Der Wahlkampf um das Bürgermeisteramt war kein Streichelzoo und Harmoniegipfel, aber auch kein Hauen und Stechen: Die Herausforderin Karin Casaretto und der Amtsinhaber Christian Schiller haben sich beim Straßenwahlkampf sogar mal untergehakt. Trotzdem bleiben zentrale Fragen der künftigen Gemeindepolitik strittig: Zur Bahnhofsanierung, zur Verkehrsberuhigung, zum Wohnbau und zur „Familienpolitik“ haben beide stark abweichende Konzepte. Meilenweit auseinander liegen die Pläne beider zur Geothermie. herrsching.online hat beiden Bewerbern zehn gleiche Fragen gestellt. Eine bessere Entscheidungshilfe für die Wahlurne gibt’s nicht.
Knappes Geld
herrsching.online: Das Geld wird auch in Herrsching knapp. Wo soll Herrsching bei Investitionen Schwerpunkte setzen, und wo kann ohne soziale Schäden gespart werden?
Casaretto: Zunächst müssen alle lebensnotwendigen Grundlagen für jeden von uns gesichert sein: Sauberes Wasser, gesunde Nahrung, frei zugängliche Energie (unabhängig von der großpolitischen Lage) und ein Dach überm Kopf. Die Corona-Zeit und der Ukrainekrieg haben uns deutlich gezeigt, wie essentiell diese Bereiche plötzlich für uns sein können. Genau hier sehe ich auch die Schwerpunkte zukünftiger Investitionen: Bezahlbarer Wohnraum, Katastrophenschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen, sowie eine unabhängige Energieversorgung gehören zu den zentralen Anforderungen an unsere Zeit.
Schiller: Vor allem aufgrund der hohen Kreisumlage müssen wir in der Zukunft leider noch stärker zwischen unseren gesetzlich definierten Pflichtaufgaben und den sogenannten freiwilligen Aufgaben differenzieren. Gleichzeitig dürfen wir unsere Ehrenamtlichen, zum Beispiel in den Vereinen, nicht aus dem Fokus verlieren. Ohne ehrenamtlichen Engagement stirbt das soziale Leben in unserer Gemeinde. Gerade das soziale Miteinander macht unsere Gemeinde so besonders.
Darüber hinaus hat der Gemeinderat mit seinen Beschlüssen bereits wesentliche Schwerpunkte für die nächsten Jahre festgezurrt. Hierbei sind zu erwähnen: Bezahlbarer Wohnraum am Mitterweg, Sanierung der Liegenschaft Keramikstraße 5 (Kindergarten Kindertreff Herrsching), Kultursaal in der katholischen Kirche St. Nikolaus, weitere Photovoltaikanlagen, Baumentwicklungskonzept an der Seepromenade inklusive der Wegesanierung und in der Bahnhofstraße.
Wohnen, die soziale Frage Nummer eins
herrsching.online: Wohnen ist die soziale Frage Nummer eins in Deutschland – und auch in Herrsching. Wie kann Herrsching den Wohnungsbau mit bezahlbaren Mieten fördern?
Casaretto: Erstens: Auf dem ehemaligen Bofrost-Areal soll bezahlbarer Wohnraum entstehen – für junge Menschen und für Seniorinnen mit kleiner Rente. Im Erdgeschoss soll eine Tages- und Kurzzeitpflege untergebracht werden, die in Herrsching fehlt. Denkbar wäre eine Verpachtung des Geländes an eine Wohnbaugenossenschaft mit lokaler und sozialer Bindung. Somit würde die Gemeinde Pachteinnahmen generieren und sozialen Wohnbedarf abdecken.
Zweitens: Das Einheimischenmodell auf der Klosterwiese in Breitbrunn soll endlich umgesetzt werden: Die Kirche stellt hier ein großes Grundstück zur Verfügung, um junge Familien zu fördern, die sich zu ortsüblichen Grundstückspreisen sonst kein Eigenheim leisten könnten. Dieses Projekt, das rund 40 Wohneinheiten für Familien schaffen könnte, wird seit über zehn Jahren nicht konsequent vorangetrieben.
Drittens: Durch gezielten Einsatz des „Bauturbos“: Mit diesem neuen Gesetz bekommen Gemeinden und Städte die Macht, über herkömmliches Baurecht hinweg zu gestalten. Jedoch empfehlen Baujuristen dringend, durch eine kommunale Leitlinie den Bauturbo an die Schaffung von bezahlbaren Wohnraum zu binden. Damit wird verhindert, dass er für flächenintensive Bauvorhaben missbraucht wird und die Grundstückspreise für Familien noch unbezahlbarer werden.
