Über 2 Millionen Euro kostet dieser neue Operationssaal im Klinikum Seefeld. Für die Presse haben sich um den OP-Tisch leitende Ärzte, viele Bürgermeister aus der Umgebung und Landrat Stefan Frey (links) versammelt – er zahlt die Rechnungen für die neuen OP-Räume, die in Modulbauweise entstanden. Foto: Gerd Kloos

Zwei neue OP-Säle in Seefeld – sieht so eine Klinik aus, die demnächst stirbt?

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Soviel Umtrieb hat ein Operationssaal noch selten gesehen: 15 Mediziner, Pflegekräfte und Politiker drängeln in Seefelds neuem Reinraum: 44 Quadratmeter, vollgepackt mit Hightech, sind der neue Stolz des Klinikums Seefeld, das in diesen Tagen 150 Jahre alt wird. Und das Krankenhaus wird noch einige Jahre älter werden, da ist sich der Chef der Starnberger Kliniken, Dr. Thomas Weiler, sicher. Das Totenglöcklein für Seefelds Krankenhaus hatte eigentlich schon geläutet, da geschah eine unverhoffte Wiederbelebung dank der Krankenhausreform und Kassennot des Landkreises. Am Samstag stellte die Klinikleitung im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten 2 neue OP-Räume vor, jeder mehr als 2 Millionen Euro teuer. Sie werden den „ausgezeichnete Ruf Seefelds als chirurgische Klinik” (Dr. Weiler) in die Zukunft tragen.

Das Krankenhaus Seefeld hat mit seinen 72 Betten „vielleicht gerade die Größe, die dieses Klinikum zu dem macht, was es ist. Ein Ort, an dem man seinen Operateur noch kennt, und ein Ort, an dem man in familiärer und in sehr ruhiger Atmosphäre behandelt wird”, rühmt Ober-Chef Weiler sein Kleinod, das inzwischen mit der Herrschinger Schindlbeck-Klinik verschmolzen wurde.Für Gesundheitrsminister Lauterbach haben diese Klein-aber-Fein-Kliniken keine Zukunft mehr.

Die beiden neuen OP-Säle sind mit neuester Technik ausgerüstet: Der 44 Quadratmeter große Raum ist durch eine automatische Schleuse keimgesichert: In der Mitte des Saal steht der OP-Tisch, an dem der Operateur, ein Assistent oder eine Assistentin, die OP-Schwester und der oder die Anästhesistin arbeiten. Sie werden, und das ist nun echtes Hightech, in einer sterilen Atmosphäre von einem sogenannten Laminar Air Flow gegen den Rest des Saales abgeschirmt: Von der Decke strömt keimfreier Luft, die eine sterile Zelle aus unsichtbaren Wänden formt. An der Wand sind 2 Screens montiert, eine Kamera überträgt die vergrößterten Bilder aus dem geöffneten Körper. Auf dem zweiten Bildschirm kann das Team über Internet mit Kollegen kommunizieren.

Die Seefelder Klinik hat nun also, was das projektierte, vereinigte Krankenhaus in Herrsching erst bekommen sollte. Die Pläne für diese Klinik „Westlicher Landkreis” an der Seefelder Straße waren bereits fertig gezeichnet, die Grundstücke gesichert, die Lobeshymnen auf die Fusionsklinik an der Seefelder Straßen schon geschrieben. Der Seefelder Bürgermeister Klaus Kögel hatte sich mit dem Verlust seines alten, kleinen Krankenhauses bereits abgefunden. Da kam plötzlich das Stopp-Zeichen von der bayerischen Staatsregierung: Dank der neuen Berliner Krankenhausreform, so hieß es in München, haben selbst 200-Betten-Häuser keine Zukunftsperspektive.

Das Seefelder Krankenhaus, so Kögel zu herrsching.online, sei ortsprägend. Also ein wichtiger Baustein Seefelder Identität. Deshalb war wohl der Schmerz über den drohenden Verlust des Hauses in der Nachbargemeinde beträchtlich. Und jetzt feiert das alte Haus plötzlich ein stolzes Jubiläum – und heimlich auch Fortbestehen auf unbestimmte Zeit.

Nach dem Aus für die Herrschinger Fusionsklinik kündigte nun Bürgermeister Kögel in der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen „seines Krankenhaus” an: „Ich sehe es als meine Verpflichtung an, für den Fortbestand der Klinik, in welcher Form auch immer, einzutreten.”

Das Seefelder Krankenhaus war schon seit seiner Gründung im vorletzten Jahrhundert ein finanzielles Abenteuer: 1864 gründeten 2 Geistliche einen Förderverein für ein Krankenhaus – 16 Gemeinden, darunter Breitbrunn – wollten diese Aufgabe gemeinsam stemmen. Am 1. Februar 1874 eröffnete dann tatsächlich ein Haus für Kranke seinen Pforten auf einem sumpfigen Grundstück, mit dem sich ein schlauer Bauer gesundgestoßen hatte.

