Uli Spindler, Kämpferin der Maria 2.0.-Bewegung im Landkreis. Foto: Arlet Ulfers

„Ich habe viel Mitleid mit Pfarrern“

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Sind Frauen die letzte Hoffnung der katholischen Kirche? Die Bewegung Maria 2.0. kämpft noch um Reformen in einer Institution, die vom Zeitgeist zerrupft wird. Herrschings Maria heißt Uli Spindler. Auch sie hat die 7 Thesen an die Kirchentür geheftet. In einem Interview hat die Herrschingerin die katholischen Kirche als „männerbündischen Machtverein“ bezeichnet. Hat sie auch mit ihrer Kirche gebrochen, oder hofft sie noch auf das göttliche Wunder? herrsching.online hat sie sich offenbart.

herrsching.online: Die öffentliche Meinung fällt inzwischen kollektiv und leider wenig differenziert über die Kirchen her. Empfinden Sie da nicht manchmal Mitleid mit den Pfarrern, die unverschuldet im Sturm stehen?

Spindler: Ich weiß nicht, ob die Pfarrer so sehr mit heftigen Diskussionen diesbezüglich konfrontiert sind. Wenn ich an unsere Pfarrgemeinde denke, diskutieren wir in der Gemeinde wenig bis gar nicht darüber. Da würde ich mir viel mehr Diskussion und Gedankenaustausch wünschen. Ja, es ist vorgekommen, dass sich unser Pfarrer rechtfertigen musste, dass er eine solch „ketzerische Aktion“ wie den Thesenanschlag in seiner Kirche zulässt.

Spagat zwischen Manager und Seelsorger

Ich habe viel mehr Mitleid mit den Pfarrern, die sich unheimlich um ihre Pfarrgemeinde bemühen, den Spagat zwischen Manager und Seelsorger, zwischen „Glauben leben“  und den Unzulänglichkeiten der katholischen Kirchenorganisation hinbekommen wollen; die es aufgrund der desaströsen Situation in der katholischen Kirchen nicht mehr schaffen, zusammen mit dem Pastoralteam und dem Pfarrorganisation auf Gemeindeebene „Be-Geisterung“ für das gemeinsame Feiern der Frohen Botschaft zu wecken; die aus der Gemeinde fast kein Echo mehr erhalten und nur noch auf Gleichgültigkeit stoßen.

herrsching.online: Sie haben die Kirche einmal als männerbündischen Machtverein bezeichnet. Ist das Ihre Erfahrung aus Ihrem Engagement für Maria.2.0?

Spindler: Nein, die Erkenntnis war schon vorher da und war auch ein Grund für mein Engagement bei Maria 2.0, aber die Sicht hat sich durch mein Engagement noch mehr verstärkt. Das liegt aber einfach daran, dass ich mich mehr und tiefergehender mit dem Thema „Wie passen Aussagen unserer Kirchenleitung zur jesuanischen Botschaft“ beschäftige. Ich schaue mir Filmberichte mit mehr Aufmerksamkeit an oder höre genauer zu, wenn Bischöfe oder Männer aus der Kirchenleitung Statements abgeben. Oft kann ich den Argumentationen nicht mehr folgen und frage mich immer wieder, was ist die Motivation für eine solche Position. Und meine Antwort ist in den meisten Fällen: „Da klammert sich jemand an seine Machtposition, muss diese Position verteidigen  und hat den eigentlichen Auftrag der Kirche (die Gemeinschaft, die ihren Glauben lebt) nicht mehr wirklich im Blick“.

herrsching.online: Was gibt Ihnen noch Hoffnung, dass die Kirche die Kurve kriegt weg von dem Männer-dominierten Verein?

Die Menschen haben sich immer mehr von der übergestülpten Machtorganisation entfernt.