Schiller: Grundsätzlich ist die Preisfindung auch immer beeinflusst durch Angebot und Nachfrage. Die seit langem bei uns anhaltende hohe Nachfrage, bei gleichzeitigem Wohnungsraummangel, führt natürlich auch zu erhöhten Preisen. Hier könnte in der Zukunft uns der am 30. Oktober letzten Jahres in Kraft getretene Bauturbo helfen. Ganz einfach erklärt: Über diesen Bauturbo können wir mittels privatrechtlichen Verträgen mit den Bauwerbern eine prozentuale Abtretung zu Gunsten der Gemeinde vereinbaren. Hier könnte die Gemeinde einen gewissen Teil des neu geschaffenen Baurechts für zum Beispiel bezahlbaren Wohnraum nutzen. Zusätzlich brauchen wir unbedingt Fördermittel von Staat und Bund, die wir auch in der Vergangenheit wenn möglich immer genutzt haben. Ob diese auch in der Zukunft zur Verfügung stehen, ist derzeit mehr als fraglich.Der Bauturbo wird auch ganz konkret bei der Klosterwiese in Breitbrunn Anwendung finden. Die nächsten Schritte hierzu und entsprechende Beschlüsse sind bereits im Bauausschuss am 19. Januar in Abstimmung mit der St. Josefskongregation gefasst worden.
Wo viele andere Kommunen leer ausgegangen sind, konnte ich, aufgrund meiner Erfahrung und meines Netzwerkes, die Fördermittel in Höhe von rund sieben Millionen Euro des Kommunalen Wohnungsbau-Förderprogramms für unser Bezahlbares Wohnbauprojekt am Mitterweg doch noch sichern. Die 26 Wohnungen werden voraussichtlich im vierten Quartal 2027 bezugsfertig sein. Der Mietpreis beträgt 13 Euro je Quadratmeter. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis Ende März. Informationen und Unterlagen findet man auf www.herrsching.de.
Herrsching braucht junge Familien
herrsching.online: 40 Prozent der Herrschingerinnen und Herrschinger hatten ihren 60. Geburtstag schon gefeiert. Durch welche Maßnahmen kann man junge Familien nach Herrsching locken oder junge Familien im Ort behalten?
Casaretto: Mein besonderer Fokus liegt auf jungen Erwachsenen und Familien, die bereits in Herrsching leben. Viele müssen den Ort – oft unfreiwillig – verlassen, weil sie sich ihre Heimat als Berufsanfänger oder junge Familie nicht leisten können. Daher ist bezahlbarer Wohnraum der wichtigste Schlüssel, um junge Menschen hier zu halten. Die geplanten Wohneinheiten im Bofrost-Gelände, das Einheimischenmodell in Breitbrunn und die gezielte Nutzung des Bauturbos für preisgedämpften Wohnraum sind dafür entscheidend.
Doch Wohnen allein reicht nicht. Herrsching braucht wieder mehr Angebote, die junge Menschen ansprechen. Ich möchte rund um den Bahnhof ein lebendiges, öffentliches Areal schaffen, in dem sich auch junge Menschen willkommen fühlen – etwa mit einem Café in einem Eisenbahnwaggon auf dem stillgelegten Gleis hinter dem Bahnhof, durch die Belebung des brachliegenden Bahndamms, sowie durch kulturelle Formate im zukünftigen Kultur- und Bürgerbahnhof, die speziell auch jüngere Generationen ansprechen.
Schiler: Hier haben wir bereits in der Vergangenheit unsere Hausaufgaben gemacht. Junge Familien suchen immer die selben Rahmenbedingungen. Diese sind: Ausreichend Kinderbetreuungsplätze mit einer gewissen Auswahl an unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, Schulen am Ort, insbesondere weiterführende Schulen, hoher Freizeitwert und eine gute verkehrliche Anbindung an München. Zusätzlich bieten rund 100 Vereine ein breites Angebot für jeden Geschmack und Bedarf.
Gleichzeitig darf man jedoch auch nicht die besonderen Bedürfnisse unserer Seniorinnen und Senioren vergessen. Diese Bevölkerungsgruppe muss in allen Planungen und Überlegungen auch berücksichtigt werden. Sie sind auch ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Und jeder heute 30-Jährige wird irgendwann einmal ein Senior sein.
