Über 100 Zuhörer begleiteten die Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer auf ihrem Erinnerungsspaziergang. Die Finanzschule ist ein steinernes Zeugnis der NS-Verbrechen

Oktober 2022: „Bürger auf den Spuren der braunen Vergangenheit”

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Das vergangene Jahr 2022 in Herrsching/Ein Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse//

Alfred Ploetz, Fritz Reinhardt, Hans Frank – Namen mit trauriger Berühmtheit aus Herrschings Geschichte. Die Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer erinnerte auf einem Erinnerungsspazierung an die braune Vergangenheit Herrschings.

Ein Adler blickt auf die Menge herab, den Siegeskranz in seinen Krallen. Das Hakenkreuz haben sie ihm – immerhin – herausgemeißelt, die Säulen am Eingang der Finanzhochschule aber künden immer noch vom Ungeist einer dunklen Zeit. Auf den Stufen des Nazi-Baus begann am Freitag die Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer vor über 100 Bürgern den Erinnerungs-Spaziergang zu den Schandmälern der Herrschinger Nazi-Größen.

Gemeindearchivarin Dr. Hellerer wird vom SPD-Vorsitzenden Werner Odemer beschirmt

Der Bau der Finanzhochschule 1936 habe den Handwerkern einen unvorstellbaren Auftragsschub beschert, erzählte Friederike Hellerer. „Als 1936 der NS-Finanzfachmann Fritz Reinhardt den Grundstein legen ließ, sollte die Schule als Nukleus für alle Finanzschulen im Reich dienen”, berichtet die Historikerin. Alle verfügbaren Handwerker Herrschings und der Umgebung seien damals mit dem Bau des Protz-Klotzes beschäftigt gewesen. Reinhardts Entscheidung, die erste Reichsfinanzschule in Herrsching zu bauen, fiel wohl aus alter Verbundenheit für die Seegemeinde: Er war schon 1926 Ortsgruppenleiter der NSDAP in Herrsching geworden und hatte dann wegen seines Organisations- und Redetalents schnell Karriere gemacht. Auf Reinhardt geht auch das Steueranpassungsgesetz von 1934 zurück, das die Nazi-Ideologie im Steuerrecht verankerte. Der Tempel für die rassistischen Steuergesetze sollte dann wohl die Finanzschule in Herrsching werden.

Auf der Seepromenade erinnerte Friederike Hellerer an Hans Frank, der in Herrsching ein kleines Häuschen am See besaß. Frank ist als Polen-Schlächter in die Geschichte eingegangen. Frank scheint sich aber nicht sehr oft in Herrsching aufgehalten zu haben – er war in Berlin und dann in Krakau mit der Organisation seiner beispiellosen Verbrechen beschäftigt.

Ein belasteter Ort ist auch das Gut Rezensried zwischen Herrsching und Breitbrunn. Der Mediziner Alfred Ploetz hatte das Anwesen 1914 gekauft. Ploetz gilt als Vater der Rassenhygiene. Schon 1905 initierte er die Gründung der „Gesellschaft für Rassenhygiene”. In seinem Buch heißt es unter anderem: „Die Erzeugung guter Kinder … wird nicht irgend einem Zufall einer angeheiterten Stunde überlassen, sondern geregelt nach Grundsätzen, die die Wissenschaft für Zeit und sonstige Bedingungen aufgestellt hat.” 1933 saß Ploetz im „Sachverständigenrat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik”. Hitler ernannte ihn 1936 zum Professor und nominierte ihn sogar für den Friedensnobelpreis. Die Süddeutsche Zeitung berichtete 2018, sein Enkel Alfred Ploetz, der sogar im Gemeinderat von Herrsching saß, habe geäußert, dass es völlig daneben sei, seinen Großvater als Nazi hinzustellen. Hellerer zitierte an der Promenade vor gebannt lauschenden Zuhörern Sätze von Ploetz, die ein anderes Bild von ihm zeichnen.

Die Herrschinger Gemeinderäte sahen 2003 trotzdem nicht so genau hin. Wie die SZ berichtete, gab es bis 2002 eine Alfred-Ploetz-Straße. Die Herrschinger Frauenrechtlerin Traudl Wischnewski hatte dann im Gemeinderat beantragt, das kleine Sträßchen umzutaufen. Aber es kam dann zu einem der faulsten Kompromisse der jüngsten Herrschinger Geschichte: Der Gemeinderat benannte die Straße in Ploetzstraße um. So ging Entnazifierung in Herrsching.

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