Zwei, die nicht auf den Mund gefallen sind: Bürgermeister-Kandidatin Karin Casaretto (links) und Grünen-Chefin Katharina Schulze stellen sich den Bürgerfragen. Foto: Gerd Kloos

„Tiefengeothermie wird in Herrsching behindert“

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Der Saal war voll, als würde ein Börsenguru sein Erfolgsrezept verraten. Katharina Schulze, Herrschings „Eye of the tiger“ (ihr Lieblingssong), zieht anscheinend alle Farben an: Grün, Orange, Schwarz und Gelb – alles war im Seehof versammelt, als die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag und die Bürgermeister-Kandidatin Karin Casaretto auftraten. Im Publikum saßen nicht nur „Casi“-Groupies, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger mit ehrlichem Interesse an ihrer Gemeinde. Und weil man wissen will, was die kommunalpolitische Konkurrenz so plant, hörten auch Bürgermeister Schiller, CSU-Gemeinderätinnen und -räte, SPD- und FDP-Kollegen genau hin, was Grün-Orange (BGH) in den nächsten sechs Jahren anders und besser machen will.

„Statt Pandabären lieber Probleme lösen“

Katharina Schulze („Früher war ich nur die Schwester von Ben Schulze“), gilt in der Politik als rhetorisches Phänomen. Sie spricht so schnell, dass das Publikum kaum mit dem Hören nachkommt. Über die S-Bahn meinte sie nur trocken, dass die früher auch nicht besser war: „Wie oft hat mich mein Papa in Weßling abholen müssen, als ich noch in München studiert habe.“ Für ihren Lieblingsgegner Söder fand sie eine spöttische Bemerkung: „Statt Pandabären holen lieber Probleme lösen.“ Schulze hatte einen ganzen Bauchladen von Lösungsvorschlägen – zum Beispiel für die Wohnungsbauförderung: „Für die erste Immobilie, die jemand kauft, sollte die Grunderwerbssteuer wegfallen.“ Und die unsinnige Regelung, dass Vermieter mit Mieten weit unter dem Marktpreis vom Finanzamt bestraft werden, sei falsch: „Solche Vermieter müssen begünstigt und nicht abgestraft werden.“ In Bayern fehlten 230 000 Wohnungen, berichtete sie und forderte, ein bisschen wohlfeil, der Staat müsse mehr bauen. Dass sich viele Gemeinden Bauprojekte selbst mit satten staatlichen Förderungen nicht leisten können, liege am vorgeschriebenen Eigenanteil für die Gemeinden. Kommunen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, so Schulze, könnten sich nicht einmal diese „Anzahlung“ leisten.

Die Grünen-Kandidatinnen und Bewerber für den Gemeinderat. Von links: Karin Casaretto, Catharina Geiselhardt, Christoph Welsch, Charlotte Wehn, Franziska Schon, Judy Langohr, Wolfgang Darchinger, Thomas Barnstein, Gerd Mulert und Tobias Schneider. Foto: Gerd Kloos

„Blame Game muss aufhören“

Bei aller Lust an der Attacke bediente Schulze auch die bürgerliche Sehnsucht nach Konsens: „Dieses Blame Game muss aufhören.“ Die Grünen stimmten zum Beispiel Anträgen der CSU-Fraktion zu, „wenn wir die gut finden“. Andersrum komme das nicht vor. „Der Andere“, so Schulze im Mahatma-Gandhi-Modus, „kann ja auch mal Recht haben.“

„Wir brauchen ein Leerstands-Kataster für Wohnungen“

Die Bürgermeister-Kandidatin Karin Casaretto musste natürlich mehr attackieren – sie ist schließlich die Herausfordererin. Das ehemalige Bofrost-Gelände an der Bahnschranke entzündet immer noch die Phantasie ehrenamtlicher Städteplaner, weil das Grundstück zu schade sei fürs Abstellen von Marktbuden. Beim Thema Wohnen klinkte sich auch der Landrats-Kandidat Benjamin Barho ein und forderte ein Leerstands-Kataster, in dem alle leerstehenden Wohngebäude aufgeführt sind. Diese originelle Idee fand den Beifall des Publikums. Vielen alteingesessenen Herrschingern fallen Adressen ein, bei denen schon lange kein Licht mehr brennt.

Benjamin Barho möchte alle leerstehenden Wohnungen in einem Kataster erfassen.

Auch beim Thema Erneuerbare Energie setzte Casaretto einen Punkt: Herrsching sei mit 9,2 Prozent Anteil an Erneuerbaren nach wie vor Schlusslicht im Kreis. Da hatte dann Gemeinderat Gerd Mulert seinen Auftritt: Er hatte im Gemeinderat mehrere Anträge gestellt, die Fotovoltaik auf Gemeinde-eigenen Dächern auszubauen und damit auch einen relativen Erfolg: Alle Anlagen auf den beiden Feuerwehrhäusern, auf dem Rathaus und Kindergarten hätten, so verlautete im Gemeinderat, 160 000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Das sind rund 53 000 Euro, die sich die Gemeinde beim Stromkonsum gespart hat.

„Tiefengeothermie wird in Herrsching seit Jahren behindert“

Weniger flott geht’s mit einer zentralen Wärmerzeugung voran. Herrsching, so Mulert, habe eine wunderschöne Kommunale Wärmeplanung erstellt. Er hoffe aber, dass die nicht in einer Schublade Staub ansetzt. Karin Casaretto pries noch einmal das „wunderbare Geschenk“ der Tiefengeothermie, die 118 Grad warmes Wasser liefern könne. Dieses Geschenk werde in Herrsching allerdings verschmäht, und – so Casaretto – seit Jahren behindert: „Man muss nun einfach mal die Bohrung, die von Investoren bezahlt wird, erlauben.“

Weniger euphorisch als viele Gemeinderäte und die Verwaltung ist sie bei der Seethermie, bei der Seewasser von ungefähr acht Grand mittels Wärmepumpen auf 80 Grad erwärmt werden müsse. Mulert kommentierte das mit dem Hinweis, dass „Herrsching mehr grüne Gemeinderätinnen und Gemeinderäte braucht“.

Einen Schlussakkord, der ein lautes Echo im Publikum hervorrief, setzte Katharina Schulze mit einer Bemerkung über die Deutsche Bahn, zu der bedauerlicherweise auch die S-Bahn gehört. Sie lobte die neue Bahnchefin Evelyn Palla und meinte trocken: „Wenn bei einem Unternehmen alles am Arsch ist, dann muss es eine Frau richten.“

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