Der Mann mit dem roten Buch, das nichts vergisst: Der ehemalige Leitende Polizeikommissar Norbert Wittmann bei einer Bachbegehung. Foto: Gerd Kloos

„Es gibt Wasserwirtschaftsämter, denen man mehr ökologisches Vertrauen entgegenbringt”

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Sogar die „Schlapphüte” aus Pullach hatten sich für ihn interessiert, aber der junge Reserveoffizier Norbert Wittmann hatte keine Lust auf Spionage im Ausland. Statt in BND-Dienste zu treten, wurde er BGS-Polizist. Das war auch spannend, denn der ehemalige Bundesgrenzschutz stellte die Sky Marshalls auf gefährdeten Linienflügen. Dann ging der BGS in der neuen Bundespolizei auf, und Wittmann machte Karriere mit dem Bundesadler an der Uniform. Schließlich avancierte er zum Leiter Abteilung Kriminalitätsbekämpfung im Münchner Bundespolizei-Präsidium. Auch solche Posten bieten reizvolle Ausflüge: So durfte er an einer Taschendiebstahlkonferenz in London (da trafen sich Polizisten aus aller Welt, nicht deren Kundschaft) teilnehmen. Die Tricks der Langfinger kannte er bestens aus seiner Zeit als stellvertretender Chef der Hauptbahnhofs-Wache. Nach seiner Pensionierung hat Wittmann sein Talent für intensive Recherche nicht verkümmern lassen. Als einer der Hauptakteure in der Bürgerinitiative Pro Natur schaut er inzwischen den Behörden auf die Finger. So hat er – einer seiner kleinen Erfolge – herausgefunden, dass in einem Gemeinderatsprotokoll ein politisch brisantes Abstimmungsergebnis falsch wiedergegeben wurde. Zu seinen wichtigsten Aufgaben aber gehört inzwischen die „Observierung” der Behördenmaßnahmen am ökologisch gefährdeten Kienbach. Norbert Wittmann, 67, ist also der beste Partner für ein Gespräch über die „Gehölzpflegemaßnahmen” des Wasserwirtschaftsamtes. Müssen wir den amtlichen Planern vom Wasserwirtschaftsamt misstrauen?

„Jeder Bürger hat das Recht, Maßnahmen von Behörden zu überprüfen”

herrsching.online: Herr Wittmann, Sie waren Jahrzehnte auf der anderen Seite gestanden und kennen sich in der Mentalität von Behörden bestens aus. Sollte man einer Behörde generell immer erst mal misstrauisch begegnen?

Wittmann: Jeder Bürger hat zuerst einmal das Recht, jede Maßnahme von Behörden zu überprüfen und zu kontrollieren, ob diese Maßnahmen dem geltenden Recht entsprechen und nicht über das Ziel hinausschießen. Obwohl sich Behörden ja meist untereinander abstimmen, kann es durchaus sein, dass ein einzelnes Haus mehr macht, als vorher vereinbart wurde. So muss das Wasserwirtschaftsamt die Maßnahmen am Kienbach mit der Unteren Naturschutzbehörde und der Gemeinde abstimmen. Das Wasserwirtschaftsamt hat schon Eingriffe in das Ökosystem des Kienbachs vorgenommen, ich erinnere an die Baumfällungen im Frühjahr 2022, die über das Ziel hinausgeschossen sind.  Ein weiteres Beispiel ist der Habichtgraben bei Eurasburg. Dort wurde unter der Rubrik Pflegemaßnahme das Ufer massiv abgeholzt.  

(Anmerkung der Redaktion: Das WWA auf seiner Website die Maßnahmen beschrieben unter Hochwasserschutz Lengenwies – Wasserwirtschaftsamt Weilheim (bayern.de)

„Wir unterstützen die behördliche Aufsicht”

Die Gemeinde Herrsching erlässt zum Beispiel zahlreiche Rechtsverordnungen. Nun sagt der Bürgermeister immer wieder,  dass die Gemeinde leider nicht das Personal hat, um die Einhaltung dieser Verordnungen auch zu kontrollieren. 

Wir  unterstützen nun praktisch am Kienbach die behördliche Aufsicht, dass die Auflagen zum Beispiel des Naturschutz- und des Wasserhaushaltgesetzes eingehalten werden.  An diese Gesetze hat sich auch das Wasserwirtschaftsamt zu halten.

