Gemeinderäte und Mitglieder des Helferkreises im Schulterschluss: Angelika Lange-Gao, Gemeinderat Alexander Keim, die ehemalige Bürgermeisterin Christine Hollacher, Gemeinderätin Traudi Köhl, Gemeinderat Gerd Mulert, Runder-Tisch-Moderator Dr. Traugott Schöfthaler und Helferkreis-Mitglied Christine Voit. Foto: Gerd Kloos

Gemeinderäte wollen Gnadenfrist für Containerdorf

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Wohin mit den Asylsuchenden, wenn die Gemeinde die Container an der Goethestraße im Jahr 2023 juristisch abräumt? Der Runde Tisch Wohnen und der Helferkreis Asyl haben in einer Pressekonferenz dafür geworben, dem Containerdorf eine Fristverlängerung bis 2024 zu gewähren. Gemeinderätin Traudi Köhl und die Gemeinderäte Alexander Keim, Rainer Guggenberger und Gerd Mulert kündigten in der Pressekonferenz an, das Thema im Gemeinderat zur Sprache zu bringen. Wie berichtet, hatte es der Bürgermeister abgelehnt, den Antrag des Runden Tisches auf Fristverlängerung noch einmal diskutieren zu lassen. Begründung: Es gebe keinen neuen Sachstand. Den aber, so die vier Gemeinderäte in der Pressekonferenz, gibt es sehr wohl. Die CSU und die SPD waren auf der PK nicht vertreten.

Das Asyl-Containerdorf an der Goethestraße. Hier leben 120 Geflüchtete, darunter 56 Kinder, in 18 Familien. Einige Asylbewerber sind schon seit 7 Jahren in Herrsching. Sie arbeiten, die Kinder gehen hier zur Schule, haben Freunde und sprechen Deutsch.

In einem eindringlichen Redebeitrag schilderte Christine Voit das entbehrungsreiche Leben in einem Stahlkasten, der für alles außer Wohnen gut ist. „Diese Container sind hellhörig, fußkalt und im Sommer eine blecherne Sauna.” Viele der 120 Asylbewerberinnen und -bewerber seien traumatisiert, müssten allein mit Verlustschmerzen fertig werden, wenn der Vater, der Bruder, der Sohn die Flucht nicht überlebt hatten. „Manche Frauen weinen nachts still in ihre Kissen, um die jungen Männer nicht aufzuwecken, die am nächsten Tag fit sein müssen. Afrikanerinnen hätten auf der Flucht Gewalt erfahren, die sich niemand vorstellen wolle. Eine 14-jährige Tochter schlafe immer noch im Bett bei der Mutter, um ihre Ängste zu bekämpfen. Professionelle psychologische Hilfe gebe es nicht. Unter den 56 Kindern im Containerdorf gebe es viele Schreibabys, die das Leben in den beengten Räumen auch nicht leichter machen. „Dazu kommen die Belastungen durch das Asylverfahren”, schilderte Voit ein Leben zwischen Hoffen und Bangen. Eigentlich müsste, so Voit, ein solches Dorf ein Pulverfass sein. Dabei, so Gemeinderat Alexander Keim, sei nichts von Polizeieinsätzen bekannt. Ein anderer Gemeinderat erzählte, dass das Herrschinger Containerdorf sogar ohne Sicherheitsdienst auskomme.

Der Moderator des Runden Tisches, Dr. Traugott Schöfthaler, dem der Bürgermeister in einer Gemeinderatssitzung einen „Egotrip” vorgeworfen hatte, schilderte die Aufgaben des Runden Tisches, der den Sozialen Wohnungsbau fördern sollte. An diesem Tisch sollten der Bürgermeister, Gemeinderäte aller Fraktion und Mitglieder des Helferkreises sitzen. Der Bürgermeister habe sich inzwischen aber zurückgezogen und dem Gremium auch den Rathaus-Saal als Tagungsort entzogen.

Das Thema Sozialer Wohnungsbau nahm in der Pressekonferenz breiten Raum ein. Herrsching hatte einmal 319 Sozialwohnungen, von denen 190 Einheiten inzwischen keiner Sozialbindung mehr unterliegen. Übrigens darf ein Alleinstehender, der sich um eine Sozialwohnung bewirbt, nicht mehr als 14 000 Euro im Jahr verdienen („brutto”, wie Dr. Schöfthaler einwarf).

