High-Tech-Material bei der Feuerwehr verlangt viele Übungseinheiten. Ex-Vorstand Thomas Bader leicht nostalgisch: Früher war alles etwas einfacher. Foto: Gerd Kloos

„Dankbarkeit von der Gesellschaft? Wir sind froh, wenn wir nicht beschimpft werden”

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Der ehemalige Vorstand der Breitbrunner Feuerwehr, Thomas Bader, glaubt, dass es in 20 Jahren nur noch wenige Freiwillige Feuerwehren gibt//Nach Jahren der Rivalität mit der Herrschinger Feuerwehr pflegen die beiden Wehren eine gute Partnerschaft//

40 Jahre trägt er nun die blaue Uniform: Thomas Bader, 18 Jahre lang Vorstand der Breitbrunner Feuerwehr, zieht im Interview mit herrsching.online Bilanz. Auch wenn er keine Sekunde bereut, die er für den Dienst geopfert hat – es gibt auch bittere Momente im Leben eines Feuerwehrmannes: Rüde Beschimpfungen von Verkehrsteilnehmern und Einsätze, die ihn an die Grenze des Erträglichen führten, sind die Schattenseiten eines für die Gesellschaft unentbehrlichen Engagements. Bader, 54, bekräftigt, dass Breitbrunn eine eigene Feuerwehr braucht: Die Herrschinger wären im Notfall nicht schnell genug vor Ort.

herrsching.online: Wie sieht denn der ideale Feuerwehrmann aus? Jung, ledig, handwerklich fit, ständig verfügbar, gerne auch gesellig, gut integrierbar…

Bader:.. und gut ausgebildet. Als ich vor 40 Jahren zur Breitbrunner Feuerwehr kam, stand ein Tragkraftspritzenfahrzeug in der Garage. Da waren ein paar Saugschläuche und eine elektrische Pumpe drin. Und dann hatten wir noch einen Unimog. Der Unimog hatte einen Wassertank und ein paar Geräte an Bord.  Und aus war’s. Wir hatten eine Jugendgruppe mit 16 Köpfen, ich war der Jüngste von alllen. Der Bartl Fritz war Kommandant, Jugendwart war Horst Breitenberger.  Da waren die jungen Leute gut aufgehoben, na ja, soviel Abwechslung gab’s in Breitbrunn nicht, Fußball oder Feuerwehr hieß damals die Alternative für die Jugend.

Wenn man heute ins Feuerwehrhaus reinschaut, kriegt man Angst, da muss ständig geübt werden, weil wir nicht soviele Einsätze haben wie Herrsching. Deshalb muss man sehr viel üben.

Bader am Steuer des Breitbrunner MAN-Löschfahrzeugs: Modernstes Gerät erfordert viele Übungseinheiten

herrsching.online: Welche handwerklichen Fähigkeiten braucht ein Feuerwehrmann?

Bader: Handwerkliche Fähigkeiten schaden nicht, unentbehrlich ist nur ein gesunder Menschenverstand und Gelassenheit. Man darf im Einsatz nicht hektisch werden.

herrsching.online: Fast alle Organisationen im sozialen und sportlichen Bereich haben Nachwuchssorgen. Wollen sich die jungen Leute nicht mehr binden, oder ist die Ablenkung zu groß?

Bader:  Das Problem besteht nicht darin, Jugendliche für die Feuerwehr zu begeistern. Das eigentliche Problem kommt an der Schwelle zum Erwachsenendienst. Viele Jugendliche sind zum Studium in der ganzen Welt unterwegs. Und wenn die jungen Erwachsenen einmal weg sind, sind sie für die Feuerwehr verloren. Es bleiben die Handwerker, die im Landkreis bleiben.

herrsching.online: Mangelndes Engagement ist nicht das Problem?

Bader: Wir integrieren bei der Feuerwehr vom Rentner bis Kind alle Altersgruppen. Und bei Festen wie dem kommenden Sommerfest helfen alle zusammen. Aber klar, wenn die Entwicklung so weitergeht, gibt es in 20 Jahren nur noch wenige Freiwillige Feuerwehren. Stützpunktfeuerwehren werden die lokalen Strukturen ersetzen – es sei denn, die Politik regelt das über Abgaben, die den Feuerwehren wieder Nachschub  bringt.

herrsching.online: Jetzt sind Sie über 40 Jahre bei der Feuerwehr. Haben Sie nicht hin und wieder gedacht, die Zeit hätte ich sinnvoller für die Familie oder für mich verwenden können?

Bader: Das kann einem schon mal durch den Kopf gehen, wenn schon wieder ein Einsatz oder eine Sitzung Zeit in Anspruch nimmt. Aber solche Gedanken habe ich generell nicht.

herrsching.online: Ich habe bei den Helferinnen bei der Tafel gespürt, dass schon ein Bedürfnis nach etwas Dankbarkeit der Gesellschaft für den harten Einsatz vorhanden ist. Geht’s Ihnen auch so?

Die Gemeinde Herrsching weiß, was sie ihren Feuerwehrleuten schuldet: Bürgermeister Schiller bei der Verabschiedung von Thomas Bader

Bader: Dankbarkeit? Wir wären ja schon froh, wenn wir bei Einsätzen nicht beschimpft würden. Wenn die Leute bei Verkehrsunfällen warten mussten, fahren die dich fast zusammen.  Wenn wir die Straße sperren müssen, kriegt man zu hören, ob wir nichts Besseres zu tun haben, als die Autofahrer zu ärgern? Früher hat man wohl etwas mehr auf einander Acht gegeben. Natürlich ist Dankbarkeit schön, aber net gschimpft ist globt gnua.

herrsching.online: Was waren Ihre prägendsten Erinnerungen in den 40 Jahren bei der Feuerwehr?

