Auch Gegenwind hält sie aus: CSU-Gemeinderätin Dr. Tanja Kodisch-Kraft. Foto: Gerd Kloos

CSU-Gemeinderätin: „Wir müssen die gesamte Verkehrspolitik überdenken“

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Sie ist Nachrückerin im Herrschinger Gemeinderat, aber alles andere als eine Hinterbänklerin: Die Germanistin und Bildungsreferentin Dr. Tanja Kodisch-Kraft (54) hat sich in wenigen Monaten zu einer meinungsstarken, eigenständigen Gemeinderätin entwickelt. Bei grünen und sozialen Themen darf sich die CSU-Fraktion nicht auf ihre Stimme verlassen – die Fränkin hat schon mehrmals mit Grünen und BGH gestimmt. So spricht sich die ehemalige Bertelsmann-Managerin klar für ein Tempolimit auf den Autobahnen aus. Grund genug für ein langes, intensives Interview.

herrsching.online: Was hat Sie in die CSU geführt?

Kodisch: Ich war 21, als ich in die CSU eingetreten bin. Das ist also schon sehr lange her. Damals lebte ich noch in Kulmbach.

herrsching.online: Hatten Sie auch ein Franz-Josef-Poster im Kinderzimmer?

Kodisch (lacht): Definitiv nicht. Ich bin im Sommer 1989 von einem Bekannten gefragt worden, ob ich bereit wäre, als Parteifreie auf der Liste der CSU für die Kommunalwahl zu kandidieren. „Ja, warum nicht?“, dachte ich mir. Ich war dann im Rahmen meines Studiums ein halbes Jahr in Indonesien, und als ich zurückkam, stand ich auf Platz 29 der Stadtratsliste.  Bei den Wahlen wurde ich auf Platz 13 vorgehäufelt. Das hat den Ortsverband so beeindruckt, dass er mich  gefragt hat, ob ich für ein Vorstandsamt zur Verfügung stünde. So kam ich in die CSU.

Gestatten: Toni. Die Bildungsreferentin hat noch 2 Kinder. Mit dem Hund aber geht meistens sie spazieren

herrsching.online: Es war also nicht Franz-Josef. Für was steht die CSU heute?

Kodisch: Die CSU steht zuerst einmal für den Erfolg Bayerns, das im Vergleich zu anderen Bundesländern gut dasteht. Das hat natürlich auch mit einer starken Wirtschaft zu tun, einem starken Mittelstand. Die CSU steht für eine gewisse Bodenständigkeit…

herrsching.online: … und passt insofern auch zur Landwirtschaft…

Kodisch…ja, sie passt auch zur Landwirtschaft. Die CSU ist aber auch offen für den Fortschritt, sie fördert Forschung in Bayern und hat zum Glück auch das Thema Umwelt für sich entdeckt. Das ist für mich eines der wichtigsten Zukunftsthemen, denen wir uns stellen müssen.  Wo ich schwer mitgehen kann, ist im Moment die Verkehrspolitik. Ich bin der Meinung, dass wir dringend ein Tempolimit brauchen. Wir müssen die gesamte Verkehrspolitik überdenken, zum Beispiel auch den Straßenausbau.

herrsching.online: Das bringt uns schnurstracks zu Ihrem Stimmverhalten im Gemeinderat. Sie sind in letzter Zeit öfter mal aus der Fraktionsdisziplin der CSU ausgebrochen und haben für Anträge aus anderen Fraktionen gestimmt. Gab’s anschließend böse Kommentare aus der Fraktion?

Kodisch: Nein, überhaupt nicht. Wir haben keinen Fraktionszwang. Jedes Gemeinderatsmitglied der CSU kann nach seiner Überzeugung abstimmen. Das macht die Arbeit im Gemeinderat auch spannend. Ich wurde  sehr herzlich von allen Fraktionen aufgenommen, als ich nachgerückt bin.

herrsching.online: Werden die Themen der Gemeinderatssitzung vorher in der Fraktion diskutiert?

Kodisch: Ja, und das ist gut so. Und oft sind wir uns einig. Aber es wird in der Fraktion auch akzeptiert, wenn ein Gemeinderatsmitglied nach eigenem Wissen und Gewissen abstimmt.

herrsching.online: Welche kommunalpolitischen Schwerpunkte setzten Sie für sich persönlich?

