Ein Kommentar von Gerd Kloos
Nach Adam Riese gibt es im neuen Gemeinderat ein Patt zwischen CSU auf der einen Seite, und Grünen, BGH und Linkem auf der anderen Seite. Nach Siegmund Freud aber ist vieles möglich am frisch besetzten Ratstisch. Wenn zehn gegen zehn stimmen, kommt es auf den Bürgermeister, die drei SPD-Stimmen und den verbliebenen FDP-Mann an. Und jetzt kommt Freud ins Spiel: Wieviele Räte folgen ihren spontanen Eingebungen oder persönlicher Zuneigung? Wieviele Mandatsträger kalkulieren kühl, wie man seine Wählerklientel bedienen kann? Und wieviele Ratsmitglieder stimmen in einem Akt politischen Heldenmuts mit der Gegenseite?
Aber das ist eher Politik-Romantik, der neue Rat ist in seiner Mehrheit strukturkonservativ. Die großen Zukunftsfragen der Gemeinde werden nicht experimentell entschieden: Herrsching wird in zehn Jahren nicht im heißen Wasser aus der Tiefe baden, die Geothermie bleibt eine Fata Morgana. Dafür sprudelt der Verkehr weiter durch die Seegemeinde, ohne durch Fußgängerzonen, Einbahnstraßen und Vorort-Parkplätze behindert zu werden. Die Finanzpolitik wird sich an der Mentalität von Merkels „schwäbischer Hausfrau“ orientieren, die Schuldenbremse verhindert visionäre Projekte. Der Übertourismus macht die Ortsmitte zur No-Go-Area. Die Nachverdichtung im Ort frisst in den nächsten Jahren jedes Gärtlein auf, das Tante Erna geldgierigen Erbengemeinschaften hinterlässt. Und die Bäume, die den Monsterbauten im Weg stehen, landen in den Kaminen der teuren Eigentumswohnungen und verpesten die Luft.
Man muss kein Pessimist sein wie der Herrschinger Max Kellner (Kommentar auf herrsching.online: „Bäume weg, check. Kfz-Verkehr priorisiert, check. Finanzschule verspielt, check. Die Gemeinde wegen einer Luxusschule in größte Geldsorgen geführt, check. Sozialwohnungen und Wohnen für Herrschinger, naja, wohl vergessen? Sicherere Zuwegung zur Realschule, auch keine Verbesserung. Kinderspielplätze, ein Armutszeichen“). Die Mehrheit des Rates sieht es wie früher Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
17 Männer und sieben Frauen sitzen künftig am Ratstisch – eine mehr als im alten Gemeinderat. In der Grünenfraktion darf nur eine Frau mitmischen, und die ist nicht einmal Parteimitglied. In der CSU liegt der Frauenanteil immerhin bei 30 Prozent. Die SPD-Frauenquote wurde knapp gerettet durch eine neue, unbekannte Bewerberin, die allerdings einen Doktortitel mitbringt. Hat in Herrsching mal wieder das Polit-Patriarchat gesiegt?
Dass Frauen am Ratstisch eine schützenswerte Minderheit sind, liegt natürlich zuerst einmal an den Parteien: Die CSU bot von 24 Kandidaten nur fünf Frauen an, dass drei durchgekommen sind, liegt an der Vereinsunterstützung für zwei Bewerberinnen und dem prominenten Namen einer Professorin. Eine CSU-Frau, die sich auf Platz fünf bewarb, fiel dagegen auf den zwölften Platz zurück.
Aber es liegt natürlich auch an den Wählerinnen und Wählern, die ihre Kreuzchen manchmal logikfrei verteilt haben. So landete bei der CSU ein Bewerber auf Platz vier, obwohl er gefühlt zwei Drittel aller Sitzungen aus beruflichen Gründen versäumt hat – eine seltsame Art der Danksagung. Andere Gemeinderäte, die in den meisten Sitzungen so redselig waren wie Mönche eines Schweigeordens, machten riesige Sätze nach vorne, als hätten sie Herrschings Schicksal bestimmt. Und bei den Grünen verdrängte ein promovierter Bewerber mutige, meinungsfreudige Frauen, als ob ein Doktortitel politisches Talent garantiert.
Hilfreich für eine erfolgreiche Bewerbung sind übrigens öffentliche Statements. So schafften es fünf von sieben Kandidaten, die auf herrsching.online mit profunden Interviews auftauchten, in den Gemeinderat. Nur eine Interviewpartnerin fiel durch. Aber das ist eine andere Sache. Sie hatte sich wohl zu pointiert für Frauen in der Poltik eingesetzt. Das mögen manche Cordhosenträger nicht so sehr.



