Die Herrschinger Apothekerin Helen Brugger vor ihrer Seeapotheke: Am Montag wird gestreikt. Foto: Gerd Kloos

Am Montag protestieren Apotheker: Warnstreik

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Ist die Apotheke um die Ecke in ihrer Existenz gefährdet? Ja, sagen Deutschlands Apotheker. Um die Dringlichkeit ihres Anliegens zu unterstreichen, treten sie für einen Tag in eine Art Warnstreik: Am Montag, 23. März, haben nur Notdienst-Apotheken geöffnet (Rosen Apotheke in Seefeld und die St. Vitus Apotheke in Gilching). Die anderen Apotheker demonstrieren auf zentralen Kundgebungen gegen die – nach ihrer Ansicht – veralteten Honorarregeln. Warum die Apotheker nun auf die Straße gehen, sagt die Herrschinger Apothekerin Helen Brugger (See- und St.-Nikolaus-Apotheke) im Gespräch mit herrsching.online.

herrsching.online: Deutschland im Warnstreik-Modus. Und jetzt auch noch die Apotheken…

Brugger: Wir streiken ja so gut wie nie…

herrsching.online: Darf eine Apotheke überhaupt streiken?

Brugger: Es gibt ja noch die Notdienstapotheken. Der Apothekerverband hat die Aktion geprüft und abgesegnet. Sonst sorgen wir ja zuverlässig sechs Tage in der Woche für die Gesundheit der Bevölkerung.

herrsching.online: Was fordern denn die Apotheken?

Brugger: Wir haben mehrere Forderungen. Die erste: Wir wollen die im Koalitionsvertrag versprochene Honorarreform. Seit 2013 wurde das gesetzlich festgelegte Honorar für verschreibungspflichtige Medikamente nicht angepasst. Unsere Kosten sind aber in dieser Zeitspanne um 65 Prozent gestiegen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass seither ein Fünftel der Apotheken schließen mussten. Deutschland muss nun mit 20 Prozent weniger Apotheken auskommen. Wir wollen eine Honorarnachvergütung durchsetzen und eine Vereinbarung mit den Krankenversicherung über eine regelmäßige Anpassung. Außerdem fordern wir einen Bürokratieabbau und Lösungen für die Lieferengpässe. Dieses Problem muss praxistauglich gelöst werden. Die derzeitigen Apothekerkosten bei den Krankenkassen-Ausgabe belaufen sich nur noch auf 1,8 Prozent. Kein sehr hoher Anteil, wenn man bedenkt, dass wir täglich drei Millionen Patienten beraten und versorgen.

herrsching.online: Was sind denn die Kostentreiber in den Apotheken?

Brugger: Steigende Personalkosten durch höhere Gehälter, eine wuchernde Bürokratie, höhere Energiepreise und die Inflation.

herrsching.online: Das heißt, die Medikamente, die Sie verkaufen, werden immer teurer, aber die Apotheken partizipieren nicht von den steigenden Warenpreisen?

Brugger: Vereinfacht gesagt, ist das so. Unsere Umsätze wachsen tatsächlich jedes Jahr: Es kommen jedes Jahr immer mehr hochpreisige Medikamente auf den Markt, die die Arzneimittel-Ausgaben natürlich in die Höhe treiben.

herrsching.online: Sie verdienen nur pauschal am Verkauf eines Medikaments?

Brugger: Wir verdienen tatsächlich nur in einem kleinen Rahmen prozentual an einem Medikament. Es geht um das Fixum, das wegen der zuvor genannten Kostensteigerungen dringend angehoben werden muss.

herrsching.online: Sie wollen aber die Preisbindung bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten erhalten?

Brugger: Ja. Es darf nicht sein, dass ein Medikament in der einen Apotheken mehr und in der anderen weniger kostet.

herrsching.online: Machen Ihnen die Versandapothekten das Leben zusätzlich schwer?

Brugger: Der Internethandel macht jeder Branche große Schwierigkeiten. Schauen Sie sich in Herrsching um, wieviele Geschäfte inzwischen aufgegeben haben. Wir als Einzelhandel müssen dem Kunden einen Mehrwert bieten. Bei den Preisen hat der stationäre Einzelhandel hier keine Chance.

herrsching.online: Immer mehr Menschen suchen medizinischen Rat bei Dr. Google. Braucht man deshalb die qualifizierte Beratung durch eine niedergelassene Apotheke, um falsche Eigenmedikation zu korrigieren?

Brugger:  Wie bei anderen Produkten informieren sich die Leute immer mehr im Internet. In vielen Fällen halte ich es für sinnvoll, trotzdem eine Apotheke oder bei bestimmten Symptomen einen Arzt zu konsultieren. Dr. Google macht noch zu viele Fehler. Ob das in zehn, zwanzig Jahren dank der KI besser funktioniert, wissen wir heute noch nicht. Aber Stand heute kann die KI einen Arzt nicht ersetzen. 

Als Beispiele für sinnlose Bürokratie führte Helen Brugger zwei Beispiel sinnloser Bürokratie an. Eine Kundin brauchte dringend vor ihrem Urlaub ein Medikament. Der Lieferant, der uns seit Jahren beliefert, verlangte aber vor der Lieferung einen abermaligen Betriebserlaubnis-Nachweis von uns, obwohl wir jahrelanger Kunde bei dieser Firma waren und der Nachweis vom letzten Jahr noch vorlag. Die Kundin hätte deshalb beinahe ihr Medikament nicht rechtzeitig bekommen.

Zweites Beispiel: Bei den medizinischen Hilfsmittel hat jede der vielen Krankenkassen eigene Bestimmungen, was erstattet wird. Die Apotheken müssen durch diese Regulierungen durcharbeiten, um der Kundin, dem Kunden sagen zu können, ob das Hilfsmittel nun von der Kasse bezahlt wird oder ob es einer Genehmigung bedarf. Hier wäre dringend eine Vereinheitlichung geboten. Und es würde auch auf Seiten der Krankenkassen viel Zeit und Kosten sparen.

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