Kodisch: Ich komme beruflich aus dem Bildungsbereich, und den halte ich auch in der Kommunalpolitik für sehr wichtig. Mit guter Aus-, Fort- und Weiterbildung werden wir viele Herausforderungen lösen. Auch die Natur  liegt mir am Herzen. Herrsching liegt wunderschön, und damit sollten wir sensibel umgehen.  Mit Blick auf die derzeitigen Krisen  finde ich es  wichtig, neue Energiekonzepte für die Gemeinde zu entwickeln. Andere Gemeinden haben es bereits geschafft,  energieautark zu werden. Hier müssen wir kreativ denken und offen sein für neue Konzepte. Herzensthemen sind mir auch die Jugendarbeit und die Arbeit der Ehrenamtlichen in den Vereinen. Ein starkes Ehrenamt ist unglaublich wertvoll und für eine Gemeinde unbezahlbar.

herrsching.online: Jugendarbeit findet nur in den Vereinen und im Stellwerk statt. Sonst ist nur von Jugend die Rede, wenn es um den „Lost Place“ am Bahnhof geht…

Wir haben zu wenig Angebote für Jugendliche

Kodisch: Wir haben tatsächlich zu wenig Angebote für Jugendliche in Herrsching. Im Sommer bietet der See natürlich viele Möglichkeiten, aber im Winter wird es dünn…

herrsching.online: Wie alt sind Ihre Kinder?

Kodisch: 15 und 19 Jahre alt. Vom neuen Gymnasium in Herrsching profitieren sie leider nicht mehr. 

herrsching.online: Welche Bildungsangebote bietet Herrsching Jugendlichen und Erwachsenen?

Kodisch: Die Angebote der Volkshochschule sind ausgezeichnet, unsere Seminare im Haus der Landwirtschaft stehen für jeden offen, der Bund Naturschutz engagiert sich ebenfalls im Bildungsbereich für Erwachsene und Jugendliche.  Und hin und wieder gibt es interessante Vorträge oder Veranstaltungen des Kulturvereins.

herrsching.online: Sie haben vorher erwähnt, dass Sie mit der Verkehrspolitik der CSU fremdeln. Was muss sich beim Verkehr in Herrsching ändern?

Kodisch: Ich bin für eine Stichstraße von der Seefelder Straße ins Gewerbegebiet. Das würde die Ortsmitte deutlich entlasten. Aber da gibt es auch andere Meinungen, die sagen: Neue Straßen bringen neuen Verkehr, das kann ich nachvollziehen. Trotzdem glaube ich, dass die Verkehrsentlastung ein Gewinn für den Ort wäre.

herrsching.online: Zwei Themenschwerpunkte der Herrschinger Kommunalpolitik sind bezahlbare Wohnungen auch für Bürger mit sehr geringem Einkommen und die weitere Verwendung des Bahnhofs.

Kodisch: Bezahlbarer Wohnraum ist auch ein wichtiges Thema der Herrschinger CSU. Wobei es uns hier nicht nur um Bürger mit sehr geringem Einkommen, sondern auch um Durchschnittsverdiener geht. Vom Kindergarten über Krankenpflege bis zum Handwerk brauchen wir  Wohnraum für Menschen, die hier leben und arbeiten. Und wir suchen im Gemeinderat nach Lösungen. Aber beim Bofrostgelände wurde ja deutlich, dass das Grundstück zu klein und eine wirtschaftliche Bebauung nicht möglich ist…

herrsching.online: …sagt der Verband Wohnen…

Kodisch… ein Stück weit muss man sich auf Experten verlassen.

herrsching.online: Sind Sie Experten-gläubig, oder glauben Sie, dass politischer Wille als Korrektiv wichtig ist?

Auch Experten muss man sich manchmal genau anschauen

Kodisch: Ein Architekt kann die Wirtschaftlichkeit einer Bauplanung sicherlich besser beurteilen als ich. Deshalb sind Expertenmeinungen schon  relevant. Aber ja, Sie haben recht: Auch  Experten muss man sich manchmal genau anschauen.

herrsching.online: Weil wir gerade bei den Experten sind: Finden Sie es okay, dass sich Experten wie die Grünplaner in Herrsching in nichtöffentlicher Sitzung vorstellen? Wieviel Transparenz sollte es in der Kommunalpolitik geben?

Kodisch: Die Politik in Herrsching ist transparent. Es wird ja, wenn Sie die Grünplanung ansprechen, dazu auch eine öffentliche Sitzung geben. Es ist legitim, wenn sich der Gemeinderat vorher Gedanken macht.

herrsching.online: Warum?

Kodisch: Warum nicht? Die nichtöffentliche Sitzung hat noch keine Meinungen verfestigt. Beim Bahnhof hat es bereits eine öffentliche Sitzung gegeben, in der alle Argumente auf den Tisch kamen. 

herrsching.online: Von der Bürgerinitiative Pro Natur kommt im Februar ein Vorschlag für eine neue Baumschutzverordnung. Wie stehen Sie zu dieser Initiative?

