„Unter Bäumen ist es viereinhalb Grad kühler als auf dem Rathausvorplatz“

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Er kritisierte den Umgang mit den Kübelbäumen am Straßenrand. Er schimpfte auf Baufirmen und Bauhof, die mit schwerem Gerät über sensible Baumwurzeln räuberten. Er setzte durch, dass gemeindliche Baumkronen wachsen dürfen und nicht mehr aussehen wie „Rasierpinsel“. Er initiierte Baumpflanzen vor der Volksbank, und er geißelte Neupflanzungen von Bäumen zum Ramschtarif. Jetzt verlässt der Landschaftsingenieur Konrad Herz – mutmaßlich zur Erleichterung des Rathauses – Herrsching. herrsching.online wollte von dem ehemaligen Pro-Natur-Aktivisten und Schutzpatron der Bäume wissen: Blick zurück im Zorn? Oder schmerzt der Abschied von der Seegemeinde?

herrsching.online: An Anlehnung an Loriot könnte man sagen: Man kann auch außerhalb Herrschings leben. Aber ist das wirklich sinnvoll? Sie versuchen es gerade; Ausgang des Experimentes ungewiss.

Herz: Ich habe nach 13 Jahren in Herrsching keinen Grund zu Wehmut, Abschiedsschmerz, gar Zorn. Ich habe ja außerdem kein Hausverbot in Herrsching, und ich bin ja auch nicht eingeheiratet. In den ersten Wochen, als wir nach Herrsching kamen, habe ich zu meiner Frau gesagt: Ich muss heute morgen den Schlüssel an der Rezeption abgeben, weil man immer denkt, dass man hier im Urlaub lebt. Es war ja unwirklich schön für jemanden aus dem Ruhrgebiet. Aber dann hat man über ein kleines bisschen gesellschaftspolitisches Engagement die Innereien Herrschings kennen und lieben gelernt. 

herrsching.online: Vielleicht, das sei gestanden, erwarten wir jetzt der Story wegen so etwas wie eine Generalabrechnung mit Herrsching, so wie sie der Philosoph Björn Vedder in seinem Buch „Das Befinden auf dem Lande“ gewagt hat.

Thema in der Kneipe: Gucci-Tasche oder Ferrari-Felgen

Herz: Ich habe mich damals ausführlich auch auf herrsching.online zu diesem Buch geäußert. Wahr ist jedenfalls, dass Herrsching in einer Blase lebt, weil es den Leuten überwiegend und überdurchschnittlich sehr sehr gut geht. Meine Heimat Gelsenkirchen ist die Stadt, die als ärmste der Republik gilt. Und dann hat es mich in den Landkreis verschlagen, der als der kaufkräftigste der Republik ausgewiesen ist. Also: Ein paar Dinge hier sind schon realitätsfremd.  Zum Beispiel die Preise, die hier fürs Wohnen aufgerufen werden. Und die Gespräche, die man führt, kreisen um andere Sachen als bei uns im Ruhrgebiet. Mir hat mal eine alteingesessene Herrschinger Geschäftsfrau gesagt, dass abends beim Bier über das ukranische Au-Pair-Mädchen, die neue Gucci-Tasche oder die neuen Ferrari-Felgen des Mannes geredet wird.  Und das bezeichne ich jetzt nicht mehr als normal. Die andere Seite der Medaille: Der Sohn einer Familie würde nach seinem Studium gerne wieder in Herrsching leben, aber er kann sich hier keine eigene Wohnung leisten, obwohl er einen Masterabschluss in der Tasche hat. 

herrsching.online: Droht da  eine gewisse Vergreisung, weil sich junge Menschen den Ort nicht mehr leisten können?

Herz: Ich glaube schon, dass die Alterspyramide in Herrsching ein bisschen aus der Façon geraten ist… wie überall – nur noch on top extrem kostspielig.

herrsching.online…33 Prozent der Herrschingerinnen und Herrschinger haben die 60 überschritten, in der Gesamtbevölkerung Deutschlands sind es 30 Prozent…

Herz… ja, vielleicht kommen durchs Gymnasium junge Familien in die Seegemeinde. Aber wo sollen die wohnen, der knappe Wohnraum ist kaum bezahlbar?

„Es gibt ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Konsens und Harmonie“

herrsching.online: Wie empfinden Sie das politische und soziale Klima in Herrsching?

Herz: Ich habe mich auch in meiner Blase bewegt. Was mir aber aufgefallen ist, dass es ein ausgeprägtes Bedürfnis nach politischem Konsens und politischer Harmonie gibt. Und diese Konfliktscheu führt dazu, dass sich auch in Herrsching diese braune Scheiße im Ort breit macht. Solange nicht jeder und jede am Arbeitsplatz, im Verein, an der Theke dazu Stellung nimmt und Haltung zeigt, breitet sich das aus und bei den Kommunalwahlen wird man es wahrscheinlich am Stimmergebnis sehen. Die demokratischen Parteien scheuen sich, vielleicht wegen der engen persönlichen Verbandelungen, in den Diskurs zu gehen. 

herrsching.online: Dabei gab’s bei den letzten Wahlen und danach eine Aufbruchsstimmung, progressive Gedanken beherrschten die Diskussionen, vieles schien möglich. Aber das ist nun wieder vorbei?

