Herrsching wählt ein bisschen anders als die Republik

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Bei einigen Parteien knallten die Korken, bei anderen herrschte tiefe Enttäuschung: Dabei fielen in Herrsching die Eurowahl-Ergebnisse aus dem bundesdeutschen Rahmen. Während die Herrschinger CSU mit 36,4 Prozent leicht unter dem Bayern-Resultat lag, trösteten sich die Grünen, größte Wahlverlierer der Republik, in Herrsching mit 20,4 Prozent Zustimmung. Sektlaune dagegen bei der FDP und bei der winzigen Volt-Partei. herrsching.online bat die Parteichefs der Seegemeinde um eine Stellungnahme zu den Wahlergebnissen.

CSU: „Die Ampelparteien machen es uns leicht”

Thomas Bader, CSU-Fraktionssprecher im Gemeinderat: „Ich möchte uns jetzt nicht mit falschen Lorbeeren schmücken, auch wenn wir eine gute CSU-Fraktion in Herrsching haben und im Rathaus gute Arbeit machen. Dass die CSU in Herrsching leicht zugelegt hat, ist natürlich auch auf den Bundestrend zurückzuführen. Die Ampelparteien machen es uns da leicht. Wir sind jedenfalls zufrieden mit dem Wahlergebnis.”

SPD: „Günstiger Strom für Wärmepumpen und E-Autos, dann kauft sich eh niemand mehr einen Verbrenner”

Werner Odemer, SPD-Ortsgruppen-Vorsitzender in Herrsching: „Dieses Wahlergebnis ist für die SPD natürlich enttäuschend! Das kann nicht unser Anspruch sein. Wie erkläre ich es? Zum einen wurden in der letzten Zeit Themen in aller Breite diskutiert, die fast niemanden interessieren, zum Beispiel die Cannabisfreigabe. Jeder, der Cannabis haben wollte, hat es bisher bekommen und wird es auch weiterhin bekommen, jetzt halt legal und etwas billiger. Aber wen betrifft das schon? Genauso unsinnig die Diskussion über Gendern und anderes. Und bei den Themen, die für die Menschen wichtig sind, stand gleich das Verbot im Vordergrund: Heizungsverbot, Verbrennerautoverbot. Das nervt die Bürger natürlich und macht Angst. Muss ich jetzt meine Ölheizung rausreißen? Wie lange darf ich meinen Benziner noch fahren? Statt Verboten sollte hier mit Anreizen gearbeitet werden. Günstiger Strom für Wärmepumpen und E-Autos, dann kauft sich in 10 Jahren eh niemand mehr einen Verbrenner. Die Verbotsdiskussion erübrigt sich. Ich habe auf unserem Frühlingsfest und Infostand erlebt, wie besorgt, ja teilweise verängstigt die Menschen sind. Ist doch kein Wunder: Corona hat tiefe Wunden hinterlassen, die Inflation hat erschreckt – wie kann ich mir meinen Lebensstandard noch leisten? Finde ich eine bezahlbare Wohnung? Und wenn ich die Tagesschau anmache, dann sehe ich zerbombte Häuser und blutende Menschen  und weiß nur nicht, ist das jetzt Gaza oder Charkiv. In dieser Situation muss ich die Menschen doch beruhigen und ermutigen und nicht mit Verboten verängstigen oder mit Nebensächlichkeiten nerven. Ich bin aber sicher, meine SPD hat die Botschaft verstanden. Schau´n mer mal.”

FDP: „Als Wahlhelferin habe ich mit Freude beobachtet, wie entschlossen die Menschen ihr Wahlrecht ausgeübt haben”

Ursel Wrede, FDP-Ortsvorsitzende in Herrsching: „Europa hat gewählt – und wir in Herrsching haben die Chance genutzt, unseren Beitrag dazu zu leisten. Mit 76,5 Prozent haben wir die höchste Wahlbeteiligung im Landkreis, der seinerseits mit 73,8 Prozent die höchste Wahlbeteiligung in ganz Bayern hat. Als Wahlhelferin habe ich am Sonntag mit Freude beobachtet, wie entschlossen die Menschen IHR WAHLRECHT ausgeübt haben. Das zeigt mir, dass die immer wieder heraufbeschworene Politikverdrossenheit beziehungsweise Gleichgültigkeit doch weniger ausgeprägt ist. Nur durch solch ein Verhalten können extreme Parteien in Schach gehalten werden. Bayernweit hat die AfD dort überproportional Prozentpunkte erzielt, wo die Wahlbeteiligung niedrig war.
In Herrsching liegt die FDP mit 7,6 Prozent nach der CSU, den Grünen und der SPD auf Platz 4.
Ich danke allen, die uns, die FDP, gewählt haben und uns einen Zugewinn von 2,2 Prozent gegenüber der Europawahl 2019 beschert haben.”

