40 lange Stunden sitzt der durchschnittliche Fahrschüler auf dem „Schleudersitz“, bis ihm der TÜV-Prüfer endlich zum Führerschein gratuliert. Diesen Befähigungsnachweis zahlt leider nicht der Staat, wer fahren will, muss blechen. Und zwar soviel, dass sich jetzt sogar die Politik eingemischt hat: Der Führerschein muss billiger werden, dekretiert die Regierung – 4 000 Euro seien zuviel Geld für das Mobilitätsabitur. Dieses Bremsmanöver aus Berlin hat in den deutschen Fahrschulen einen massiven„Auffahrunfall“ verursacht. Der Herrschinger Fahrschulunternehmer Manni Fechter berichtet, dass die Fahrschulen bis zu 50 Prozent weniger Anmeldungen haben, weil die Führerschein-Kandidaten auf den Billigtarif warten. Nur wird der nicht kommen, sagt Fechter, weil die Einspar-Vorschläge aus Berlin nicht greifen: „Es wird nicht billiger.“
Eine Fahrstunde (45 Minuten) bei Manni’s Fahrschule kostet 85 Euro, am Simulator wird es 25 Euro billiger. Und selbst Wunderkinder am Steuer (dank Papis Fahrstunden auf dem Hof) müssen mindestens zwölf Stunden neben einem Fahrlehrer den Verkehr aufhalten: fünfmal auf Überlandstrecken, viermal auf der Autobahn und mehrmals nachts. „Aber mit der Mindestzahl an Fahrstunden schafft es kein Fahrschüler“, sagt Fahrschulunternehmer Fechter. Dann kommt noch das Anfahren am Berg – und (schon beim Lesen gibt es Schweißausbrüche) das Einparken. So kommt mit Prüfungsgebühren und Theorie das hübsche Sümmchen von 3500 bis 4000 Euro zusammen. Mit dieser Stundenzahl – immerhin eine ganze Woche Arbeit bei einem Arbeitnehmer – bestehen dann 76,34 Prozent der Fahrschülerinnen und -schüler die Theorie und 75,58 Prozent die praktische Prüfung: Nur jeder vierte Prüfling dreht eine Ehrenrunde, die dann noch einmal mindestens 460 Euro zusätzlich kostet.
Die Politik ist nun der Meinung, dass man die Theorie auch am Rechner, also Online, vermitteln könne. Das spare teuren Präsenzunterricht in der Fahrschule. Fechter hält von dieser Lernmethode garnichts. Man müsse dem Schüler die Zusammenhänge und die Gründe für bestimmte Vorschriften, Ge- und Verbote erklären, sonst arte das in stumpfes Büffeln aus. Und ganz ehrlich, sagt Fechter, er möchte auf der Straße keinem Führerschein-Novizen begegnen, der die 1200 Fragen online auswendig lernte und die Antworten an der nächsten Ampel schon wieder vergessen hat.
Außerdem brauchen ausländische Führerschein-Aspiranten auch noch zusätzliche Erklärungen, weil sie das Fahrschul-Vokabular nicht drauf haben. Wenn im Theorieunterricht ein Schüler Fragen stelle, profitierten alle anderen Kursteilnehmer von den Antworten.
Und so hoffen viele Fahrschulen, dass die Politik bald wieder zur Vernunft kommt. Mit einem Billigführerschein, als Mac-Driver-License verspottet, würde die Fahrsicherheit unter die Räder kommen.
„Wenn Prüflinge nur online lernen, verstehen sie die Regeln nicht“

herrsching.online: Glauben Sie daran, dass der Führerschein künftig billiger wird, weil die Politik das so will?
Fechter: Leider nein. Schließlich wird alles teurer, Versicherungen, Sozialabgaben, die Fahrzeugreparaturen, die Mieten. Es gibt Aussagen, dass der Sprit in Zukunft zweieinhalb Euro pro Liter kosten könnte. Wie soll bei diesen Kosten der Führerschein billiger werden?
herrsching.online: Welche Konzepte hat die Politik für einen billigeren Führerschein?
Fechter: Die Politik sagt, wir Fahrschulen sollen weniger Fahrstunden machen. Dabei machen wir ohnehin nur soviele Fahrstunden, dass sich der Prüfling sicher im Verkehr bewegen kann. Fragen Sie einen X-beliebigen Autofahrer, ob ihm sein Fahrlehrer zu viele Fahrstunden aufgeschwätzt habe.
Dann behauptet die Politik, dass man keine Unterrichtsräume mehr brauche, das spare Geld. Aber man braucht sie trotzdem, auch für die Ausbildung der Berufskraftfahrer. Außerdem braucht man Räume für die Fahrsimulatoren.