Die frühere Bürgermeisterin Christine Hollacher hatte die Pressekonferenz eröffnet und in die Geschichte des Helferkreises eingeführt. 2016 seien 70 Helferinnen und Helfer angetreten, um die größte Not der Flüchtenden zu lindern, heute habe sich ein harter Kern von 20 Personen herausgebildet.

Hochaktuell wurde die Fragestunde (mit Vertreterinnen des Starnberger Merkurs und der SZ sowie einem Vertreter von herrsching.online) beim Thema „Lassen wir das Dorf im Dorf?” Das Landratsamt sähe es nicht ungern, wenn die Container erst im Jahre 2024 abgeräumt würden, weil man für die 120 Asylbewerber auf die Schnelle wohl keine alternative Bleibe findet. Der Landrat will die Verlängerung aber nur im Einvernehmen mit der Gemeinde Herrsching durchziehen.

Der Runde Tisch träumt deshalb von einer Notlösung oder einem Dauerprovisorium auf dem Bofrostgelände. Bauen sollte nach dem Willen der Gemeinderäte und des Helferkreises der Verband Wohnen, der sich ein Investment durchaus vorstellen kann, aber auf die zweite Hälfte des Jahrzehnts verweist.

Traugott Schöfthaler brachte in der PK auch das gemeindeeigene Gelände im Breitbrunner Heimgarten zur Sprache. Das bisschen Methan, das aus den Altlasten der ehemaligen Mülldeponie strömte, wäre vielleicht bis zum Baubeginn von Sozialwohnungen, hölzernen Notunterkünften oder dem Umzug der Asyl-Container kein Thema mehr. Gemeinderätin Traudi Köhl meldete sich aber vehement zu Wort mit dem Einwurf, dass sozial Schwache, die sich keine marktgerechte Miete leisten können, nicht in Containern untergebracht werden dürfen.

Sozialwohnungen, die man sich auch mit einem Jahresgehalt von 14 000 Euro leisten kann, sind übrigens seit 1994 in Herrsching nicht mehr gebaut worden. Die Helferin Angelika Lange-Gao warf in ihrem Redebeitrag der stellvertretenden Bürgermeisterin Christina Reich vor, dass sie in Herrsching keine Sozialwohnungen bauen wolle.

Sollte nun das Containerdorf aufgelöst werden, bevor Herrsching einen alternativen Standort anbietet, würden die Bewohner verteilt werden. „Obwohl viele Dorfbewohner in Herrsching schon soziale Wurzeln geschlagen haben, hier arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken”, wie in der Pressekonferenz betont wurde. Einige Kinder gehen sogar in die Realschule, obwohl ein Container fürs Lernen zuhause so gut geeignet ist wie das Handy für Konzentrationsübungen.

Anmerkung der Redaktion: Kommentare zu diesem Artikel und zum Thema dieses Artikels sind willkommen. Beiträge, die persönliche Verunglimpfungen enthalten und den sozialen Frieden in der Gemeinde stören könnten, werden von der Redaktion gelöscht. Es gibt genug Hass in der Welt, lassen Sie uns gesittet diskutieren.

7 Comments

  1. Wenn ich lese, wie sich unser Bürgermeister wieder einmal “von oben herab” und arrogant verhält, wird mir schlecht. Seine Bürgerfeindlichkeit nimmt stetig zu. Diesmal treffen die Launen auch die Schwächsten in der Gemeinde. Wird es nicht an der Zeit, offene Bürgerproteste dagegen zu organisieren?

  2. Wenn die Fronten nicht so verhärtet wären, müsste eigentlich auch der Bürgermeister einsehen, dass sich gegenüber dem Zeitpunkt des Gemeinderatsbeschlusses zur Verlängerung des Pachtvertrags für das Container-Dorf (April 21?) Entscheidendes verändert hat.
    Durch den Ukraine-Krieg, den sich damals noch niemand vorstellen konnte oder wollte, und die zahlreichen Schutzsuchenden hat sich der Druck auf den Wohnungsmarkt nochmals verschärft, und zwar nicht nur in Herrsching, sondern im ganzen Land. In einer solchen Lage eine an sich noch funktionierende Gemeinschafts-Unterkunft zu beseitigen, ergibt keinen Sinn.
    Vielleicht verstehen das ja sogar die Anlieger in der Goethestraße (bei denen der Bürgermeister laut „Merkur“ vom 9.11. im Wort steht). Einer Verlängerung zumindest um 1 Jahr kann man sich eigentlich kaum aus vernünftigen Gründen widersetzen.