Grüne: „Wir sind die zweite Kraft in Herrsching”

Rita Mulert, Ortsgruppen-Vorsitzende der Grünen: „Herrsching hat eine grüne Stammwählerschaft von etwa 20 Prozent. Und jeder Prozentpunkt darüber ist ein bisschen dem Zeitgeist und dem Bundestrend geschuldet. Wir wären glücklich, wenn jeder Fünfte in Deutschland, wie es in Herrsching und ähnlich auch im Landkreis der Fall ist, grün wählen würde. Ein Phänomen, das uns vor der Europawahl aufgefallen ist, hat uns in Herrsching auch ein paar Stimmen gekostet. Grün-Sympathisanten, die den Wahlomaten gefragt haben, welches Parteiprogramm zu ihren Überzeugungen passt, stießen öfter auf die Volt-Partei. Und die hat in Herrsching ja tatsächlich um 2,7 Prozent zugelegt. Dass die Grünen im Bund soviel verloren haben, liegt natürlich auch an eigenen Fehlern. So waren die Plakate der Grünen eher langweilig. Und dann noch der schreckliche Krieg, die Grünen waren einmal eine pazifistische Partei. Wir haben es ja auch in Herrsching erlebt, dass Menschen mit der Unterstützung für die Ukraine nicht einverstanden waren und deshalb aus der Partei ausgetreten sind. Und für der Jugend fehlt inzwischen einfach die Lichtgestalt Greta Thunberg, die viele junge Menschen für den Klimaschutz begeistert hatte. Aber zusammengefasst: Die Grünen in Herrsching haben weniger stark verloren als im Bund, und wir sind nach wie vor die zweite politische Kraft in der Gemeinde. Darf lässt sich doch aufbauen.”

Volt: „Wir sind total begeistert”

Jochen Nibbe, bisher noch nicht so oft im Fokus, auf seinem Lastenrad.

Jochen Nibbe, Volt-Partei: „Die Stimmung bei uns ist prima, wenn man 5 Abgeordnete ins Europaparlament schicken kann. Das ist natürlich toll, alle bei uns sind total begeistert. Wir sind in Herrsching zwar nur zu sechst, aber im Landkreis gibt es schon 30 eingeschriebene Parteimitglieder. Wir haben in den letzten Tagen aber viele Neuanmeldungen, so dass diese Zahlen nicht auf dem neuesten Stand sind. Unseren Stimmenzuwachs muss man vor allem europäisch sehen. Es wurde honoriert, dass wir eine Lösung angeboten haben, wie es mit Europa weitergehen kann. Wir werden aber auch lokal sichtbarer werden und mit einer Liste zur Kommunalwahl 2026 antreten. Wir sind, was den Klimaschutz betrifft, auch eine grüne Partei, sind aber liberaler als die Grünen in Deutschland. Eine Flasche Sekt haben wir gestern allerdings nicht aufgemacht, weil die europäischen Ergebnisse dann doch zu traurig waren. Wir sind eine europäische Partei, und das Erstarken der Rechtsradikalen hat uns äußerst geschockt.”

Das Herrschinger Wahlergebnis

Quelle: Alle Zahlen und Grafiken wahlen.osrzakdb.de

9 Comments

  1. Guten Abend Frau Mulert, Sie glauben allen Ernstes, dass das miserable Wahlergebnis der Grünen an den langweiligen Wahlplakaten lag ? Oder am Krieg in der Ukraine ? 😂Sie sollten sich als Bundeskanzlerin bewerben, da sind Sie mit Weglächeln und Scheuklappen , um ja nicht die Probleme beim Namen nennen zu müssen, in bester Gesellschaft. Es ist beneidenswert in einer „rosaroten Heile Welt“ Blase zu leben, aber dann darf man keine Politik machen. Das sind gewählte Volksvertreter, die die Sorgen, Ängste, Probleme des Volkes, der Bürger ernst nehmen und lösen sollen ! Dafür werden sie von den Steuergeldern der Bürger bezahlt. Die Regierung soll endlich ihre Arbeit richtig machen, dann gibt’s auch keine AFD Wähler mehr. Und eine antisemitische Fanatikerin als Lichtgestalt für unsere Jugend zu bezeichnen, sollten Sie noch einmal überdenken. Glücklicherweise haben die jungen Leute verstanden, was alles schief läuft im Land und nein sie sind nicht wegen der Beeinflussung von Social Media zu ihrer Wahlentscheidung gekommen, sondern weil sie tagtäglich selbst erleben, was hier massiv alles aus dem Ruder läuft . Das kann und darf sich niemand mehr schönreden.

