Zieh dich warm an, wenn du in die Kommunalpolitik gehst: Fraktionssprecherin Christiane Gruber von der Bügergemeinschaft Herrsching kann mit Gegenwind gut umgehen. Enttäuschend findet Gruber, dass sich die Hoffnungen auf eine progressive Mehrheit im Gemeinderat nicht bestätigt haben. Foto: Gerd Kloos

„Man braucht mehr Widerstandskraft, um ernst genommen zu werden”

14 mins read

• „Die Bürgergemeinschaft Herrsching kann sich auf Herrschinger Themen konzentrieren, ohne sich für die Fehler einer Bundes- oder Landesregierung rechtfertigen zu müssen”

• „Wenn man im Gemeinderat über Inhalte und Fakten sprechen will, kommt das nicht so gut an”

• „Bürgergemeinschaft sucht eine Bürgermeister-Kandidatin oder einen -Kandidaten”

„The last woman  standing” schrieb eine scharfsichtige Beobachterin der Herrschinger Rathauspolitik: Christiane Gruber ist für viele Bürgerinnen und Bürger die Gemeinderätin des Jahres ’23. Sie kämpft mit Claudia von Hirschfeld, Rainer Guggenberger und Leo Gruber verbissen für grüne Projekte, setzt sich für frische, zukunftsfeste Satzungen ein, kümmert sich um die Wohnungspolitik und will Herrschings NS-belastete Straßennamen tilgen. Die Buchhändlerin mit der sanften Stimme dreht auch nicht bei, wenn der Wind scharf von vorn kommt. Im Gespräch mit herrsching.online macht sie sich Gedanken über den rauen Ton im Gemeinderat, die knappen Haushaltsressourcen und das größte Ärgernis des letzten Jahres.

herrsching.online: In vielen Gemeinderäten geht’s eher familiär und unpolitisch zu. Im letzten Jahr haben die Debatten im Herrschinger Rat dagegen viel mehr Brisanz bekommen. Hat sich die Stimmung am Ratstisch verändert?

Gruber: Wir haben uns nach der Wahl gefreut, dass es – theoretisch – eine neue Mehrheit im Rat gibt. Das hat sich dann im Lauf der 3 Jahre nicht bestätigt. Der Ton ist tatsächlich rauer geworden. Und man braucht mehr Widerstandskraft, um ernst genommen zu werden.

herrsching.online: Welche  Gründe gibt es dafür?

Gruber: Man diskutierte früher in einem eher persönlichen, privaten Ton. Wenn man jetzt aber über Inhalte und Fakten sprechen will, kommt das nicht so gut an.

herrsching.online: Die Themen sind ja auch politischer, brennender geworden. Der Rat muss Entscheidungen für Herrsching treffen, die ihm oft die große Politik aufgezwungen hat.

Gruber: Ja, die Themen werden einem von außen förmlich aufgedrängt. Es gibt den Siedlungsdruck und die damit verbundene Wohnungsnot, und es gibt neue Anforderungen an die Infrastruktur. Wir hatten in den letzten Jahren immer genügend Geld, um diese Projekte zu realisieren. Und jetzt wird das Geld knapper. Das merkt man zum Beispiel am Krankenhausprojekt, das jetzt gestoppt wurde. Nicht verwunderlich, dass es nun unterschiedliche Meinungen darüber gibt, für was das knappe Geld verwendet werden soll.

herrsching.online: Für uns als intensive Beobachter der Herrschinger Kommunalpolitik sind Sie mit der Herrschinger Bürgergemeinschaft Fraktion des Jahres gewesen. Sie haben die Renovierung der Stellplatz-Satzung angestoßen, Sie haben sich für eine neue Baumschutzverordnung ins Zeug gelegt, Sie haben das Projekt Bezahlbares Wohnen angeschoben. Haben wir etwas vergessen?

Gruber: Die Umbenennung der belasteten Straßennamen in Herrsching mit Nazi-Bezug. Zum Projekt Bezahlbares Wohnen haben wir schon 2016 den ersten Antrag gestellt. Durch die rapide steigenden Baukosten kam dann eine Phase der Unsicherheit, ob wir das machen können oder nicht.

herrsching.online: Die Haushaltslage ist inzwischen so angespannt, dass man über Stromkosten beim Christkindlmarkt diskutiert. Da haben einige Zuhörer in der Gemeinderatssitzung ihren Ohren nicht getraut.

Gruber… das war schon immer so, dass die Kleinstposten heftig diskutiert werden…

Die schlimmste Vorstellung: den Vereinen die Leistungen zu kürzen

herrsching.online Die Stimmung im Gemeinderat ist auch gereizter, weil das Geld knapp geworden ist. Das passiert in jeder Familie, wenn der Geldbeutel dünner wird.