Es ist wichtig, alten Baumbestand zu erhalten

Kodisch: Es ist notwendig, pfleglich mit unserer Natur umzugehen und genau hinzuschauen. Wir sollten das Grün, das Herrsching auszeichnet, bewahren. Die Frage aber bleibt: Müssen es immer Verordnungen sein, gibt es nicht andere Möglichkeiten, um alte Bäume zu schützen? Aber grundsätzlich finde ich es wichtig, alten Baumbestand zu erhalten.

herrsching.online: Glauben Sie, dass der Natur mit dem Prinzip der Freiwilligkeit geholfen ist?

Kodisch: Ich finde es immer gut, wenn man Menschen von etwas überzeugen kann, und nicht mit Auflagen und Verboten arbeiten muss. Es wäre auch schön, wenn man das in der Gemeinde schaffen würde, und meiner Meinung nach ist bei vielen Herrschinger Bürgern auch das Bewusstsein dafür da. Ich gebe allerdings zu, dass Überzeugungsarbeit schwierig wird, wenn ein Investor seine Interessen durchsetzen will.

herrsching.online: Haben Sie jetzt soviel Spaß an der Kommunalpolitik, dass Sie zur nächsten Wahl wieder antreten werden?

Kodisch: Stand jetzt:  ja. Im Augenblick macht’s total viel Spaß.

herrsching.online: Noch ein Wort zu Ihrer eigentlichen Arbeit im Haus der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft steht heute unter scharfer Beobachtung von Klimaschützern und vom Gesetzgeber. Arbeiten Sie für einen Verband, der’s mit den grünen Zielen nicht so genau nimmt?

Kodisch: Landwirte leisten viel. Sie müssen auch unternehmerisch denken. Sie arbeiten in den Bereichen Energie, Landschaftspflege und Ernährungssicherung. Ich glaube, dass wir die Klimakrise oder den Klimawandel, wie auch immer Sie das nennen wollen, nur in den Griff bekommen, wenn die Landwirtschaft dabei ist.

herrsching.online: Nach Berechnungen des Bundesumweltamtes gehen rund 8 Prozent der Treibhaus-Emissionen auf die Landwirtschaft zurück.

Kodisch… und die restlichen 92 Prozent? Unbestritten, dass sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahren verändern wird. Aber da passiert schon sehr viel, was oft nicht gesehen wird.

herrsching.online: …zum Beispiel?

Kodisch: Die Pflege der Wälder oder die CO2-Bindung in den Böden. Wir brauchen die Landwirte zur Pflege der Natur.

herrsching.online: Nur etwa 10 Prozent der bayerischen Bauern wirtschaften biologisch, sagt der Bund Naturschutz.

Kodisch: Es sind etwas mehr, 12 Prozent. Damit liegt Bayern an der Spitze aller Bundesländer. 30 Prozent der ökologisch wirtschaftenden Betriebe Deutschlands liegen in Bayern. Die Hälfte der in Deutschland produzierten Biomilch kommt aus Bayern. Aber Fakt ist auch, dass die Verbraucher aktuell wieder weniger biologische Erzeugnisse kaufen. Und die Nachfrage bestimmt natürlich auch die Wirtschaftsform. Ich persönlich finde es auch viel wichtiger, regional einzukaufen.

Es gibt Bestrebungen, in  staatlichen Einrichtungen mit Gemeinschaftsverpflegungen wie Kantinen oder Mensen mindestens 50 Prozent der Nahrungsmittel aus regionalem Anbau  anzubieten. Regional denken und handeln – das finde ich wichtig und gut.

1 Comment

  1. Danke Frau Kodisch, dass sie sich den Fragen von Herrsching online so sachlich und kompetent gestellt haben. Und danke, dass sie auf die persönliche Freiheit jeden Gemeinderates beim Abstimmen hinweisen. So fördern sie die demokratischen Grundprinzipien in der Kommunalpolitik vorbildlich. Allerdings ist mir nicht klar, wie sie den alten Baumbestand ohne Verordnung schützen wollen. Haben sie da einen konkreten Vorschlag? Und diskutieren sie auch die extrem voranschreitende Bodenversiegelung in Herrsching und Breitbrunn im Gemeinderat wenn sie die Baumschutzverordnung behandeln? Der Parkplatz am Seefelder Hof hat drei alte Bäume verloren, aber es ist kein einziger neuer Stellplatz dazugekommen, aber die neu gewonnen 50cm. werden sicherlich neu versiegelt. Bitte bedenken sie welche Vorteile die Baumschutzverordnung bringt und beharren sie nicht auf den Nachteile. Danke Heidi Körner

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