    • Hallo Frau Böckelmann, ist das nicht der falsche Ansatz? Richtig ist doch, dass sich die “Fronten” mehr und mehr deshalb verhärten, weil unser sehr geehrter Herr Bürgermeister für ernsthafte Belange der Gemeinde und der Bürger immer weniger Einsicht zeigt und sich nicht scheut, z.B. in GR-Sitzungen Leute für deren Meinung öffentlich abzukanzeln. Und wenn er Herrn Dr. Schöfthaler einen “Egotrip” vorwirft, so muss sich unser Bürgermeister in erster Linie erst einmal selbst an die Nase fassen.

      • Sehr geehrter Herr Wirth, ich würde hier von eindeutigen Schuldzuweisungen absehen wollen.
        Fakt ist, dass die Situation, so wie sie jetzt ist, ziemlich verfahren ist und es Zeit wird, wieder aufeinander zuzugehen.
        Sinnvolle Lösungen lassen sich nur gemeinsam erreichen.

  3. “…Wer in Deutschland lebt, ist Teil unserer Gesellschaft {…} dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in allen Bereichen teilhaben können, ist uns wichtig. Ihre Integration ist auch die Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.
    Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Leben in einer Gesellschaft des Respekts ist die Gewissheit, dass man dazugehört, dass man unabhängig von einer familiären Migrationsbiografie akzeptiert ist und dazugehört {….} Für Deutschland ist Migration nichts Unbekanntes. Unser Land hat stets Menschen aus anderen Regionen aufgenommen – genauso wie auch Deutsche in anderen Ländern der Welt eine neue Heimat gefunden haben. Das macht uns als Gesellschaft reicher und bringt uns voran. Unser Ziel ist, dafür zu sorgen, dass diese Selbstverständlichkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl in allen Bereichen der Gesellschaft sichtbar und spürbar werden{…}Vertreibung betrifft aktuell nicht nur viel mehr Menschen, sondern sie ist auch kein kurzfristiges und vorübergehendes Phänomen mehr. Wir brauchen eine grundlegend neue und positivere Haltung gegenüber allen, die fliehen.

    (alle vorgenannten Passagen sind Zitate: aktuelles Parteiprogramm der CSU, aktuelles Parteiprogramm der SPD, Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlingen)

    Die Einwohner im Landkreis Starnberg haben bundesweit das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen. (Berichtsjahr 2019)

    Eine Zusage an Anwohner ist dermaßen aus der Zeit gefallen, weil es die politische Unehrlichkeit für unsere Zukunft unterstreicht.
    Alle Anstrengungen des Helferkreises sind vorausschauender und weitsichtiger als die Überlegungen der handelnden Personen, die Unterkunft von A nach B aufzulösen.
    Kinder unter fünf Jahren sind davon überzeugt, dass sie mit vor den Augen gehaltenen Händen tatsächlich unsichtbar sind.
    Flüchtlinge sind jedoch kein Experiment, an dem wir vorbei blicken können
    Flüchtlinge werden mehr, sie werden bleiben und zur Wirklichkeit unsere Zukunft gehört, dass diese Frauen, Männer und Kinder auch in diesem Ort Teil der Gesellschaft werden.

    Goethestraße hin oder her.

