FDP hält „Bezahlbares Wohnen” für unbezahlbar

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Am Montag saß Architekt Hubert Blasi im Bauausschuss und verkündete freudig, dass am Mitterweg nun doch 26 Wohnungen entstehen – eine mehr als geplant. Am Montag darauf beschäftigt sich der gesamte Gemeinderat mit dem Antrag der FDP, das ganze Projekt „Bezahlbares Wohnen” auf den Prüfstand zu stellen. FDP-Gemeinderat Johannes Puntsch (FDP) hält den Plan „Bezahlbares Wohnen am Mitterweg” schlicht für unbezahlbar: Die 3 Häuser neben der Nikolauskirche werden vermutlich rund 10 Millionen Euro kosten und „wahrscheinlich nie einen Gewinn abwerfen”, wie die Kämmerin eingeräumt hatte. Am letzten Dienstag beschäftigte sich der Gemeinderat in nichtöffentlicher Sitzung mit dem Projekt – bei geschlossenen Jalousien im Sitzungssaal. Die Diskussion in der Plenumssitzung des Gemeinderata könnte hitzig werden.

Der Antrag der FDP-Fraktion, unterschrieben von Fraktionssprecher Alexander Keim und Gemeinderat Johannes Puntsch, lautet:  „Im Rückblick auf unsere Klausurtagung im vergangenen November und im Hinblick auf unsere derzeitige Haushaltslage stellen wir den Antrag, die weiteren Planungsleistungen zum „bezahlbaren Wohnraum am Mitterweg“ mit Abschluss der Leistungsphase 4, Genehmigungsplanung“ bis auf weiteres, das heißt bis der Gemeinderat die Wiederaufnahme der Planungen beschließt, auszusetzen.”

Gemeinderat Johannes Puntsch. Foto: Gerd Kloos

Für die Vergabe der Wohnungen, so sie denn gebaut werden, gibt es noch keine offiziellen Kriterien. Dass dabei möglicherweise Gemeindebedienstete einen Bonus haben, gilt als wahrscheinlich. „Viele Firmen bauen zur Zeit Wohnungen für ihre Angestellten, warum sollte die Gemeinde das nicht für ihre Bediensteten machen?” fragte ein Gemeinderat. Zumal für das Projekt auch Fördermittel des Landes in Aussicht stehen. Der Bürgermeister hatte in der Bauausschuss-Sitzung berichtet, dass die Gemeindeverwaltung das Bauvorhaben schon der Regierung von Oberbayern vorgestellt habe. Dort seien die Pläne gut angekommen. Der Bürgermeister rechnet mit erheblichen Zuschüssen aus dem Fördertopf WFP der Staatsregierung.

Die Wohnungen sind deshalb auch nicht ganz billig, weil alle 26 Wohnungen barrrierefrei sind, einige davon sogar Rollstuhl-gerecht. Architekt Thomas Glogger hatte für die nächste Entscheidungsrunde sogar eine spannende Alternative zum herkömmlichen Bauen angekündigt: Die Gemeinderäte könnten sich für eine Hybridbauweise entscheiden, bei der die oberen 2 Stockwerke und die Fassade aus Holz bestehen.

Die Häuser folgen der leichten Hangneigung, es gibt keine teuren Abgrabungen und künstlichen Aufschüttungen. Als gestalterisches Mittel und als Einladung für die Photovoltaik-Planer verlaufen die Dachfirste nicht mittig, so dass auf der Sonnenseite der Satteldächer mehr Platz für die Strom-erzeugenden Module geschaffen wird.

Verteuert wird das Projekt durch die Tiefgarage, an der nach den Vorschriften der Herrschinger Stellplatzsatzung kein Weg vorbeiführt. Gemeinderätin Christiane Gruber hatte in der letzten Bauausschuss-Sitzung bedauert, dass die überarbeitete Stellplatzsatzung für das Projekt Mitterweg nicht mehr anwendbar sei. Bei Mehrfamilienhäusern mit 15 und mehr Wohnungen verlangt Herrsching nämlich in Zukunft 10 Prozent weniger Stellplätze. Bisher musste man bei Mehrfamilienhäusern pro kleiner Wohnung einen Stellplatz, pro Wohnung über 50 Quadratmeter 2 Autoverwahrplätze nachweisen.

