In das großflächige Klagen über übellaunige Verbraucher möchte der Herrschinger Chef des Gewerbeverbandes „Wir“ nicht einstimmen. Die Zeiten, so der Möbelhändler, seien schon mal schwerer gewesen. Der Beweis für ein solides Kaufklima in Herrsching sieht der Verbandschef in dem geringen Leerstand an Geschäftsräumen. herrsching.online wollte von Michael Darchinger und seiner Stellvertreterin Karin Zottmann- Eckhoff aber auch wissen, wo Herrsching noch besser werden kann. Große Hoffnung setzt der Verbund auf das neue Gewerbezentrum CampusVerde im Gewerbegebiet. Es könnte die neue Attraktion der Seegemeinde werden – wenn denn mal gebaut wird.
Michael Darchinger und Karin Zottmann-Eckhoff über
• das geplante CampusVerde im Gewerbegebiet
• den Leerstand an Geschäftsräumen in Herrsching
• den Mangel an Parkplätzen und den Standortvorteil von Weilheim
• Preiserhöhungen, die nicht voll an Kunden weitergegeben werden
• Konkurrzenz aus dem Internet: Leute lassen sich im Einzelhandel beraten und kaufen dann im Internet
herrsching.online: Herr Darchinger, macht es in Zeiten von Versandhandel, Inflation und mangelnder Kauflaune der Leute noch Spaß, Einzelhändler zu sein?
Darchinger: Da fragen Sie genau den Richtigen. Ich wollte schon als kleiner Junge im großelterlichen Betrieb Unternehmer, also Einzelhändler, sein. Erst später kamen dann im Laufe der Zeit noch meine innenarchitektonischen Leistungen dazu. Wir haben im Einzelhandel aber schon deutlich schwerere Zeiten erlebt. Zum Beispiel während der Corona-Pandemie. Und die Herrschinger Unternehmer haben auch schon bewiesen, wie einfallsreich sie auf Krisen reagieren können. Die Zuversicht und die Begeisterung für den Handel ist auch daran zu erkennen, wieviele Läden in diesem Jahr in Herrsching wieder eröffnet haben.
herrsching.online: Wieviele sind es denn?
Darchinger: Im Gewerbeverband haben wir vier neue Mitglieder, die Ladengeschäfte eröffnet haben. Wir sind auch mit weiteren Ladenbesitzern im Gespräch. Wir haben in diesem Jahr aber auch außerhalb des Einzelhandels mehrere Neumitglieder dazugewinnen können, zum Beispiel aus den Bereichen Handwerk und Dienstleistung. Auch sonst steht unser Gewerbeverein ganz gut da. Wir haben unter anderem einen Nobelpreisträger, einen Volleyballverein als GmbH in der ersten Bundesliga und seit letzter Woche die beste Apotheke Deutschlands in unserem Verbund.
herrsching.online: Aber man bemerkt in Herrsching auch Leerstände.
Darchinger. Ja, aber man merkt auch, dass die Geschäfte schnell wieder neu besetzt werden.
Zottmann-Eckhoff: Im Vergleich zu anderen Gemeinden haben wir wenig Leerstände.
herrsching.online: Aber es gibt ja sicher auch Probleme, die Herrschinger Unternehmer belasten. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?
Darchinger: Die höheren Energiepreise sind ein Riesenthema. Und die höheren Einkaufspreise, die Händler nicht eins zu eins an die Kunden weitergeben wollen, belasten uns auch.
herrsching.online: Es gibt ja auch Geschäfte, die ihre Preise in der Inflationszeit stärker angehoben haben, als die Einkaufspreise gestiegen sind.
Darchinger: Ja, aber ein solches Geschäft macht das nicht lange mit. In einer Konsumflaute muss es dann reagieren und die Preise wieder zurücknehmen oder eine Aktion veranstalten. Ich habe das eigentlich nie erlebt, dass jemand die Preise künstlich anhebt, wenn ohnehin weniger gekauft wird.
herrsching.online: Der Wettbewerb spielt bei der Preisgestaltung eine wesentliche Rolle: Wenn ich als Unternehmer nicht in einer Wettbewerbssituation bin, habe ich viele mehr Spielraum bei den Preisen.
Zottmann-Eckhoff: Wenn die Kundschaft einen Preis nicht akzeptiert, dann wird auch nicht gekauft. Oder die Leute kaufen im Internet. Ich kann da jetzt nicht mitreden, weil man Dienstleistungen nicht im Internet kaufen kann. Aber oft ist es leider so, dass sich die Leute im Geschäft beraten lassen und dann im Internet kaufen.
herrsching.online: Auch Sie als Möbelgeschäft sind da fein raus. Möbel im Internet zu kaufen ist doch etwas umständlicher.