Gruber: Die schlimmste Vorstellung wäre ja, wenn wir den Vereinen die freiwilligen Leistungen kürzen müssten. Da sind wir uns einig, das will keiner. Bei der Stellplatz-Satzung ging es darum, sie zukunftsfester zu machen, Stichwort Fahrradstellplätze. Wir mussten in der Diskussion im Bauausschuss aber feststellen, dass man auf dem Status quo beharrt.  Am besten, es ändert sich gar nichts. Wir sehen eine Satzung als gestalterisches Element in einer Gemeinde, und dieser Ansatz ist uns nur teilweise geglückt. Während andere Gemeinden wie Penzberg genaue Vorschriften zum Beispiel für Carports verwirklicht haben, soll in Herrsching den Bauwerbern möglichst wenig vorgeschrieben werden, weil der Architekt das doch am besten wissen muss. Ich glaube ja, dass Architekten viel wissen. Aber wenn wir den Ort gestalten wollen, dann geht das nur über Satzungen.

herrsching.online In Starnberg war die CSU die treibende Kraft für eine Baumschutzverordnung, in Herrsching will sie eine Verordnung verhindern. Wie lässt sich das erklären?

Gruber: Die CSU ist wohl der Meinung, sie belaste den Bürger, wenn eine gestalterische Satzung erlassen wird. Ich bin jetzt sehr gespannt auf die Diskussionen im umbenannten Bau-, Infrastruktur- und Umweltausschuss. Man hat aber das Gefühl, dass die inhaltliche Beschäftigung mit dem Thema zu kurz kommt.

herrsching.online: Zurück zum Thema Geld. Der Grünplaner der Gemeinde sagte, dass ein Quadratmeter Blühwiese mit der „Herrschinger Blüh-Mischung” rund 65 Euro koste. Kann sich die Gemeinde solche Grüntaten künftig noch leisten?

Gruber: Solche Maßnahmen werden nicht von heut’ auf morgen umgesetzt, sondern je nach Haushaltslage angegangen. Uns war es wichtig, einen zusammenhängenden Plan für alle Flächen zu haben, damit wir beschließen können, wo wir weitermachen.

herrsching.online: Während Starnberg schon eine Grünplanungssatzung hat, ist Herrsching noch in der Orientierungsphase. Ähnlich stellt sich die Lage bei den Erneuerbaren dar: Herrsching liegt im Energiebericht des Landratsamtes 2021 an drittletzter Stelle im Landkreis. Nur 5,7 Prozent des Stromverbrauchs wurden selbst produziert. Lediglich Weßling und Feldafing waren noch schlechter. Ein Beleg dafür, dass Herrsching sehr konservativ denkt?

Gruber: Es gibt immerhin einen Plan, die gemeindlichen Gebäude energetisch umzurüsten. Nun gibt es bald Vorschriften, als Kommune eine Wärmeplanung zu erstellen. Wir hatten vor Weihnachten im Gemeinderat eine Diskussion darüber, ob wir erfassen sollten, wie in Herrsching geheizt wird. Dann könnten wir Angebote machen mit Wärmenetzen, vielleicht mit Geothermie, vielleicht sogar mit Wärme aus dem Ammersee? Da gibt es viele Optionen, die im Augenblick aufgrund der Haushaltslage im Bund leider nicht in geplantem Umfang gefördert werden können.

herrsching.online: Was sagt die Gemeinde einer Krankenschwester, die dringend eine Wohnung braucht?

Gruber: Wir hoffen, dass die 26 Wohnungen am Mitterweg…

herrsching.online …ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt die FDP…

Gruber:… ja, habe ich auch gesagt, aber: besser als nichts. Die Leute, die in die 26 Wohnungen einziehen, machen ja auch wieder Wohnungen frei. Zu loben ist das Konzept der Schindlbeck-Klinik mit dem Schwestern-Wohnheim. Aber es gibt Lehrerinnen und Lehrer, Floristinnen, Arzthelferinnen, die sich die Herrschinger Wohnpreise nicht leisten können.

herrsching.online: Wieviele neue Wohnungen bräuchte Herrsching, damit all diese Menschen, die Sie eben aufgezählt haben, ein bezahlbares Dach überm Kopf bekommen?

Gruber: Es gibt viele Menschen, die einen Wohnberechtigungsschein haben. Die stehen auf einer ganz ganz langen Warteliste. Leider hat Herrsching keine gemeindeeigenen Grundstücke mehr auf dem Acker für den Wohnungsbau.

Bisher gibt es keine Mehrheit im Gemeinderat, Flächen für den Wohnungsbau zu entwickeln

herrsching.online: Das Grundstück, das für die Vereinigte Klinik Herrsching-Seefeld vorgesehen war, wäre doch geeignet. Ein Grundstück, das für eine Klinik taugt, wäre auch für Wohnungen geeignet.

