Vorbildliche Baumpflege: An der Seestraße Ecke Landungssteg befreit eine Firma – im Auftrag der Gemeinde Herrsching – einen Baum von schmarotzenden Misteln. Warum, fragt eine BUND-Expertin, wurden diese Schnitte nicht auch an der Promenadenpappel vorgenommen?

„Da hat jemand nicht ordentlich hingeschaut”

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Die Pappel an der Promenade verursacht in der Gemeindeverwaltung „Phantomschmerzen”: Der Baum ist längst weg, aber er beschäftigt das Umweltreferat im Rathaus weiter. Die zuständige Referentin Franziska Kalz hatte dem Herrschinger Karl-Heinz Wirth auf Nachfrage lakonisch mitgeteilt, dass die Pappel „aus wohl abgewogenen Gründen gefällt wurde”. Mit dieser Transparenzpreis-verdächtigen Antwort gibt sich der Baumfreund aber nicht zufrieden.

Karl-Heinz Wirth: „Zwingend Transparenz walten lassen”

Umweltreferentin Kalz hatte im Starnberger Merkur die Fällung mit einer „Ausbruchgefahr von starken Ästen” an der Großpappel begründet. Auslöser dafür seien etwa Misteln, deren sogenannte Senker die Nährstoff- und Wasserversorgung des Baumes anzapften. Eine Anfrage von herrsching.online ließ sie unbeantwortet.

Wirth geht in seiner Mail auf die Mistel-Gefahr ein: „Nach der Literatur ist die Mistel eine sehr wertvolle Pflanze. Sie bietet zahlreichen Vogelarten und Insekten Nahrung und Unterschlupf und wird auch in der Medizin verwendet. Eine Ausrottung der Mistel darf kein Ziel sein.”

Die Diplom-Ingenieurin Angela-Burkhardt-Keller kümmert sich beim BUND in München um den Baumschutz

Die Münchner BUND-Baumexpertin Angela Burkhardt-Keller bestätigt in einem Brief an herrsching.online, dass die „Misteln nicht über Nacht kommen, sondern sie etablieren sich über Jahre an Bäumen”. Die Diplom-Ingenieurin weiter: „Wenn die Pappel jetzt wegen Mistelbefall gefällt wurde, dann hat da jemand über längere Zeit nicht ordentlich hingeschaut bei der Baumkontrolle, oder die Entwicklung nicht richtig eingeschätzt. Es ist ja nicht so, dass man Misteln schutzlos ausgeliefert ist. Wenn der Befall zu stark wird, kann man Misteln durch Schnittmaßnahmen bei der Baumpflege reduzieren.”

Bürger Karlheinz Wirth richtet nun 7 Fragen an die Baumpflege-Verantwortliche des Rathauses:

  1. Welcher gutachtliche Befund führte zur Fällung und wer hat die fachkundige Begutachtung vorgenommen?
  2. Wer war mit dem artenschutzrechtlichen Gutachten beauftragt und welches Ergebnis brachte diese Prüfung?
  3. Wann und von wem wurde die Entscheidung getroffen, dass die Pappel gefällt wird?
  4. Von wem wurde die Firma Holzknecht mit der Fällung beauftragt?
  5. Welche Kosten sind insgesamt angefallen?
  6. Wer übernimmt diese Kosten?
  7. Bestanden oder bestehen Kontakte zwischen der Gemeindeverwaltung und dem Betreiber des ehemaligen SVG Gästehauses?

Die letzte Frage bezieht sich auf Wirths Entdeckung unterschiedlicher Werbebotschaften des SVG-Gästehauses. Das SVG-Gästehaus an der Promenade, so der Baumfreund, habe ursprünglich damit geworben, dass die Gäste „aus Fenstern einiger Zimmer” eine schöne Aussicht auf den See hätten. „Jetzt, in 2023, nennt man sich Seespitz Gästehaus und siehe da, bereits vor der Fällung des Baumes liest sich die Werbung wie folgt:

  • Alle Zimmer mit Balkon und Seeblick
  • Jedes Zimmer mit direktem Seeblick ausgestattet”

Sollten zwischen dem Betreiber des Gästehauses und der Gemeinde Kontakte wegen der Pappel bestanden haben, ergäben sich daraus weitere Fragen, so Wirth.

In seiner Mail an das Umweltreferat kritisiert Wirth die Informationspolitik des Rathauses: „Nach wie vor wird die Offenlegung nachprüfbarer Fakten…verweigert.” Er beantragte deshalb „unter Hinweis auf die gesetzlichen Bestimmungen” Einsicht in den Verwaltungsakt.

3 Comments

  1. Könnte es sein, dass der Umweltabteilung der Herrschinger Gemeinde die neu beantragte Baumschutzverordnung hilft? Es scheint in den letzten Jahren doch eine Mangelentwickung in Sachen Gehoelzpflegedie die Ursache des “Baumsterbens” zu sein. Das Argument der Sparsamkeit müsste tatsächlich geprüft werden. Die grossen Summen im neuen Haushalt werden nicht im Umweltburo von Frau Kalz ausgegeben.

  2. Die Kostenrechnung von Baumfällung versus minimalinvasiver Baumpflege ist interessant und sollte von der Verwaltung offengelegt werden. Dann kann der Bürger, und nicht die Verwaltung entscheiden ob wir (als Gemeinde) uns das leisten wollen. Die Verwaltung will offensichtlich niedrige Kosten, der Bürger könnte durchaus eine andere Meinung haben…

  3. Längere Zeit nicht ordentlich hingeschaut? Bis eine Mistel das typische runde Nest gebildet hat vergehen nach der einschlägigen Literatur sehr viele Jahre. Es ist also stets ausreichend Zeit, das Wachstum zu beobachten und soweit notwendig einen Astschnitt durchzuführen.
    Unser Bürgermeister rühmt sich hoher jährlicher Kosten für die Baumpflege. Irgend etwas läuft da offensichtlich falsch.

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