    • Liebe Frau Maier,
      Die Politik und ganz besonders die Parteien leben vom Mitmachen. Deshalb vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen.
      Die Probleme, die Sie umtreiben, haben Sie ja leider nur angedeutet, sind aber zu erahnen. Sicher ist es so, dass uns als Grüne der Klimawandel ganz besonders umtreibt. Wir sind der Meinung, dass dagegen sowohl auf kommunaler Ebene als auch in der Europa-Politik zu wenig getan wird.
      Das heißt aber nicht, dass grüne Politik nicht auch die anderen Probleme im Blick hat, die uns auf den Nägeln brennen. Die meisten von uns haben schließlich auch Kinder (und Enkel), um deren Zukunft wir uns Sorgen machen.
      Dass die Zeit, die (im Bund) bisher für die Lösung der vielfältigen Probleme zur Verfügung stand, sehr kurz war, sollte nicht vergessen werden. Leider hat auch manches nicht so geklappt, wie wir es uns gewünscht hätten.
      Was unsere Gemeinde betrifft, beschäftigt uns zum Beispiel der Wohnungsmangel sehr, und wir versuchen, Ideen zu entwickeln, wie man ihn lindern könnte. Für Vieles aber, auch das muss bedacht werden, gibt es keine einfachen Lösungen.
      Wenn Sie Lust auf einen telefonischen Auistausch haben, können Sie uns gern mal anrufen. Unsere Nummer steht (noch) im Telefonbuch. Viele Grüße !

      • Liebe Frau Dr.Böckelmann,
        Sie meinen die Zeit wäre zu kurz gewesen, um Probleme anzupacken ?
        Ich denke, wenn die Grünen noch länger das Volk vertreten, davon nichts mehr übrig bleibt…wenn’s keine Bauern, Firmen, Leute, die leisten wollen/fleißig und mutig sind, Schulen in denen man lernen kann, gibt..wer soll dann noch das Klima retten?
        Wenn wir zwei telefonieren, wird sich daran leider auch nichts ändern, genauso wenig wie Sie Ihre Kinder und Enkel schützen können mit der Philosophie der Grünen..die Hoffnung war mal kurz da 2022 ..vielleicht sollten sich die Politiker mein Lebensmotto zu Herzen nehmen..Erfolg hat 3 Buchstaben: T U N
        Freundliche Grüße aus dem Wohlstandsnest

        • Liebe Frau Maier, nett, dass Sie nochmals geantwortet haben.
          Es ist immer schwierig, mit Menschen, deren Hintergrund man nicht kennt, in einer schriftlichen Online-Diskussion zu einem Konsens zu kommen. So ist mir immer noch nicht klar, worauf genau sich Ihre Kritik an den Grünen bezieht (auch wenn Herr Keim ihr eilfertig zugestimmt hat ;-).
          Meinen Sie eventuell, die Grünen würden Leistungsbereitschaft in unserer Gesellschaft nicht genügend fördern? Warum ist dieser Eindruck bei Ihnen entstanden?
          Die Grünen sind ja derzeit so eine Art Prügelknabe der Nation und werden für allerlei Missstände verantwortlich gemacht, die sie nicht zu verantworten haben, sondern die sie von der Vorgänger-Regierung „geerbt“ haben. Ich halte das nicht für gerechtfertigt, auch wenn man über Lösungswege natürlich unterschiedlicher Meinung sein kann.
          Wir alle sollten aus unserer Komfortzone herauskommen und wieder mehr miteinander reden. So können Missverständnisse doch noch am ehesten aus dem Weg geräumt werden, und wir könnten bestenfalls sogar voneinander lernen. Mit freundlichen Grüßen !

  2. „Wir sind die zweite Kraft in Herrsching”. Das nenne ich eine detaillierte Wahlanalyse eines desaströsen Wahlergebnis. Im Landkreis Starnberg haben die Grünen ca. 30 %, und in Herrsching immerhin ca. 24 % ihrer Wählerschaft verloren! Und das Gute ist, da die aktuelle Ampel-Regierung so orientierungslos und unternehmerfeindlich weiter regieren wird, dass die Grünen dann bei der nächsten Bundestagswahl auch im Landkreis Starnberg und in der Gemeinde Herrsching auf Augenhöhe mit der SPD sich befindet.

    • Unterschätzen Sie die Grüne Stammwählerschaft nicht. Die dürfte ungefähr dem entsprechen, was bei der Europawahl herausgekommen ist.
      Ist wahrscheinlich ähnlich wie bei der FDP.

  3. Lieber Herr Keim, wie soll „uns“ denn „dieses Wahlergebnis auch auf kommunalpolitischer Ebene wieder ins Handeln bringen“? Welche Projekte (oder auch Anti-Projekte) schweben Ihnen da so vor?
    Eine eindeutige, klare Linie kann ich bei der Herrschinger FDP jedenfalls nicht erkennen, aber vielleicht ist das ja sogar gut so….

    • Liebe Frau Böckelmann

      ich lade Sie hiermit gerne zu einem persönlichen Gespräch ein. In Kommentarspalten haben wir selten einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ich habe auch einige Fragen an die Grünen Fraktion, die wir hier lieber nicht breit treten.

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