Nach einer wechselvollen Geschichte übernahm im Jahre 1988 der Chefarzt Dr. Nikolaus Hermes das Haus in einem wohl desolaten Zustand. Hermes sanierte die Klinik und stemmte sich erfolgreich gegen eine Fusion mit Starnberg, was ihm wohl in der Kreisstadt keine Freunde bescherte. 2013 ging Hermes in Pension – ohne dass ihm von offizieller Seite Lobesworte nachgerufen wurden. Beim Festakt zum 150. Bestehen am Samstag aber war Nikolaus Hermes wieder dabei.

Ein Kapitel, auf das die Chronisten der Klinik besonders stolz sind, ist die Armoperation von „Bomber” Gerd Müller. Der Seefelder Arzt Dr. Karl Häser war so etwas der Hauschirurg des FC Bayern. Und so rief ihn der damalige Fußball-Manager Robert Schwan an: „Doktor, wir sind eben in München gelandet und noch auf dem Flughafen Riem. Ich komme jetzt gleich mit Gerd Müller zu Ihnen. Wie Sie vielleicht schon wissen, hat er sich gestern beim Länderspiel gegen Jugoslawien in Belgrad den Arm gebrochen.” Gerd Müller soll sich anfangs hartnäckig einer Operation verweigert haben.

Im Juli 2016 übernimmt Dr. Markus Wagner die Chefarztstelle in Seefeld. Jahre später gehört die Klinik dem Landkreis Starnberg und kommt unter die Fittiche der Starnberger Kliniken GmbH. Wagner zeichnet immer noch als Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie verantwortlich, Professor Dr. Georg Gradl ist Chefarzt für Unfallchirurgie, Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie, als Standortleiter in Seefeld vertritt ihn Dr. Martin Sailer.

„Seefeld ist traditionell eine unfallchirurgische „Hochburg”, sagt Professor Gradl. Das Behandlungsspektrum reicht von der Frakturversorgung über Korrektureingriffe bis zu Knie- , Schulter-und Hüftprothetik. Hier werden sogar X- und O-Beine wieder gerichtet.

Der Pflegeleiter des OP-Personals, Abdelhak Razki, der seit 12 Jahren in Seefeld arbeitet und das „bitteschön auch noch bis zur Rente”, hat bei der großen Presse-Präsentation lachend hinzugefügt: „Wir können sogar den großen Zehen ersetzen.”

1 Comment

  1. Danke für diesen informativen Beitrag.
    Ich lebe schon ziemlich lange – davon fast 52 Jahre im Landkreis Starnberg, und ich traf auf richtig gute und richtig schlechte Ärzte und Krankenhäuser. Es freut mich sehr, dass Sie Herrn Dr. Hermes loben. Für mich ist er ein Held. Er hat meiner Mutter vor vielen Jahren definitiv das Leben gerettet, als sie nach einigen Wochen Aufenthalt im Krankenhaus Herrsching einen Darmdurchbruch bekam – und erst dann eilig nach Seefeld gefahren wurde.
    Er hat auch mal durch einen kleinen Bikini-Schnitt meinen Bauchraum aufgeräumt – ohne mein Wissen, denn ich lag im Klinikum Starnberg in Narkose. Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber es war beeindruckend. Zuletzt kümmerte er sich bei mir noch um eine Außenknöchelfraktur.
    Nochmal vielen Dank Herr Dr. Hermes!
    Über Herrn Dr. Häser habe ich eine Anekdote: Als ich wegen einer infizierten Schweißdrüse meines Mannes bei Dr. Häser im Krankenhaus Seefeld erschien, erklärte er mir, dass für den Eingriff eine Narkose notwändig sei, weil die Stelle rausgeschnitten und wieder zugenäht werden müsse. Ich sagte ihm, ich könne auch Wunden zunähen – und zeigte ihm stolz eine sehr schön aussehende Narbe am Schienbein meines Mannes.
    Es war während eines Skiurlaubs in Italien. Wir waren Anfänger. Mein Sohn verletzte sein Bein, und wir mussten ziemlich weit zu einem Krankenhaus in Cortina fahren. Dort verbrachten wir den ganzen Tag. Einen Tag später verletzte sich mein Mann. Er hatte eine heftig blutende Platzwunde am Schienbein. Mein Mann sagte “Nach Cortina fahre ich nicht mehr. Wenn Du denkst, die Wunde muss genäht werden, dann näh – Du hast ja immer Nähzeug dabei.” Glücklicherweise hatte ich auch antibiotische Salbe dabei, durch die ich den Faden zog. Ich weiß jetzt, dass auch menschliche Haut Leder ist ! Dr. Häser zeigte sich beeindruckt und bot mir an, bei seiner Operation zuzuschauen. Ich fühlte mich sehr geehrt !

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