  4. Menschen, die hier Schutz gefunden haben vor Krieg und Gewalt, die Herrsching als ihre neue Heimat sehen, sollen also ein zweites Mal quasi vertrieben werden.
    Das tut man einfach nicht!
    Es gibt so viele Zugezogene in den Hügeln Herrschings, die nur die Landschaft hier konsumieren wollen, und denen oft die Integration ins Dorfleben weniger gut gelingt als den Geflüchteten, die hier die Gastronomie am Laufen halten mit ihren Jobs in den Küchen, die als Lehrlinge im Handwerk tätig sind oder sich ehrenamtlich bei der Tafel einnbringen. Diese Zugezogenen stellt niemand infrage-im Gegenteil, ihnen wird maximales Baurecht zugestanden.
    Warum will man ausgerechnet dies Geflüchteten weghaben? Weil man es kann!?
    In der gestrigen Ausgabe des Merkur wird der Bürgermeister mit zwei Gründen zitiert, einmal habe Herrsching genug Geflüchtete aufgenommen, zum anderen wurde es den Menschen in der Goethestraße mal versprochen, dass die Container 2020 wegkämen…
    Gruppen gegeneinander auszuspielen, war nie eine gute Idee und wenn es wirklich so ist, dass sich Bewohner dort z. B. ueber Kinderlärm aufregen, so würde es helfen, sich kennenzulernen zu versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und evtl zu erfahren, dass man auch froh darüber sein kann, dass eben dieses Kind, das jetzt so laut ist, nicht auf dem Weg in die EU in der Ägäis oder dem Mittelmeer ertrunken ist.
    (Am Rande sei hier nur angemerkt, dass die große mehrjährige Baustelle fürs Krankenhaus und der Betrieb mit Ambulanzanfahrten über 24 Stunden auch kein Hort der Stille werden wird)
    Es bleibt auch zu bedenken, dass angesichts der Klimakrise und der kriegerischen Zuspitzungen weltweit auch Herrsching neue Geflüchtete aufnehmen werden muss, deren Integrationsprozess wieder von vorne beginnen wird .
    Mich stört’s nicht – ich sag’s nur..
    Es könnte so einfach sein : der verstärkte Bau von Sozialwohnungen für die alteingesessenen Herrschinger*innen als auch für Geflüchtete, die hier zum Teil seit
    sieben Jahren wohnen.
    Dazu hört man von der Sozialbürgermeisterin ein “Nein” und auch der Bürgermeister wuerde am liebsten die Bofrosthalle unter Denkmalschutz stellen( sorry bei allen Zartbesaiteten für etwaige Polemik) statt dort Wohnbau zu unterstützen, wie von 4 Fraktionen im Gemeinderat gewollt.
    Leider haben die Herrschinger*innen, die davon profitieren würden, nicht die Zeit, um aktiv für bezahlbaren Wohnraum zu protestieren. Sie sind beschäftigt damit, ihr Leben hier zu finanzieren, manche mit mehreren Jobs, um über die Runden zu kommen. Es sei Jedem empfohlen, am frühen Morgen die Seepromenade entlang zu gehen und die vielen, auch älteren Menschen, zu beobachten, wie sie beschämt Pfandflaschen in ihren Handtaschen verschwinden lassen.
    Auch die sind Herrsching-genau wie die Geflüchteten.
    Und es ist sowas von Zeit für genau diese Menschen Wohnraum in Herrsching zu schaffen, damit es nicht zu einem Ghetto der Reichen und Schönen verkommt.
    Das wäre christlich u n d sozial.

  5. Alle Jahre wieder erinnern wir Christen uns in der Weihnachtszeit an die Herbergssuche einer Familie aus Nazareth, Orient. Das kann ja nun vielleicht eine Entscheidungshilfe sein, wenn man sich als Christ versteht. Ich finde es gut, dass die Gemeinderatsmitglieder dem Helferkreis helfen wollen und ihre veraltete Entscheidung vom letzten Jahr in die Ablage der Verwaltung geben. Ein weiteres Jahr ist schon deshalb notwendig, damit die vielen Menschen nicht überstürzt aus der Gemeinde hinaisgeworfen werden, sondern eine gute Begleitung möglich bleibt. Noch eine Frage? Liegt die Uebererfuellung des Herrschinger Helfens an dem Breitbrunner Josefshaus der Ursberger Schwestern, die ihren Vertrag ohne zu zögern weiter laufen lassen? Vielleicht erfüllen die Herrschinger ja gar nicht, sondern lassen von den Breitbrunnern erfüllen? Nun ein Jahr zu verlängern und den Helfern helfen, das wäre schon der richtig Weg. Heidi Körner

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