Spindler: Hoffnung? Vielleicht der Glaube an ein göttliches Wunder, aber Spaß bei Seite.
Manchmal denke ich an die Situation 1989, den Fall der Mauer. Ich hätte es mir damals nicht vorstellen können, dass die Mauer zu meinen Lebzeiten fällt. Die Situation der katholischen Kirche in Deutschland sehe ich in mancher Hinsicht ähnlich. Es gibt noch eine starre Hülle, aber die Basis, die Menschen haben sich immer mehr von der übergestülpten Machtorganisation entfernt.
Die Menschen haben in den letzten Jahrzehnten immer mehr hinterfragt, was macht die Kirche (Kirchenorganisation)? Wie passt das zu meinem Glauben? Missbrauch, Geldverschwendung, Pomp und Protz der Kirchenfürsten, Weigerung, die UN-Charta, und die Menschenrechte zu unterschreiben, Ausschluss der Frauen von den Weiheämtern, Zölibat, Doppelmoral. All diese Punkte und viele mehr veranlassen zur Entscheidung, ich kann meinen Glauben als Christ auch gut ohne katholische Kirche leben.
Knapp 360.000 Menschen haben diese Entscheidung 2021in Deutschland getroffen. Ich möchte fast wetten, dass dieser „Rekord“ auch in den folgenden Jahren immer wieder gebrochen wird. Ich denke, die katholische Kirche in Deutschland ist bereits im freien Fall, der nicht mehr gestoppt werden kann.

Das beeinflusst auch das Thema Kirchensteuer (2019: 6,76 Mrd. €, 2020: 6,45 Mrd. €). Die Austritte machen sich in der Höhe der verfügbaren Gelder bemerkbar, wovon neben den einzelnen Pfarrgemeinden besonders Hilfsorganisationen wie Caritas, Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen betroffen sind, deren Dienste mehr denn je benötigt werden.

herrsching.online: Da es immer weniger Pfarrer gibt, wird zumindest der Personalhaushalt entlastet…

Ein Drittel der Pfarreien hat keinen eigenen Pfarrer mehr

Spindler: Ja, es herrscht sogar absolute Personalnot der Kirche. Die Pfarreiengemeinschaften werden immer größer, die Pfarrer werden immer mehr zu Managern, getrieben von Terminen im übervollen Terminkalender. Die Seelsorge (im wahrsten Sinne des Wortes) bleibt schon lange auf der Strecke.
Aufgrund personellen Rückgänge, die in den nächsten Jahren zu erwarten sind, richtete die Initiative „Münchner Kreis“ im Februar/März 2021eine Petition an Kardinal Marx, “Er möge zulassen, dass nicht geweihte pastorale Mitarbeiter des Erzbistums zusätzliche Aufgaben in der Seelsorge übernehmen dürfen, da absoluter Personalmangel herrscht.“ . Laut dieser Petition werden ungefähr 70 Prozent der Priester bis 2024 in den Ruhestand gehen.
Wenn man sich dazu die Zahlen der Kirchenstatistik 2021 der katholischen Kirche in Deutschland ansieht, dann wird die Dramatik des Personalnotstandes deutlich:
Es gibt in Deutschland 9.790 Pfarreien. Priester im aktiven pastoralen Dienst sind  7.913. Davon Pfarrseelsorger in der Kirchengemeinde 6.215 (mehr als 36 Prozent der Pfarreien haben keinen eigenen Pfarrer. Neu geweihte wurden 62 Priester, Diakone 58.

herrsching.online: Viele Pfarrer sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Die wollen auch mal in Ruhestand gehen.
 
Spindler: Wenn bis 2024 rund 70 Prozent  der Pfarrseelsorger in Ruhestand gehen, das sind 4.350,  aber nur etwa 250 neugeweihte Priester kommen dazu. Dann zeigt sich der dringende Handlungsbedarf. Und selbst wenn die vom „Münchner Kreis“ kommunizierte Zahl von 70 Prozent nicht ganz zutreffen sollte oder vielleicht nur das Erzbistum München-Freising betreffen sollte, dann ist der Notstand gigantisch.

Für mich ist es absolut unfassbar, dass sich die Kirchenleitung in dieser dramatischen Situation noch weigert, Frauen zu Weiheämtern zuzulassen. Wir sind alle Gottesgeschöpfe, ob männlich, weiblich oder divers mit spezifischen Talenten und Charismen, die sich ergänzen. Diese Organisation beraubt sich aus engstirnigem Machterhalt heraus dieses großartigen zusätzlichen Potenzials an Berufenen.
Wir, Maria 2.0 im Bistum Augsburg, hatten zu dieser Thematik Anfang Mai einen Flash-Mob vor dem Augsburger Dom mit der Postkarten-Aktion „Die Kirche vergeudet wertvolle Talente – lasst Wandlung zu“. Leider haben wir aber bisher noch keine Rückmeldung von unserem Bischof bekommen. Man kann nur hoffen, dass vielleicht die erdrückenden Umstände beim Personal und Geld eine Neuorientierung unumgänglich machen.

herrsching.online: Wird Ihre Arbeit von Pfarrern und Bischöfen wahrgenommen – vielleicht sogar geschätzt? Und wie drückt sich diese Wertschätzung aus?

