„Wenn die Ehrenamtlichen das Handtuch schmeißen, dann gute Nacht“, sagt eine, die schon Tausende von Stunden in ein mühsames Ehrenamt gesteckt hat: Silvana Prosperi (Faltsch Wagoni) hat mit ihrem Verein „Wir schaffen das“ und dem Café Blabla schon Hunderten von Asylsuchenden Wege zur Integration geebnet. Deshalb ist sie auch empört über die neueste Volte aus dem Bundesinnenministerium, für bestimmte Flüchtlinge keine Integrationskurse mehr anzubieten. Wie wichtig Sprache für die Neuangekommenen ist, erläutert sie im herrsching.online-Interview.
herrsching.online: Die Sprache ist der Schlüssel zu allem, titelte kürzlich die SZ. Hat ein Geflüchteter ohne Spracherwerb eine Chance auf dem Arbeitsmartk?
Silvana Prosperi: Nein, denn ohne wenigstens rudimentäre Grundkenntnisse in Deutsch kann man nicht arbeiten. Wie soll die Kommunikation mit den Vorgesetzten oder den Kollegen funktionieren?Ich habe es selbst erlebt, dass Arbeitgeber Bewerber nicht genommen haben, weil sie sich mit ihnen nicht verständigen konnten. Eine Ausnahme bilden höchstens gut englisch Sprechende in internationalen Firmen und IT- Berufen. Das ist aber nur im Ausnahmefall die Klientel für Integrationskurse.
herrsching.online: Wie fördern der Verein und das Cafe Blabla den Sprachunterricht bei Euren Schützlingen?
Silvana Prosperi: Wir verstehen uns als Erste Hilfe für Menschen, die gerade erst angekommen sind, oder Mütter, die wegen ihrer Kinder noch keinen offiziellen Kurs belegen konnten oder auch ältere Geflüchtete, die mit einem offiziellen Sprachkurs überfordert wären. Bei uns sind die Gruppen klein, in der VHS sitzt man zusammen mit 15 bis 20 Personen, da verstehen manche erst einmal nur Bahnhof. Außerdem legen wir im Gegensatz zu den offiziellen Kursen einen Schwerpunkt auf das Sprechen, deshalb: Café Blabla. Wir ermuntern die Menschen in der vertrauten Café-Blabla-Athmosphäre, sich zu öffnen, sich zu trauen etwas zu sagen, auch wenn es nicht perfekt ist. Die meisten besuchen anschließend Integrationskurse, machen ihre Prüfungen, erhalten Zertifikate und beginnen dann mit der Arbeit oder Ausbildung. Nebenbei haben wir ein offenes Ohr für Fragen und Probleme und helfen bei Papierkram und anderen Dingen, mit denen sie überfordert sind.
herrsching.online: Aus dem Innenministerium kamen innerhalb weniger Wochen zwei sich widersprechende Maßnahmen: Für Asylbewerber im Verfahren, Geduldete, Migranten aus der EU sowie Flüchtlinge aus der Ukraine soll es keine vom Staat bezahlten Integrationskurse mehr geben. Und dann folgt wenig später die Inititative „Sofort in Arbeit“. Wie passt das zusammen?
Silvana Prosperi: Das passt gar nicht zusammen. Meiner Meinung nach hat der enorme Aufschrei in großen Teilen der Bevölkerung – auch bei Kirchen und Sozialverbänden – nach Bekanntwerden der Streichung der Integrationskurse für die genannten Gruppen – dazu geführt, dass schnell etwas nachgeschoben wurde, was von den Flüchtlingshelfern schon immer gefordert wird: die Geflüchteten schneller arbeiten zu lassen.
herrsching.online: Steckt dahinter eine politische Absicht?
Silvana Prosperi: Ja natürlich, es wird weiterhin nach rechts geschielt und geblinkt, denn schließlich ist Wahlkampf. Aber Tatsache ist doch: Wir brauchen diese Menschen, und ihre Integration ist Voraussetzung für ein gutes Miteinander. Eine weitere Absicht könnte auch sein, nur noch bereits gut gebildete Geflüchtete hier haben zu wollen, die sich ihre Kurse selbst bezahlen sollen. Außerdem kann man so signalisieren: Diese Menschen integrieren sich nicht, also kann man sie auch abschieben.
herrsching.online: Welche Möglichkeiten gibt es, die fehlende staatliche Unterstützung auszugleichen?
Silvana Prosperi: Da sehe ich wenige Möglichkeiten. Die Integrationskurse mit den vielen Lehrern und Lehrerinnen, die dafür ausgebildet wurden, sind unverzichtbar. Oder sollen wir alle VHS-Lehrer fragen, ob sie auch ehrenamtlich unterrichten wollen? Das können sich nur die leisten, die nicht auf Einkommen angewiesen sind, also in erster Linie fitte Rentner und Rentnerinnen wie wir.
Aber Vorsicht: wenn der Staat sich immer mehr zurückzieht und die Integration zunehmend den Ehrenamtlichen überlässt, dann kippt es irgendwann. Die Politik sollte es sich auf keinen Fall weiter mit den Ehrenamtlichen verscherzen, indem die Maßnahmen immer rigider werden. Wenn die Ehrenamtlichen das Handtuch schmeißen, dann gute Nacht.