Anderen WWAs bringt man mehr Vertrauen entgegen

herrsching.online: Besteht Anlass zur Sorge, dass die amtlichen Wasserexperten ökologische Auflagen nicht so ernst nehmen?

Screenshot von der Website des WWA Weilheim. So „sanierte” das Amt den Kankerbach in Garmisch (siehe auch Link: Wasserwirtschaftsamt Weilheim, Hochwasserschutz, Kankerbach, Garmisch-Partenkirchen – Wasserwirtschaftsamt Weilheim (bayern.de)

Wittmann: Es gibt Wasserwirtschaftsämter in Bayern, denen man mehr ökologisches Vertrauen entgegenbringt. So hat das Wasserwirtschaftsamt Traunstein schon Maßnahmen durchgeführt, die ganz anders ausschauen als das, was man von Weilheim schon gesehen hat.  Als Beispiel darf ich hier den Hochwasserschutz am Kankerbach in Garmisch anführen. Das ist dramatisch.  Da wird eine Betonrinne quer durch den Ort gezogen.  Das ist in unseren Augen ein massiver Eingriff. Das sieht fast wie eine Sperranlage am früheren Eisernen Vorhang aus.

herrsching.online: Welche formalen Möglichkeiten hat die Gemeinde Herrsching, Einfluss auf das Wasserwirtschaftsamt auszuüben?

Wittmann:  Die einzelnen Maßnahmen wurden ja laut amtlicher Vereinbarung zwischen Unterer Naturschutzbehörde und Gemeinde abgesprochen. Bei einer Begehung waren alle 3  Beteiligten dabei. Die Frage ist nun: Hat die Gemeinde ein Auge drauf, ob die Maßnahmen wie besprochen durchgeführt werden….

herrsching.online: …schon in der Kommunikation gab es Differenzen. Die Gemeindeverwaltung gab in der Gemeinderatssitzung bekannt, dass Gehölzpflegemaßnahmen an Sträuchern und Stauden vorgenommen werden. Von Baumfällungen war in dieser Sitzung nicht die Rede…

Wittmann… das Wasserwirtschaftsamt hat dagegen angekündigt, dass auch Bäume fallen müssen.  Entsprechende Unterlagen finden sich auf der Website des Wasserwirtschaftsamtes. Und für uns stellt sich nun die Frage, was gehört denn zum Gewässerquerschnitt, der „gepflegt“ werden muss, um den Hochwasserabfluss sicherzustellen? Zählt nun der Uferbereich auch zu diesem Querschnitt, um den Hochwasserabfluss sicherzustellen?

herrsching.online: Gehört es zum Wesen einer Behörde, politisch den bequemsten und juristisch den sichersten Weg zu gehen?

Ich habe noch nichts von der Gemeinde gehört

Wittmann: Die Behörden lassen Maßnahmen in der Regel von ihren Hausjuristen prüfen. Die spannendere Frage ist aber doch: Was passiert, wenn ein Anwohner, dem ein Teil des Bachs und oder des Ufers  gehört, die Maßnahmen der Behörde nicht mitträgt (2 Anwohner scheinen sich gegen die Pflegemaßnahmen zu sperren; Red.). Übrigens ist die Gemeinde Herrsching auch Eigentümer von Teilen des Kienbachs. Und was macht die Gemeinde nun? Da habe ich bisher noch nichts gehört. Und wenn ich Statements von Gemeinderäten höre, die sagen: Die vom Wasserwirtschaftsamt wissen schon was sie tun, da stelle ich mir schon die Frage, worauf dieses Vertrauen basiert.

herrsching.online: Der Kienbach, diesen Eindruck vermittelt auch unser Gespräch, ist inzwischen ein echtes Politikum…

Wittmann: Ich weiß nicht, ob ein Bach politisch ist, aber wahr ist: Jetzt regt sich politischer Widerstand. Die Vorstellung, dass der Bach durch eine Betonröhre laufen würde, erscheint mir nicht gerade verlockend. Das Ortsbild von Herrsching würde massiv beeinträchtigt