Verstecken sich hinter Rom

Spindler: Ich denke schon, dass unsere Arbeit von allen wahrgenommen wird und dass wir von vielen als Gesprächspartner auf Augenhöhe angenommen werden, aber das Bild ist sicherlich sehr differenziert. Auf  Bischofsebene habe ich den Eindruck, es gibt Bischöfe, die unsere Arbeit sehr schätzen und unsere Forderungen voll unterstützen und sich dafür auch einsetzen. Es gibt Bischöfe, die sich gerne mit Maria 2.0 zeigen, da dies ihren „Reformwillen“ in der Öffentlichkeit zeigt, die aber dann keine weitere Unterstützung geben, da ja Rom – leider – das letzte Wort habe, man auch auf die Weltkirche schauen müsse und überhaupt könne man nicht alles auf einmal machen. Und dann gibt es noch die Bischöfe, die mit Maria 2.0 reden, da sie natürlich mit allen Gläubigen reden.
Das heißt, ja wir sind Gesprächspartner, aber wie viel wir in diesen Gesprächen bewirken können, das ist fraglich.
Bei den Pfarrern ist das Bild auch unterschiedlich, wobei man sich klar vor Augen halten muss, dass die Pfarrer bei der Priesterweihe den uneingeschränkten Gehorsam gegenüber dem Bischof versprechen. Das heißt, hier ist eine absolute Abhängigkeit von einer einzelnen Person gegeben. Dieses Versprechen hat ein sehr hohes Gewicht. Dazu kommt, dass ein Pfarrer natürlich auch für alle Kirchenmitglieder da und offen sein muss.
Es gibt Pfarrer, die erzkonservativ an ihren Vorgaben festhalten und nicht begeistert sind von den Aktivitäten von Maria 2.0 und „ihre Kirche“ sauber halten.

„Bitte sag doch einen deutlichen Satz“

Es gibt die Pfarrer, die sich mit den Forderungen von Maria 2.0 identifizieren und Sympathie zeigen, aber nicht öffentlich dafür eintreten, sondern ihre Gedanken, Ansichten und Auslegungen in ihren Predigten und Fürbitten etwas verdeckt unterbringen. Wo du dir immer wünschen würdest, bitte sag noch einen deutlichen Satz mehr und stärke uns damit den Rücken.
Und es gibt auch die Pfarrer, die sich öffentlich ganz klar und deutlich zu den Forderungen von Maria 2.0. in ihren Predigten, Buchveröffentlichungen und Vorträgen positionieren, die zum Teil auch aktive Mitstreiter bei Maria 2.0 sind.
Sehr wertschätzend empfinde ich die Rückmeldung von Mitgliedern aus dem Synodalen Weg, die uns ganz klar sagen: „Leute, macht weiter, es ist wichtig, dass man euch auf der Straße hört, weil uns das den Rücken stärkt.“
Auch die Antwort von Bischof Georg Bätzing, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, fand ich sehr wertschätzend, als ich sagte: „Herr Bischof, Sie wissen, wir bauen sehr auf Sie!“ war seine Antwort: „Nein, nicht auf mich, wir bauen gemeinsam“.

Messe mit dem Abt am 22. Juli: Gibt’s einen Gottesdienst, wie man ihn noch nie erlebt hat?

herrsching.online: Am 22. Juli findet eine Maria-Magdalena-Wallfahrt nach Andechs statt. Der Abt will sogar die Messe lesen. Wird da etwas stattfinden, was Kirchenbesucher bisher noch nie erlebt haben.

Spindler: Wir sind noch in der Vorbereitung des Gottesdienstes, den wir dann auch mit Abt Johannes absprechen werden, deshalb möchte ich noch nichts weiter dazu sagen. Aber wir versuchen schon einen schönen, gehaltvollen Gottesdienst zu gestalten.

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