Die alte Stellplatzsatzung von Herrsching, an die sich auch die Gemeinde bei eigenen Bauvorhaben halten muss, verlangt von den Planern 40 bis 42 Parkplätze in einer Tiefgarage und 3 Außenstellplätze. Wenn die Gemeinde die aus der Zeit gefallene Satzung vorweg schon geändert hätte, wären ungefähr 4 (teure) Stellplätze nicht nötig gewesen. Traudi Köhl hatte in einer früheren Gemeinderatssitzung kritisiert, dass mitten im Ort 40 Stellplätze erforderlich sind – in Gehnähe zum S-Bahnhof. Das sei nicht mehr zeitgemäß.

4 Comments

  1. Lt. der Referenzliste seines Büros hat der Architekt Punsch 2012 als Architekt mit Leistungen am „Haus der Jugend“ in Herrsching Honorar kassiert.
    Das Haus der Jugend wird auch nie Gewinn abwerfen.

    Die örtlichen FDP-Politiker sind vehemente Unterstützer des neuen Herrschinger Gymnasiums für über 100 Mio€. Das Gymnasium wird nie Gewinn abwerfen.
    Es sei denn, die FDPler hoffen auf den Verbleib des ausgebildeten Humankapitals in der Region, um mit kommenden Generationen Gewinne zu generieren?

    Ein Bahnhof, ein Rathaus, eine Bushaltestelle, ein Sportplatz etc etc. werden niemals Gewinn abwerfen, sind aber Beiträge zur Infrastruktur eines funktionierenden Gemeinwohls.
    Nicht jeder kann oder will sich die Herrschinger turbokapitalistischen Kaltmieten leisten.
    Selbst Herr Schiller hat im August 2021 an die Vermieter appelliert, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

  2. Endlich ein Projekt, das Hoffnung macht? Das seit langem geplant wird, und den Familien mit geringerem Einkommen, wie z.B.
    Angestellten im Supermarkt, Kranken- und Pflegekräften, Busfahrern, in der Gastromie oder dem Bauhof Beschäftigten, um nur ein paar zu nennen, ein bezahlbares Dach über dem Kopf schaffen könnte? Da kommen plötzlich diese völlig unverständlichen Einwände?
    Was wäre denn, wenn diese Menschen einfach alle aus Herrsching verschwinden würden, weil sie hier keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden? Wie würden sich die Antragsteller der FDP im Gemeinderat, Punsch und Keim, dann wohl fühlen?

    • Jede Gemeinde darf die Zahl der Autostellplätze pro Wohneinheit selbst bestimmen. Es wäre doch möglich, nur einen Stellplatz vorzuschreiben. So können mehr bezahlbare Wohnungen gebaut werden. Das Recht auf Wohnung sollte nicht automatisch ein Recht auf Auto beinhalten. Einkommensschwache Familien haben nicht den gleichen Fuhrpark wie Haus- bzw. Villenbesitzer. Diese könnten dann statt einem vorgeschriebenen Stellplatz freiwillig mehrere beantragen.

  3. Sind die rund 10 Millionen Euro, die vermutlich die 3 Häuser neben der Nikolauskirche “kosten” werden, reine Baukosten, oder die Gesamtkosten inkl. Planungskosten? Wenn es nur die reinen Baukosten sind, kommen noch die Kosten für die Planungsleistungen mit mindestens 19% dazu. Somit ergeben sich Gesamtkosten in Höhe von 11.900.000.-€; aktuell.
    Man darf auch nicht vernachlässigen, dass in den letzten Jahren nach Statistischen Bundesamt die Baupreise extrem angezogen haben, und alleine von Februar 2021 auf Februar 2022 um 16,9 %, und von Februar 2022 auf Februar 2023 um 15,1 % gestiegen sind.
    Wenn der Gemeinderat trotz der zu erwartenden Kosten (10.000.000.-€ + X) das Bauvorhaben weiter voran treibt (was aus meiner Sicht ebenfalls dringend notwendig ist), würde ich jedoch aufgrund der Erfahrung mit dem Kindergarten am Fendlbach auf eine Holz-Hybridbauweise verzichten.

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