Darchinger: Versandmöbel sind in der Regel in einem Preissegment, wo es egal ist, ob das Möbel nun bequem oder unbequem ist. Es gibt nur eine Ausnahme, und zwar wenn man einen speziellen Klassiker sucht.
herrsching.online: Welche Branchen sind denn besonders durch das Internet-Angebot gefährdet?
Darchinger: Gefährdet sehe ich wenige Branchen. Ich würde es einen verschärften Wettbewerb nennen.
Zottmann-Eckhoff: Die Modebranche steht schon verschärft im Wettbewerb mit Anbietern im Internet. Auch Kosmetika und Spielwaren sind gern im Netz bestellte Waren. Und bei technisch anspruchsvollen Sachen lassen sich die Leute gerne kompetent beraten im Einzelhandel und bestellen dann bei Händlern im Internet. Manche Händler sind dazu übergegangen, dass sie für die Beratung 50 Euro verlangen, die beim Kauf natürlich angerechnet werden.
Darchinger: Das kommt tatsächlich auf die Branche an. Aber man muss auch mal festhalten, dass ein Versandhandel nichts Neues ist. Den Otto- und Quelle-Katalog gab’s in Deutschland jahrzehntelang. Aber der Einzelhandel bietet im Vergleich zum Versandhandel ja auch wertvolle Vorteile: Man kann die Ware im Geschäft anfassen und dann auch gleich mitnehmen. Viele Händler in Herrsching, wie auch wir, haben deshalb die Strategie darauf ausgerichtet und ihr Lager vergrößert. Man hat die Gewährleistung und Garantie und notfalls auch den Reparaturservice vor Ort. Es gibt natürlich auch Leute, die nur noch im Internet kaufen. Das ist ihr gutes Recht. Aber dann müssen sie auch den Aufwand bei der Rückabwicklung in Kauf nehmen. Deshalb meine ich, dass diese Leute für den Einzelhandel nicht komplett verloren sind, wenn sie mit der Zeit erleben, welche Mühe sich die Händler vor Ort geben und welche Vorteile das Einkaufen im stationären Handel hat.
herrsching.online: Im Netz kaufen ist ja auch mit Risiken verbunden.
Darchinger: Je höher die Summen sind, die da umgesetzt werden, desto mehr Ganoven tummeln sich auch in diesen Geschäftsfeldern.
herrsching.online: Viele Unternehmen klagen, dass sie keine Fachkräfte mehr bekommen. Hören Sie diese Klagen auch von Ihren Verbandsmitgliedern?
Darchinger: Wir haben in der Schreinerei und im Möbelgeschäft kein Problem, Fachkräfte zu finden. Aber wir wissen, dass viele andere Untenehmen diese Sorge haben. Aber die beste Methode, dieses Problem zu lösen, ist die Ausbildung. Wir bei Darchinger bilden mittlerweile seit 88 Jahren aus. Wenn man sich die Leute selber heranzieht, dann ist das Problem weitgehend gelöst. Durch unsere Vernetzung im Verband vermitteln wir auch Azubis.
herrsching.online: In Ihrem Verband WIR sind ja auch Handwerker organisiert. Kommt in Herrsching schnell ein zuverlässiger Handwerker ins Haus?
Darchinger: Gerade die Handwerker, die in unserem Verband sind, haben jahrezehntelange Erfahrung und kommen bei Bedarf auch in absehbarer Zeit ins Haus. Was wir nicht mehr haben, ist ein Glaserbetrieb, da muss man tatsächlich auf einen Betrieb in einem Nachbarort ausweichen. Dafür haben hier im Ort sogar Spezialisten wie zum Beispiel einen Schuhorthopäden, mehrere Augenoptiker und mehrere Hörakustiker.
herrsching.online: Es gibt Einzelhandels-Kampagnen mit dem Aufruf: Unterstütze deinen lokalen Händler. Wie aber kann man Solidarität mit dem örtlichen Händler beweisen, wenn es ihn nicht mehr gibt? Beispiel Foto-Fachgeschäfte.
Darchinger: Es gibt einfach Branchen und Geschäfte, die sich technologisch überlebt haben, wie zum Beispiel die Videotheken. Dafür aber kommen neue Geschäftsfelder und- ideen auf den Plan. Für Unternehmer mit Visionen plant zum Beispiel die Asto Group aus Gilching ein gewaltiges Projekt im Gewerbegebiet in Herrsching namens CampusVerde.