Wie beruhigen wir den Verkehr?
herrsching.online: In Herrsching fahren schon viele Bürgerinnen und Bürger eisern Fahrrad, auch wenn sie dabei nass werden. Dass es noch nicht genug sind, merkt man an den Parkplatzproblemen in den Haupteinkaufsstraßen. Durch welche Maßnahmen macht man den sanften Verkehr noch attraktiver?
Casaretto: Die Verkehrssituation vor dem Gymnasium ist lebensgefährlich. Dass diese Situation auch drei Monate nach der Schuleröffnung immer noch nicht gelöst wurde, ist aus meiner Sicht verantwortungslos. Hier braucht es eine Bedarfsampel, wie vor der Grund- und Mittelschule. Das wäre sofort umsetzbar. Auch die Fahrradsituation ist hier, wie an vielen Stellen im Ort nicht durchdacht. Es braucht vor allem durchgängige und sinnvoll geplante Radwege entlang aller Hauptverkehrsstraßen.
Schiller: Wir haben in den letzten Jahren im Rahmen des Verkehrskonzeptes viele Maßnahmen bereits umgesetzt. Auch wenn nicht alle Maßnahmen immer für jeden Bürger verständlich und nachvollziehbar sind, geht es immer um Geschwindigkeitsreduzierung und bessere Wahrnehmung schwächerer Verkehrsteilnehmer. Ich denke hier an die flächendeckende Umsetzung der 30er-Zonen, Fahrradstraßen, Querungs- beziehungsweise Mittelinseln, Fahrradschutzstreifen, Zebrastreifen und unsere Verkehrsüberwachung. Auch in Zukunft müssen wir jede Chance der Verbesserung prüfen, gemeinsam mit den Genehmigungsbehörden abstimmen und schließlich umsetzen.
Gerade beim Verkehrskonzept haben wir über den Arbeitskreis Verkehr nahezu jede Bevölkerungsgruppe aktiv in den Abwägungsprozess miteingebunden. Und noch ein Gedanke: Im Straßenverkehr ist jeder von uns ein Experte und würde das ein oder andere sicher gleich ändern, wenn er könnte. Doch müssen wir auch hier bei uns in Herrsching die gesetzlichen Vorgaben beachten. Gleichzeitig müssen wir fast immer mit dem vorhanden Platz beziehungsweise Straßenraum auskommen. Immer seltener sind private Grundstückseigentümer bereit, ein Teil ihres Grundstückes für eine Straße oder Gehweg abzutreten.
Zusätzlich ist anzumerken: Gerade auf unseren Staatsstraßen, die quer durch den Ort führen, ist unsere Möglichkeit der Einflussnahme aufgrund der Zuständigkeit bei Landkreis und Staatlichen Bauamt, sehr begrenzt.
Wie schaffen wir eine wohlproportionierte Bebauung?
herrsching.online: Das Ortsbild von Herrsching hat sich in den letzten Jahren geändert – und nicht immer zum Vorteil der Gemeinde. Ist es wünschenswert, dass Investoren den letzten Quadratmeter eines Grundstücks für maximale Bebauung ausnützen und Wohnkomplexe bauen? Durch welche baujuristisch erlaubten Maßnahmen könnte man eine wohlproportionierte Bebauung fördern?
Casaretto: Der Flächennutzungsplan unserer Gemeinde stammt aus dem Jahr 1998. Eine grundlegende Fortschreibung – normalerweise alle zehn Jahre vorgesehen – hat seither nicht stattgefunden. Stattdessen wurden nur punktuelle, „briefmarkenartige“ Änderungen vorgenommen. Genau diese Stückwerk-Politik hat zu dem heutigen Flickenteppich im Ortsbild geführt.
Als Bürgermeisterin würde ich gemeinsam mit dem Gemeinderat zunächst klären, welche Ziele wir für die Ortsentwicklung verfolgen, wo wir wachsen wollen und wie Klima, Umwelt, Natur und Aufenthaltsqualität gestärkt werden können. Auf dieser Grundlage entsteht ein moderner Flächennutzungsplan, der Leitlinien für Wohnraum, Grün- und Freiflächen, Klimaanpassungsflächen und Mobilität vorgibt. Bebauungspläne setzen diese Ziele verbindlich um. Sie können auch Größe, Höhe und Stil von Gebäuden regeln. Die bei uns heftig diskutierte Grünplanungsverordnung wurde durch das Bayerische Entbürokratisierungsgesetz abgeschafft. Stattdessen sichern heute Klimaanpassungs- und Umweltsatzungen verbindlich Baumschutz, Grünflächen, Dachbegrünungen und Regenwasserversickerung. Mit diesen Instrumenten kann die Gemeinde für klare Regeln, ein lebenswertes Ortsbild und klimafreundliche Quartiere sorgen. Den sinnvollen Eisatz des „Bauturbos“ habe ich ja bereits oben beschrieben.