Überhaupt hat eine Preisvorgabe durch die Politik noch nie funktioniert. Schließlich sagt kein vernunftbegabter Politiker: Die Kartoffeln kosten jetzt 30 Prozent weniger. Glauben Sie, dass dann der Kartoffelpreis fällt? Und wenn jemand den Kartoffelpreis beeinflussen wollte, würde er vorher mit den Landwirten sprechen. Wegen der Führerscheinpreise hat niemand mit uns gesprochen.
herrsching.online: Reines Online-Lernen funktioniert Ihrer Meinung nach nicht?
Fechter: Nein. Wenn Leute irgend etwas stumpf auswendig lernen, haben sie die Zusammenhänge und den Grund für die Regel noch lange nicht verstanden. Schließlich lernt man das Autofahren ja nicht auf dem Fahrsimulator. Möchten Sie einem Fahranfänger begegnen, der nur am Simulator geübt hat?
herrsching.online: Sie sind davon überzeugt, dass die Qualität der Führerscheinneulinge deutlich schlechter wäre, wenn die Fahrschüler nur noch virtuell unterwegs sind?
Fechter: Da bin ich mir sehr sehr sicher.
herrsching.online: Das hieße, der Führerschein wird billiger, die Autoversicherung teurer, weil Anfänger viel mehr Unfälle machen?
Fechter: Die Unfallstatistik zeigt, dass die Unfallzahlen der Fahranfänger zurückgehen.
herrsching.online: Die Unfälle mit Fahranfängern sind signifikant häufiger als bei älteren, erfahrenen Autofahrern.
Fechter: Die Unfälle der jungen Fahrer zwischen 18 und 25 sind dramatisch zurückgegangen. Das ist nur noch ein Bruchteil frührer Zahlen. Damit ist die Straße wieder ein großes Stück sicherer geworden, obwohl die Fahrneulinge mehr leisten müssen als früher. Früher kamen einem fünf Autos in zehn Minuten entgegen, und die Autos waren auch deutlich kleiner früher. Deshalb müssen die Fahrschüler heute mehr leisten als früher. Deshalb hat auch die Zahl der Fahrstunden zugenommen.
herrsching.online: Wieviele Fahrstunden braucht der Durchschnittsfahrschüler bis zur Führerscheinprüfung?
Fechter: Ungefähr 40 Stunden. Dabei kann man beobachten, dass die Zahl der Fahrstunden mit einem höheren Alter der Schüler steigt. Aber das ist natürlich individuell sehr verschieden. Vermutlich stimmt aber, wenn wir zwei heute einen Handstand machen müssten…
herrsching.online… gäbe es zwei Verletzte. Sind eigentlich junge Frauen besser als junge Männer?
Fechter: Nein, aber wahr ist natürlich, dass die Mädchen mehr Ehrgeiz haben als die Jungs.
herrsching.online: Führen also die Vorschläge der Politik ins Leere?
Fechter: Es sind sicherlich gute Vorschläge dabei. Man kann schon einen Teil des theoretischen Unterrichts online machen, aber sicher nicht die ganze Theorie. Aber Vorschläge, dass man mit einem Fahrschüler nicht mehr auf die Autobahn gehen soll, oder dass die Nachtfahren gestrichen werden, sind nicht umsetzbar.
herrsching.online: Viele Fahrschulen beklagen, dass die Zahl der Anmeldungen zurückging, als die Politik einen billigeren Führerschein versprach. Wenn diese Versprechen nicht eingehalten werden können, erreichen Sie wieder die alten Zahlen?
Fechter: Die Politik ist ja schon wieder etwas zurückgerudert. Man erkennt nun, dass mancher Vorschlag ein nicht durchdachter Schnellschuss war. Allen, die jetzt mit dem Gedanken spielen, den Führerschein zu machen, muss ich sagen: Es kann garnicht günstiger werden.
herrsching.online: Welche Maßnahme könnte das begehrte Plastikkärtchen preiswerter machen?
Fechter: Wenn die Regierung wie für die Gastronomie die Mehrwertsteuer reduziert. Schließlich sind wir auch systemrelevant wie die Gastronomie, weil wir für die Mobilität der Bevölkerung sorgen. Ohne Führerschein kämen viele Arbeitnehmer gar nicht an ihren Arbeitsplatz.
herrsching.online: Sie bekommen zudem bald noch mehr staatliche Konkurrenz – durch die kostenlosen Fahrschulen bei der Bundeswehr.
Fechter: Dort macht man in der Regel den Lkw-Führerschein. Außerdem fehlt es der Bundeswehr an ausgebildeten Fahrlehrern. Und wenn die Bundeswehr mehr Fahrlehrer ausbildet, haben wir zivilen Fahrschulen wieder mehr Nachwuchs, der von der Bundeswehr zu uns wechseln.



