrradstraßen Tempo 30 – theoretisch. Wenn Autofahrer künftig aber wegen Radfahrern bummeln müssen, sind sie froh, wenn die Pedalisten elektrisch fahren: Denn Überholen ist oft nicht möglich, weil die Autos einen Abstand von 1,5 Meter zum Radler einhhalten müssen. Bei einer Straßenbreite von 3,50 Meter und parkenden Autos bleibt kaum noch Platz für einen kurzen Zucker am Gaspedal. So kriegen 30er-Zonen Speichen-Sperren.

Die Madeleine-Ruoff-Straße wird künftig kaum noch als Alternativroute bei geschlossenen Schranken taugen – es sei denn, man sitzt im Sattel.

Erstaunlich, dass diese Fahrradstraßen rund 80 000 Euro kosten sollen: Ein paar neue Markierungen auf der Fahrbahn, ein Dutzend neue Schilder und einige Piktogramme auf der Straße können kaum so teuer sein – denkt der sparsame Bürger. In diesen Kosten ist noch nicht einmal das Honorar des Verkehrsplaners Kaulen enthalten.

Was lange währt, ist in der Verwaltung aber meistens kostspielig: Schon vor einem Jahr beschloss der Gemeinderat, diese Fahrradstraßen einzurichten (13 Stimmen dafür, 10 dagegen). Allerdings saß das Landratsamt damals noch verkehrt im Sattel: Es wollte die Fahrradstraßen nur erlauben, wenn dafür die Seepromenade für Radler gesperrt würde. Ein Anruf der Kollegen vom Starnberger Merkur und von herrsching.online im Landratsamt brachte die prompte Wende: Die Entscheider in Starnberg rückten von dieser Forderung ab und akzeptierten den Speichen-Highway auch dann, wenn Radeln auf der Promenade weiterhin erlaubt ist. Damit war die größte Hürde für die Fahrradstraßen beseitigt.

Die Gemeinderäte hatten dann doch noch ein paar Fragen an Planer Kaulen: Was bitte, fragte Roland Lübeck, wird aus den Einsatzfahrzeugen in den entschleunigten Straßen? Alles wie bisher, meinte Kaulen trocken. Die haben ja Sondersignale, mit denen sie sich bemerkbar machen können. Gemeinderätin Anke Rasmussen bemängelte, dass viele Anwohner vor ihrer Garage parken. Das, so Kaulen, sei laut StVO erlaubt, wenn die Einfahrt kürzer sei als die Wagenlänge. Wolfgang Darchinger war über die Neuregelung sehr glücklich – schon seine Eltern hatten an der Madeleine-Ruoff-Straße Angst um ihre Kinder. Er begrüße ausdrücklich die alternierende Parkregelung: „So juckt es keinen Autofahrer mehr im Bleifuß“, meinte er. Wolfgang Schneider, im Hauptberuf auch Busfahrer, flehte im Gemeinderat noch einmal die Autofahrer an, im Begegnungsverkehr nicht auf den Gehweg auszuweichen, weil aus den Gartentoren Kindern auf den Gehweg springen könnten. Er bat die Autofahrer inständig, vorausschauend zu fahren und in einer Ausweichbucht zu warten, bis der Bus vorbeifährt.

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