Schiller: Es sind nicht immer – in Anführungszeichen – die Investoren, die für die Veränderung des Ortsbildes verantwortlich sind. Jeder Bauherr versucht für sich sein oder das Optimum zu erreichen. Ich sage explizit nicht – wieder Anführung – das Maximum.
Wenn es um das eigene Baurecht geht, sind selbst eingefleischte Natur- und Baumschützer bereit, halbe Wälder zu roden und gegen Bebauungspläne gerichtlich vorzugehen, nur um zum Beispiel einem Familienmitglied das Baurecht auf einem Grundstück zu ermöglichen. So, leider auch hier bei uns in der Gemeinde bereits geschehen. Beim Baurecht ist anscheinend doch jeder sich selbst der nächste. Leider.
In der Regel ist hier die Gemeinde (gemeint sind Bauausschuss und Verwaltung; Red.) nur ein Zuschauer, da die Baugenehmigungsbehörde immer das Landratsamt ist und eben nicht der Bauausschuss der Gemeinde. Selbst seit in Krafttreten des Bauturbos bleibt und ist das so.
Mit dem von der Bundesregierung beschlossenen Bauturbo, einhergehend mit den Änderungen des Bundes-Baugesetzbuches, soll möglichst viel Wohnraum in möglichst kurzer Zeit geschaffen werden. Diesem Grundsatz des Bundesgesetzes muss sich auch unsere Gemeinde stellen. Tatsächlich haben die Gemeinden jetzt mehr Möglichkeiten, mehr Baurecht zu ermöglichen. Die Einschränkung von bereits jetzt bestehender Baurechte ist auch weiterhin so nicht möglich. Dabei würden wir immer Gefahr laufen, schadenersatzpflichtig zu werden.
Seit 30. Oktober letzten Jahres müssen die Gemeinderäte mit noch mehr Aufmerksamkeit die Bauanträge bewerten und auch eventuell langfristige Auswirkungen von Einzelentscheidungen im Rahmen des Bauturbos berücksichtigen.
Unser Flächennutzungsplan wurde bereits 2022 in einer Klausurtagung durch den Gemeinderat und einer hochqualifizierten Stadtplanerin und Landschaftsarchitektin auf Funktionalität überprüft. Mit einem einstimmigen Beschluss hat der Gemeinderat dann bestätigt, dass der Flächennutzungsplan nicht geändert werden soll. Damit dient dieser weiterhin als Grundlage für die städtebauliche Entwicklungen unserer Gemeinde.
Ob Bebauungspläne in der Zukunft noch die gewünschte Wirkung entfalten können, bleibt abzuwarten. Noch hat Herrsching rund 70 gültige Bebauungspläne.
Wie sanieren wir den Bahnhof?
herrsching.online: Der Bahnhof in seinem desolaten Zustand ist Herrschings größtes Imageproblem und gleichzeitig größtes Phantasie-Objekt. Wer soll den Bahnhof sanieren, wer soll es zahlen, und welche Funktionen soll das Gebäude künftig bekommen?
Casaretto: Ich möchte den Bahnhof, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zum Herzen des Ortes machen. Der Bahnhof soll als Kultur- und Bürgerbahnhof saniert werden – mit Gastronomie und Veranstaltungen. Der Bahnhofsvorplatz wird verkehrsberuhigt und erhält echte Aufenthaltsqualität. Ein Jugendcafé in einem eigenen Zugwaggon auf dem stillgelegten Gleis soll ein attraktiver Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene werden. Zudem möchte ich das Kienbach-Ufer öffnen und mit Sitzstufen gestalten, sodass ein neuer, idyllischer Treffpunkt am Wasser entsteht.