„Im Bauamt gibt es niemand mit ökologischer Expertise“

Herz:  Ich habe schon den Eindruck, dass das umweltpolitische Engagement geringer geworden ist.  Dabei hat es viele Versprechungen des Bürgermeisters und der Verwaltung gegeben, sich um Umwelt und Naturschutz auch persönlich zu kümmern. Aber seit die Stelle, die sich um solche Dinge fachlich qualifiziert gekümmert hat, nicht mehr besetzt wurde, ist vieles in Vergessenheit geraten. Im Bauamt gibt es niemand mit einer ökologischen Expertise oder „grünem Daumen“, ebenso nicht im gemeindlichen Bauhof.  Und dann konnte man beobachten, wie das kleine Flämmlein des Baumschutzes mit demokratischen Winkelzügen ausgepustet wurde.  Mit  Ausnahme der Bürgergemeinschaft Herrsching, die da mal den Rücken durchgedrückt haben, haben die anderen Parteien, und insbesondere die Grünen, mich enttäuscht.

herrsching.online: Wo sehen Sie denn in Herrsching ökologische Defizite?

Herz: Beim Bau habe ich immer wieder – das ist nun kein explizit ökologisches Thema – diesen ominösen Paragrafen 34 des Baugesetzes am Werk gesehen. Dank dieses Paragrafen, der immer gilt, wenn kein Bebauungsplan für das Gebiet vorhanden ist, sattelt der eine noch mal drei Prozent drauf,  der andere noch mal drei Prozent, und nach einigen Jahren hat sich das Baumaß dramatisch erhöht, weil sich ein Bauherr immer auf den anderen beziehen darf, der vorher schon mehr oder weniger erlaubt ein paar Prozent draufgesattelt hat.

Wo bleiben die grünen Fassaden und begrünten Dächer?

herrsching.online: Aber das ist natürlich kein spezifisches Herrschinger Phänomen, da müsste man das bayerische Baugesetz ändern. Wo haben wir beim Naturschutz Defizite?

Herz: Bei den Bauvorhaben, die jetzt gerade in Herrsching realisiert werden,  tut sich immer noch nichts in Sachen Fassaden- und Dachbegrünung.  Nicht mal die Feuerwehr, das Rathaus oder die gemeindliche Kita am Fendlbach ist  fassaden- oder dachbegrünt…

herrsching.online:… immerhin müssen nach der neuen Stellplatzsatung jetzt Garagendächer begrünt werden.  

Herz: In der Gemeindeverwaltung fehlt eine Stelle, die eine Fachfrau, ein Fachmann fürs Grüne besetzt.  Wenn an Stellen, die jetzt total vesiegelt sind, mehr Bäume stehen würden, dann wäre die Umgebung mehrere Grad kühler.

herrsching.online: Es gab auch auf herrsching.online schon Leserkommentare, die meinten: Es gibt genug Bäume in Herrsching, wenn man vom See auf Herrsching guckt, ist doch alles grün.

Herz:  Der Ort kann durchaus noch einmal die gleiche Menge Bäume vertragen.  Es sind ja nicht unbedingt die Bäume im Gemeindebesitz, sondern die Bäume auf Privatgrundstücken, die nach Beseitigung nicht adäquat ersetzt werden. Ich kann gut verstehen, dass sich der Private nicht gerne in seinen Garten quatschen lassen will. Aber es wird nun mal nicht anders funktionieren, wie man an der Entwicklung sieht.

Ich habe aus persönlichem Interesse mal die Temperaturen vor dem Rathaus und  in der Nähe des Kurparkschlösschens im Sommer 2024 gemessen. Unter dem alten Baumbestand  war es mittags um viereinhalb Grad kühler als am Rathausvorplatz.  Ich habe dann als einfache Maßnahme vorgeschlagen, die Bäume in der Bahnhostraße nicht wie Rasierpinsel zu beschneiden, sondern zu richtigen Bäumen auswachsen zu lassen. Dieser Vorschlag wurde dankenswerterweise aufgenommen. Trotzdem vermisse ich in der Gemeinde diesen intrinsichen grünen Daumen.  

herrsching.online: Dem Wald, den man vom See aus sieht, geht’s ja laut Waldschadensbericht auch nicht so prickelnd gut. 

Herz: Masse ist ja nicht immer gleich Klasse.

herrsching.online: München unternimmt im Zuge der Maßnahmen zur Hitzeresilienz wieder Anstrengungen, auch private Bäume besser zu schützen.

Herz:  München hat im öffentlichen Bereich eine positive Baumbilanz, aber im privaten Bereich durch Investoren und Baugesellschaften soviele Bäume verloren, dass der  Zugewinn bei den kommunalen Bäumen nicht aufgewogen wird.  Es ist das gleiche Problem.

herrsching.online: In kommunalen Ausschreibungen für die Grünplanung war auch von Bürgerbeteiligungen die Rede. Sehen Sie da Bemühungen der Gemeinde, die Bürgerschaft mehr einzubinden?

Herz: Findet eigentlich nicht statt. Hat man Angst vor dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger,  vor mitunter etwas abwegigen Anregungen? Eine ausgearbeitete Planung sorgt ja nicht dafür, dass sich die Bürgerschaft besonders engagiert. Meistens haben die direkten Anwohnerinnen und Anwohner die besten Anregungen.

herrsching.online: Um nun den Fragekreis wieder zu schließen: Wie leben Sie künftig ohne den geliebten See?

Herz:  Ja, den kann tatsächlich nichts ersetzen. Und ohne See gäbe es auch keinen Tourismus in Herrsching. Deshalb sollte auch ein Bericht über den sich erwärmenden See, wie er kürzlich auf herrsching.online erschienen ist, für den Ort alarmierend sein. Ich wünsche Herrsching das notwenige Bewusstsein, welche außergewöhnlichen Schätze man vor der heimischen Haustür zu bewahren hat.     

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