10 Comments

  1. Auge sei wachsam, so lautet die Devise besorgter Bürgerinnen und Bürger. Auch Anlieger des Kienbaches sind zum Teil entsetzt über die geplanten Maßnahmen des WWA. Sie würden den Bach, dessen Ufer und das Gesamtbild dieser idyllischen Natur nachhaltig beeinträchtigen. Leider ist festzustellen, dass sowohl das WWA als auch die Gemeinde, vertreten durch Herrn Schiller, keinerlei Anstalten zeigt, den Bürgern konkrete Auskunft darüber zu geben, wie die einzelnen Maßnahmen konkret, die Betonung liegt auf konkret, aussehen. Dabei verdrängen offensichtlich sowohl WWA als auch Gemeinde, vertreten durch den 1. Bürgermeister Schiller, wie schon in der Vergangenheit, dass sie steuerfinanzierte Dienstleister und insoweit den Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet sind. Hochwasserschutz hat sicher seine Berechtigung. Aber wenn man sich auf der Homepage des WWA anschaut, was beispielsweise in Garmisch “geleistet” wurde, kann einem, Entschuldigung, nur schlecht werden. Man kann betroffene Anlieger, aber auch Bürgerinnen und Bürger, nur auffordern, sich Sorgen um unseren Bach zu machen und, soweit als möglich, Widerstand gegen die von der Gemeinde abgenickten überzogenen Pläne des WWA zu leisten.

    • „Besorgte“ Bürgerinnen und Bürger – das kennt man doch irgendwoher? Eine bewusste Wortwahl?
      Also, ich jedenfalls habe da bestimmte, besorgniserregende Assoziationen….

      • Hier einige Zitate aus der Berichterstattung von Sitzungen des Herrschinger Gemeinderats:
        “Die Zweite Bürgermeisterin Christina Reich berichtete auf Nachfrage von Gemeinderat Roland Lübeck, dass sie von einer besorgten Bürgerin im Rathaus angerufen wurde…”
        “Besorgte Breitbrunner …..”, “Besorgte Anwohner der angrenzemden Wohngebiete……”, “Besorgte Eltern des Gemeindekindergartens…..” Handelt es sich hier nicht auch um besorgte Bürger? Sind hier auch bestimmte, besorgniserregende Assoziationen angebracht….?

        • Ganz wie Sie meinen, Herr Wittmann.
          Menschen können natürlich wegen allem Möglichen „besorgt“ sein.
          Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass der Begriff „besorgte Bürger“ negativ vorbelastet ist.

  2. Liebe Frau Böckelmann, Sie täuschen sich nicht. Mit denen, die Sie meinen, wollen wir von Pronatur wirklich nichts zu tun haben, aber das wissen Sie doch auch.
    Dass der Begriff in gewisser Weise
    „verbrannt “ist, gestehe ich Ihnen sofort zu. Die Besorgnis über das, was am Kienbach passiert, sollten wir uns aber doch deshalb nicht nehmen lassen.
    Herzliche Grüße von unterwegs.

    • Genau, Frau Voit. Deshalb wollte ich Sie darauf hinweisen, sich nicht selbst in die Nähe von Demonstranten zu rücken, die ganz andere Ziele vor Augen haben als die, die Ihnen wichtig sind.

      • Die Tabuisierung gängiger Wörter ist ein inhaltsloses Stilmittel, das jeglichen Diskurs ad absurdum führt oder gänzlich abwürgt. Menschen, die sich dessen bedienen nehmen keine Stellung, sondern diskreditieren ohne selbst etwas beizutragen.

        Alles was nicht der eigenen Meinung entspricht als „rechts“ abzustempeln vergiftet auf Dauer den Dialog und trägt zur gesellschaftlichen Spaltung bei. Ich hoffe, wir können das in diesem kleinen Kreis wo jeder jeden kennt besser.

  3. Es wäre sehr hilfreich, wenn die Bürger hier konkrete Beobachtungen und Sachverhalte zusammentragen könnten, die eindeutig auf eine mögliche Verletzung von bestehenden Vorschriften zum Natur- und Artenschutz hinweisen. Der Gemeinderat kann seiner Kontrollfunktion besser nachkommen, wenn es konkrete Hinweise auf solche Vorkommnisse gibt.

    Für die Errichtung einer Betonröhre gibt es derzeit keine konkreten Anhaltspunkte.

  4. Danke Herr Keim, das ist eine gute Idee. Eine öffentlich zugängliche Stelle (gerne digital) wäre hier sicher hilfreich. Dazu würde meines Erachtens ein Forum hier auf herrsching.online, oder auch von der Gemeinde Herrsching betrieben, gut geeignet. So kann der Gemeinderat ohne viel Aufwand den Willen der Bürger erfragen und entsprechend Handlungen einleiten. Zudem wäre dies transparent für Bürger und Verwaltung.

    Der Schadensmelder auf herrsching.de geht ja in die entsprechende Richtung…

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