Die Sanierung des Bahnhofs soll von einer Bürgergenossenschaft mitgetragen werden. So wird die Gemeinde finanziell entlastet, und die Bürgerinnen und Bürger können aktiv mitgestalten. Konkret: Der Bahnhof gehört der Gemeinde, und sie kann dafür Fördermittel in Millionenhöhe beantragen – in der Regel bis zu 80 Prozent. Doch auch der erforderliche Eigenanteil von rund 800.000 bis einer Million Euro ist für die Gemeinde in ihrer aktuellen finanziellen Lage kaum zu stemmen. Hier setzt die Bürgergenossenschaft an. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann Anteile erwerben – und so wird der Bahnhof zu einem echten Bürgerbahnhof.
Schiller: Fangen wir mit der letzten Frage an. Die zukünftigen Funktionen des Bahnhofgebäudes hat der Gemeinderat bereits entschieden. Gastronomie, Kleinkunstbühne, Fahrkartenschalter und eventuell Wohnungen sollen im zukünftigen Bahnhofsgebäude Platz finden.
Um mehr Platz im Gebäude zu gewinnen, haben wir bereits die öffentlichen Toiletten in einem separaten Gebäude ausgelagert.Der Gemeinderat hat schon vor einiger Zeit einen Architekten beauftragt, sich mit den baulich notwendigen Maßnahmen zu befassen. Dabei ist klargeworden, dass wohl mehrere Millionen Euro aufgewendet werden müssen, um das Gebäude unter Berücksichtigung unter anderem des Denkmalschutzes und brandschutzrechtlicher Vorgaben überhaupt nutzbar zu machen.
Die Sanierung des Gebäudes wird meines Erachtens maßgeblich von der zukünftigen gastronomischen Nutzung abhängig sein. Dieses Thema wäre dann auch anfänglich zu klären. Eventuell ergeben sich daraus auch Möglichkeiten, die Sanierungskosten entsprechend zu teilen oder zu refinanzieren. Vielleicht gibt es auch eine Lösung über einen sehr günstigen langfristigen Erbpachtvertrag für einen Gastronomen, der auch bereit ist zu investieren.
Eine Finanzierung dieses doch sehr hohen Finanzbedarfs über eine, wie auch immer gestaltete Genossenschaft, sehe ich problematisch. Die Offenheit für realistische Lösungen ist hier gefordert. Gleichzeitig möchten wir auch Zuschüsse aus der Städtebauförderung nutzen. Erste Abklärungen hierzu sind bereits erfolgt.
Darüber hinaus muss man wissen, dass viele Flächen rund um den Bahnhof sich nicht im Eigentum der Gemeinde befinden. Wir sind und bleiben an diesem zentralen Projekt Bahnhof dran und werden die richtige Lösung gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürger finden. Außerdem können wir uns grundsätzlich sehr glücklich schätzen, dass Herrsching bereits einen voll umgebauten und damit barrierefreien Bahnsteig besitzt. Hier beneiden uns viele andere Gemeinden sehr.
Wo kommt unsere Wärme her?
herrsching.online: Herrsching war Pionier bei der Kommnalen Wärmeplanung, hat aber die Frage nach einer zentralen Wärmeversorgung noch nicht beantwortet. Woher soll in Zukunft nachhaltige Wärme in Herrsching kommen? Und wer soll das Wärmenetz, also die Leitungen von der Quelle bis zum Hauseingang, planen und bezahlen?
Casaretto: Ich setze zu 100 Prozent auf die Förderung der Tiefengeothermie. Sie ist ein riesiges Geschenk für unsere Gemeinde – so wurde es auch vom Wärmeplaner der Firma MaxSolar beschrieben. Tiefengeothermie ist eine saubere und verlässliche Energiequelle für Wärme, die uns mit rund 118 Grad zur Verfügung steht. Die Tiefengeothermie bietet gleichzeitig die große Chance, die angespannten Gemeindefinanzen zu stabilisieren. Mit der Wärme, die wir zukünftig ausreichend zur Verfügung hätten, entstünden zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten – etwa für neue Gewerbezweige im Gesundheits- und Wellnessbereich.
Dank des großen Engagements des Agenda 21 Arbeitskreises Energie konnte sich Herrsching seine Wärmeplanung staatlich fördern lassen. Nach dem Wärmeplan und Gutachten von MaxSolar geht es jetzt um die Erhebung der potenziellen Kundschaft. Auf dieser Basis lassen sich realistische Aussagen zur Auslegung des Netzes und möglicher Trassen treffen. Danach gilt es zu entscheiden, welche Rollen Gemeinde, kommunale Unternehmen, die AWA, die Bürgerschaft oder externe Firmen übernehmen. Wie in einigen Nachbargemeinden, wird meines Erachtens eine Bürgerorganisation notwendig sein, die den Aufbau des Wärmenetzes maßgeblich unterstützt und möglich macht.