Hier soll eine Heimstätte für produzierendes Gewerbe, Technologie- und Dienstleistungsunternehmen entstehen. Nach meinem Kenntnisstand soll mit dem Bau des ersten Gebäudes begonnen werden, wenn eine Vorbelegung von etwa 50 Prozent vorliegt. Damit ist genügend Gewerbefläche vorhanden für Investoren. Wir im Verband haben da die Augen weit offen, um zu vermitteln. Die Asto Group ist eine sehr umtriebige Firma, die viele Gewerbeparks entwickelt hat. Die Asto baut schlüsselfertige Gewerbeparks zum Beispiel für Medizintechnik, Life-Sciene-Cluster, oder andere innovative Technologiebranchen. Sie ist sogar in der Geothermie tätig. Im astoPark in Gilching haben sich Firmen aus der Luft- und Raumfahrt angesiedelt, und darum herum ergänzende Gewerbebetriebe wie zum Beispiel auch Druckereien. Das Projekt in Herrsching nennt sich CampusVerde, weil das Gelände sehr begrünt sein wird und mit Dachterrassen und öffentlichen Freiflächen der Fokus auf Aufenthaltsqualität gelegt wird.
herrsching.online: Und schon sind wir bei den Mieten für Gewerbeflächen. Wie hoch sind die Mieten in Herrsching?
Darchinger: Wer einen alten Mietvertrag besitzt, kann sich glücklich schätzen. Aber grundsätzlich sind die Mieten hier in Herrsching weitaus günstiger als in München. Und man muss auch feststellen, dass sich die Vermieter während des Corona-Lockdowns sehr großzügig gezeigt haben. Wenn die Vermieter keine Konzessionen gemacht hätten, dann hätten sich viele Unternehmen sehr viel schwerer getan. Auch hier haben wir in unserer Funktion als Unternehmensverbund vermitteln können. Wir helfen, wem wir können.
herrsching.online: Aus der Händlerschaft kam kürzlich die Beschwerde, dass der, die Herrschingerin nicht der beliebteste Kunde ist, weil er gezielt seinen Laden sucht und keine Zeit zum Flanieren und zu Spontankäufen hat. Dabei sind die Herrschinger relativ wohlhabend?
Zottmann-Eckhoff: Wir haben schon eine Bevölkerungssstruktur, deren Einkommen über dem Durchschnitt liegt. Aber pauschalisieren kann man das nicht…
Darchinger… aber es geht ja in der Frage um die Kaufmentalität und nicht um die Bonität.
Zottmann-Eckhoff: Hier spielt ja nicht nur das Kaufverhalten eine Rolle, sondern auch der Einkaufskomfort wie das Parkplatzangebot. Wegen großer Parkraumangebote in Innenstadtnähe entschließen sich manche Kunden, lieber nach Weilheim oder nach Landsberg zu fahren. Da gibt es zudem eine schöne Fußgängerzone.
herrsching.online: Fußgängerzone ist ein schönes Stichwort. Herrsching bietet eine solche Meile leider nicht.
Darchinger: Wir arbeiten an der Attraktivität von Herrsching, zum Beispiel durch eine hübsche Weihnachtsbeleuchtung und besondere Aktionen. Auch das städtebauliche Ortsbild versuchen wir nach unseren Möglichkeiten zu verändern. Wir sprechen mit verschiedenen Grundstückseigentümern im Ort, um Veränderungen voranzutreiben, so wie Sie es als Ergebnis in den nächsten Wochen auf dem Vorplatz von Codello und Optik Matt erleben können. Zudem kann man kann den Leuten zeigen, dass es hier tolle Geschäfte gibt, die sich was einfallen lassen. Zum Beispiel verkaufsoffene Sonntage im Herbst und Frühling und einen Nachtmarkt Feuer und Flamme. Aber um es noch einmal klarzustellen: Der Herrschinger ist kein schwieriger Kunde, der auswärtige Kunde hat deshalb mehr Zeit, weil er sich fürs Einkaufen extra frei nimmt.
Zottmann-Eckhoff: Viele Herrschinger arbeiten in München, und es liegt auf der Hand, nach der Arbeit schnell einkaufen zu gehen.
Darchinger: Wir können aber in Herrsching auf die Kooperation und Hilfsbereitschaft der Gemeinde bauen. Das Rathaus hilft uns, wo es nur geht. Wir hatten noch nie so einen angenehmen Kontakt zur Gemeinde.