Gruber: Bisher gibt es keine Mehrheit im Gemeinderat, Flächen für den Wohnungsbau zu entwickeln, weil es die letzte freie Fläche ist. Wir haben uns für eine Verdichtung der Flächen entschieden. Eine große Fläche wie an der Seefelder Straße würde ja auch teure Infrastruktur-Investitionen für Wasser, Schulen, Kindergärten und Friedhof nach sich ziehen.

herrsching.online: Verdichtung ist das neue Zauberwort. Im Bauausschuss wurde schon thematisiert, dass dafür noch mehr Grün ums Haus geopfert werden muss…

Gruber: …wenn es keine Baumschutzverordnung gibt.

herrsching.online Reden wir über die Fraktion des Jahres: Die Bürgermeinschaft Herrsching hat rund 30 Mitglieder und schickt 4 Gemeinderäte ins Rathaus, eine starke Quote.

Gruber: Wir können uns auf Herrschinger Themen konzentrieren, ohne uns für die Fehler einer Bundes- oder Landesregierung rechtfertigen zu müssen. Das genieße ich gerade jetzt, weil wir seit 2016 nicht mehr Mitglied bei den Freien Wählern sind. Es wäre für mich ein Unding, mich ständig für einen Herrn Aiwanger entschuldigen zu müssen.

herrsching.online: Kürzlich schrieb eine herrsching.online-Leserin über Sie: „The last woman  standing”, wenn’s um ökologische Anliegen geht. Sind die BGH-Gemeinderäte die besseren Grünen?

Gruber: Wir haben dieselben Themen, weil es da einen Nachholbedarf gibt. Unter 4 Gemeinderäten ist natürlich eine gute Kommunikation möglich. Nicht dass wir uns alle einnorden, aber wir treffen uns vor den Sitzungen, wenn möglich mit der Basis der Bürgergemeinschaft…

herrsching.online.. ist Ihnen die Meinung der Basis wichtig, wird die auch in Ihrer Politik sichtbar?

Gruber: Ja. Aber wir haben uns durchaus mit den Grünen schon abgestimmt, zum Beispiel beim Grünanlagenplan. Das hat auch funktioniert.

herrsching.online: Gibt es Kolleginnen und Kollegen im Rat, bei deren Wortmeldungen Sie innerlich die Augen verdrehen?

Gruber: Nein, ich versuche das zu vermeiden. Im Ernst: Das ist ein Ehrenamt, bei dem jeder nach seinen Kapazitäten arbeitet. 

BGH sucht eine Bürgermeister-Kandidatin oder einen -Kandidaten

herrsching.online: Immer wieder liest man, dass Gemeinderäte und Bürgermeister Aggressionen ausgesetzt sind. Ist Ihnen das auch schon mal passiert?

Gruber: Nein, aber ich bin auch nicht auf Facebook,  Insta oder Tiktok. Wer weiß, was man da zu lesen bekäme.

herrsching.online: Was hat Sie im letzten Jahr sehr gefreut, was hat Sie geärgert?

Gruber: Dass wir die Obdachlosenunterkunft 2022 und das Bürgerhaus in Widdersberg 2023 einweihen und sehen konnten, dass das schön geworden ist, das hat mich gefreut. Richtig geärgert hat mich die Volte mit dem Bürgerentscheid. Dass man behauptet hat,  man dürfe dem Bürger keine Informationen zur Baumschutzverordnung geben, stimmte einfach nicht. Man kann vor einem Bürgerentscheid die Fakten Pro und Contra für jeden zugänglich machen. Das war eine Zumutung.

herrsching.online: In etwas mehr als  2 Jahren muss sich der Bürgermeister wieder zur Wahl stellen. Wird es von der BGH einen Gegenkandidaten geben?

Gruber: Wir suchen eine Bürgermeister-Kandidatin oder einen -Kandidaten.

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Aktuellste Meldungen

Hitliste der Umwelt-Ausreden

Psychologie-Professor Thomas Brudermann über die Kunst der Ausreden/Herrschinger Gespräche mit Faltsch Wagoni und vielen Pointen/Angst, Bequemlichkeit,

Geschenkt

Konrad Herz’ satirischer Rückblick auf die letzte Gemeinderatssitzung// War das ein Parforceritt am Montag durch den

Bau trifft Baum

Die Grünen trauten dem Braten nicht, den sie selbst bestellt hatten: Eine neue Baumschutzverordnung sollte nach

Großputz im Hause Sperling

Frühjahrsputz im Hause Spatz und Piepmatz: Eine Nachbarsgruppe um die Breitbrunnerin Kathrin Greimel-Moog organisierte vor Beginn

Anzeige