Schiller: Das sind sehr gute und zentrale Fragen der Zukunft! Wir müssen uns breit und offen aufstellen und uns nicht nur auf eine Energiequelle fixieren. Unnötige Abhängigkeiten sind auch für unsere Bürgerinnen und Bürger nicht von Vorteil. Aus der Kommunalen Wärmeplanung wissen wir, dass ein flächendeckendes Wärmenetz in Herrsching rund 90 Millionen Euro kosten würde. Alleine für die Gemeinde nicht realisierbar. Unser gemeinsames Kommunalunternehmen AWA Ammersee , dem ich als Verwaltungsratsvorsitzender vorstehe, hat sich grundsätzlich bereit erklärt, bei Planung und Umsetzung mitzuwirken. Details müssen dann sicher noch geklärt werden. Auch für einen Dritten, der dieses Wärmenetz betreiben sollte, muss sich dies rentieren. Zum Schluss müssen unsere Bürgerinnen und Bürger über entsprechende Gebühren auch dieses Netz eventuell teuer bezahlen. Aus diesem Grund müssen wir unsere Bürger in den verschiedenen Ortsteilen in den unterschiedlichen Quartieren auch bei individuellen Lösungen unterstützen.
Wir werden beispielsweise Mitte 2026 die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zur Seethermie bekommen. Ob und wann die Geothermie in Herrsching nutzbar ist, kann heute, auch aufgrund der umliegenden erfolglosen Geothermieprojekte, noch nicht abgeschätzt werden. Im Moment sehe ich individuelle Quartierlösungen am wahrscheinlichsten und auch in der mittelfristigen Betrachtung am realistischsten umsetzbar. Dies wären zum Beispiel Großwärmepumpen oder andere geeigneten Wärmequellen für mehrere Häuser in einer Siedlung oder Nachbarschaft. In so einem begrenzten Bereich wären dann die zu verlegenden Leitungsstrecken nicht so lang und die Investitionen für die Verbraucher überschaubar.Welche Zukunftsprojekte stehen in Herrsching an?
herrsching.online: Welche Projekte sollten in den nächsten zwei Jahrzehnten unbedingt verwirklicht werden? Wir könnten anbieten: Bahnunterführung, Bahnhofsanierung, Fußgängerzonen, innergemeindliche und ortsverbindende Fahrradwege, weitere gemeindliche Wohnbauten, Klinikneubau?
Casaretto: Erstens die Bahnhofsanierung. Der Bahnhof ist das zentrale Eingangstor nach Herrsching. Zweitens die Entwicklung und Bebauung des Bofrost-Geländes mit der Schaffung bezahlbarer Wohneinheiten mit integrierter Pflegeinfrastruktur. Drittens das Einheimischenmodell Breitbrunn. Hier wird Wohnraum für junge Familien möglich. Viertens die Wiedereinführung des Ressorts Umwelt in der Gemeindeverwaltung, ergänzt durch den Aufgabenbereich Klimaanpassungsmaßnahmen. Fünftens die Förderung der Tiefengeothermie und Entwicklung eines kommunalen Wärmenetzes
Sechstens die Nutzung des Herrschinger Thermalwassers für Heil- und Wellnesszwecke nach erfolgreicher Geothermie Bohrung. Siebtens der schrittweise Ausbau des Radwegs nach Breitbrunn. Achtens die Sanierung der Seepromenade mit einem zukunftsfähigen, barrierearmen und dauerhaft klimaresilienten Ufer. Neuntes die Aufwertung der Einkaufsstraßen mit mehr Aufenthaltsqualität, besserer Bedingungen für Fußgänger und lokale Geschäfte. Und zehntens der Ausbau der E-Mobilität.
