Die Herrschinger Künstlerin Patricia Wolf entstammt einer jüdischen Familie, die in der NS-Zeit in die USA emigrieren musste. Wolf zeigt sich angesichts der Debatten um die Umbenennung der NS-belasteten Straßen zunehmend irritiert. „Wie erkläre ich den zukünftigen Gymnasiasten der neu gebauten Schule der neunten Klasse in Herrsching das Thema Alfred Ploetz und die Vergangenheit der NS-Historie vor Ort? fragte sie in einem Leserbrief. Ein hoffnungsfrohes Zeichen sieht sie in dem zunehmenden Interesse, das auch jüngere Menschen an der NS-Zeit zeigen.
herrsching.online: In München werden Straßen nahezu geräuschlos umbenannt. Warum tut sich Herrsching damit so schwer?
Wolf: In München existiert eine sehr große jüdische Gemeinde, die durch die Vorsitzende Frau Knobloch erheblichen Einfluss besitzt. Dieser Einfluss trägt dazu bei, dass Entscheidungen zur Würdigung von Tätern aus dieser Zeit rasch getroffen werden. Die Stadt München erinnert an den Straßen und öffentlichen Plätzen mit Erinnerungszeichen an die Opfer des Nationalsozialismus. Im vergangenen Jahr fand in der Ohmstraße eine Ausstellung zum Thema Erinnerung an jüdische Menschen statt, die von dort aus deportiert wurden. Das Interesse an der Ausstellung war sehr groß mit über 400 Besuchern, und die Reaktionen reichten von betroffen bis sehr interessiert. In Zusammenarbeit mit dem Historikerteam von Dr. Georgie und einer Initiative der Anwohner präsentierten wir eine spannende Ausstellung. Es war uns allen ein wichtiges Anliegen, den vielen Menschen, die an diesem Ort lebten, eine Identität zu verleihen, damit sie als Individuen in Erinnerung bleiben.
herrsching.online: Wie blicken Sie als jüdische Mitbürgerin auf das kleinliche Gezänk um die Umbenennung der Straßenamen?
Wolf: Mit meinen jüdischen Vorfahren, die von den Nationalsozialisten arisiert wurden, habe ich das Unverständnis gegenüber diesen Menschen geerbt. Ich selbst identifiziere mich nicht als Jüdin oder einer bestimmten Religion zugehörig. Mein Verständnis ist der Humanismus, und hier beginnt mein Hinterfragen.
herrsching.online: Haben Sie Angst vor der Schlussstrich-Mentalität, die die Vergangenheit verdrängen will?
Wolf: In den letzten Jahren verzeichnet auch die jüngere Generation ein zunehmendes Interesse an der Auseinandersetzung mit diesem Thema, sowohl im Hinblick auf mögliche Täter als auch Opfer in den eigenen Familien. Dieses wachsende Interesse empfinde ich als sehr positiv.
Die Diskussion bezüglich der Umbenennung der Straßennamen in Herrsching hat mich jedoch zutiefst erschüttert. Die Besorgnis um die Anwohner sowie die Familie Ploetz und die Erben von Madeleine Ruoff überwog die Furcht vor einem möglichen Gesichtsverlust der Gemeinde. Die Äußerung „Jetzt ist es doch mal gut“ war für mich von liberalen denkenden Gemeinderäten nicht zu erwarten.
herrsching.online: Haben Sie persönlich schon unliebsame Erfahrungen mit Leuten gemacht, deren Geschichtsbewusstsein 1945 aufhört?
Wolf: Die persönlichen Folgen der Shoah für die Angehörigen sind traumatisch und eine psychische Belastung für die nächsten Generationen. Seit einigen Jahren wird hier offener kommuniziert. Besonders in der Kultur und Literatur erlebe ich ein bewusstes öffentliches Interesse. Das halte ich für wertvoll und beschützend.