Schiller: 20 Jahre sind kommunalpolitisch eine sehr lange Zeit! Aber gerne sehe ich hier einmal sehr optimistisch in die Zukunft. Meine persönliche Meinung ist, dass in 20 Jahren der Bahnhof saniert ist, unterschiedliche Nutzungen und Zielgruppen finden dort ihre Heimat, der Bahnhofsplatz ist in eine sogenannte Shared-Begegnungs-Zone umgebaut, mehrere gemeindliche bezahlbare Wohnbauprojekte sind fertiggestellt, die Uferpromenade als barrierefreie Flaniermeile mit großem Baumbestand ist saniert, die S-Bahn hat einen festen Zehn-Minuten-Takt, deshalb wird auch die Bahnunterführung wohl unumgänglich gebaut sein müssen, das ist übrigens keine Entscheidung von Herrsching, die Herrschinger Haushalte können zwischen mehreren Anbietern von Wärme (ähnlich der heute vorhandenen unterschiedlichen Stromanbieter) wählen, und es gibt im Landkreis Starnberg ein neues Zentralklinikum mit rund 550 Betten. Ich bin überzeugt davon, dass es sich auch in 20 Jahren noch wunderbar in unserem Herrsching mit Breitbrunn und Widdersberg leben und wohnen lässt.
Was macht Herrsching gegen den Klimawandel?
herrsching.online: Der Klimawandel wird auch Herrsching weiter beschäftigen. Mit welchen Maßnahmen soll sich die Gemeinde auf Stürme, mögliche Überschwemmungen, Grundwasserprobleme, Hitzewellen vorbereiten?
Casaretto: In Sachen Klimaschutz ist Herrsching das Schlusslicht im Landkreis. Deshalb setze ich mich für ein verbindliches Klimaanpassungskonzept ein – mit klaren Zielen, konkreten Maßnahmen und verbindlichen Zeitplänen. Ein zentraler Punkt ist der Schutz vor Starkregen. Dazu gehören begrünte Dächer und Fassaden, sowie die Entsiegelung von Böden. Nur wenn Regenwasser versickern kann, entsteht neues Grundwasser – und damit die Grundlage unserer Trinkwasserversorgung.
Für extreme Hitzeperioden braucht Herrsching öffentliche Klimaoasen mit Schattenplätzen und Trinkwasserbrunnen, die den Aufenthalt im Ort angenehmer und sicherer machen. Zwei Trinkwasserbrunnen wurden Dank der Initiative von ProNatur Herrsching ja bereits errichtet.
Außerdem setze ich mich für einen sozialverträglichen Baumschutz ein, damit möglichst viele Bäume erhalten bleiben. Ergänzend sollen weitere Blühwiesen auf öffentlichen Flächen entstehen, die das Mikroklima verbessern und die Artenvielfalt fördern.
Der Katastrophenschutz wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen – insbesondere bei Stürmen, Starkregen und Überschwemmungen. Gemeinsam mit der Feuerwehr soll ein umfassender Katastrophenschutzplan erarbeitet werden.
Schiller: Wir haben diese dramatische Entwicklung unseres Klimas natürlich schon seit vielen Jahren im Fokus. Aus diesem Grund sind zahlreiche Abläufe, Entscheidungen und Umsetzungsprozesse innerhalb der Gemeinde und des Gemeinderates immer unter der Berücksichtigung der Nachhaltigkeit und unserer finanziellen Möglichkeiten bereits seit langem angepasst worden. Ob es die Grünanlagenpflege, die Beschaffungen, unsere städtebaulichen Planungen oder die Realisierung gemeindeeigener Bauprojekte beziehungsweise Sanierungen sind, das Ziel, dem Klimawandel entschieden entgegen zu treten, ist bei uns überall nachweisbar. Weitere Maßnahmen zum Beispiel zum lokalen Hochwasserschutz sind bereits eingeleitet und in der Umsetzung, nachdem die neuralgischen Punkte über das eingeführte Sturzflutmanagementsystems identifiziert wurden.
Im Rahmen unseres Managements für den Bevölkerungsschutz ist die Organisation der Verwaltung, die Informationsmöglichkeiten für die Bevölkerung und die Ausstattung unserer Feuerwehren ständig verbessert und angepasst worden.
Bei den besonderen Herausforderungen, Krisen, Unwetterkatastrophen und bei der landkreisweiten Blackout-Übung konnten wir unsere Leistungsfähigkeit in den letzten Jahren wiederholt beweisen. Herrsching gehört heute sicher zu einer der bestens vorbereiteten Gemeinden im Landkreis Starnberg.
Aber auch jeder einzelne von uns muss seinen Beitrag und seine Vorsorge für den Krisen- und Katastrophenfall leisten. Entsprechende Hinweise und Internetlinks findet man auf der Gemeinde-Homepage.