Bader: Bei einem Einsatz mit Atemschutzgeräten in den verrauchten Keller gehen und nach Menschen zu suchen, das ist hart. Ein solcher Einsatz wie in der Münchner Straße, bei dem man nicht genau wusste, ob man da wieder lebend rauskommt, den vergisst man nicht. Oder wenn man wie bei einem Einsatz an der Staatsstraße nach Herrsching nach Leichenteilen sucht. Da lag dann die Schädeldecke lose auf dem Kopf. Unvergesslich auch der Einsatz in einem Wohnhaus in Breitbrunn. Beim Alarm hieß es: Rauchentwicklung. Dann sind wir über den Buckel der Münchener Straße gefahren und haben schon die Flammen gesehen, die aus dem Dachstuhl geschlagen haben. Neben mir auf dem Beifahrersitz saß Kommandant Rupert Müller, der dann alles nachalarmiert hat, was ging. Ich hab den Rupert nie mehr in einer solchen Verfassung gesehen. Wir fuhren da in den Einsatz zu einem Freund, der im Schlafanzug auf der Straße stand. Dann gab’s noch eine Explosion, es ist aber gottseidank nur hoher Sachschaden entstanden. Die Hilfe für die Hausbesitzer in Breitbrunn war groß. Besonders tragisch war der Fall des Hausbesitzers, der den Verlust seines Hauses psychisch nicht gepackt und sich vor die S-Bahn gelegt hat.

Heute gibt es für die Verarbeitung solcher Einsätze Kriseninterventionsteams. Damals gab’s so was noch nicht, da war man bei der Bewältigung solcher Bilder allein. 

herrsching.online: Muss man besondere Charaktereigenschaften haben als Feuerwehrmann?

Bader: Die Ausflucht, dass man die Arbeit bei der Feuerwehr psychisch nicht packen würde, ist ein billige Ausrede. Der Dienst bei der Feuerwehr ist eine Pflichtaufgabe für den Nächsten.

herrsching.online: Beschäftigt die Autobahn die Breitbrunner Feuerwehr auch?

Bader: Nein, wir haben keinen Spreizer, mit dem man Autowracks aufbrechen kann.  

herrsching.online: Auf welche Erinnerungen an Tage bei der Feuerwehr wollten Sie nicht verzichten?

Bader: Wir haben seit 25 Jahren eine  Freundschaft mit den Feuerwehrkameraden von  Breitbrunn am Chiemsee. Die Feuerwehr war zum ersten Mal bei unserer Feier zum 125. Bestehen hier. Wir treffen uns dann auch mal auf der Hütte oder zum Skifahren, da sind richtige Freundschaften entstanden…

herrsching.online: Haben bei solch geselligen Anlässen die Feuerwehren auch die Ortsschilder ausgetauscht?

Bader:..nein, das hat nicht die Feuerwehr gemacht. 

herrsching.online: Gibt’s auch Feindschaften bei den Feuerwehr – schließlich kommt man als Feuerwehrmann ja auch in brenzlige Situationen, in denen man sich auf seinen Kameraden verlassen können muss.

Bader: Natürlich sind schon mal Vorstandsmitglieder zurückgetreten, die nicht in aller Freunschaft gegangen sind.  Bei einer kleinen Feuerwehr kann man keinen rausschmeißen, der nicht alle Übungen penibel mitgemacht hat. Diese Leute, die ausgeschieden sind, waren aber gute Leute, um die es wirklich schade war.

herrsching.online: Immerhin hat der neue Kommandant bei der letzten Wahl auch keine 100 Prozent der  Stimmen bekommen…

Bader: 100 Prozent gibt’s ganz selten. Man muss auch dankbar sein für kritische Stimmen, die einen motiveren können, noch besser zu werden.  Aber generell ist die Stimmung bei der Feuerwehr gut.

herrsching.online: Herrscht bei den Feuerwehren ein strenger militärischer Befehlston?

Bader:  Na ja, wenn man die italienische Partnerfeuerwehr in Ravina Romangnano  betrachtet, ist das bei uns anders. In Trient beim Festumzug gab ein Pfeiferl den Schritttakt an…sowas kennen wir in Deutschland nicht.  Aber bei Einsätzen gibt es eine strenge Hierarchie. Der Kommandant und der Gruppenführer schaffen an, und alle anderen haben zu tun, was gesagt wird. Es ist gefährlich, wenn man nur „Anschaffer” bei Einsatz hat.

herrsching.online: Zwischen den Feuerwehren von Herrsching und Breitbrunn gab’ schon mal kleine Rivalitäten?

Bader: Kleine Rivalitäten ist untertrieben. Als ich zur Jugendfeuerwehr kam, sind wir  zum Kartenspielen wir nach Herrsching gefahren. Den Schlüssel fürs Feuerwehrhaus durften wir dem Kommandanten in den Briefkasten werfen.  Das war alles sehr freundschaftlich. Mit späteren Kommandanten war das nicht mehr möglich. Die waren dann die Besserwisser und wir die depperte Dorffeuerwehr. Jetzt sind wir wieder auf einem sehr guten Weg. Das beste Zeichen dafür ist ein gemeinsames Fest im nächsten Jahr. Das würde nicht gehen, wenn wir uns nicht verstehen würden. Unser Feuerwehrverein in Breitbrunn ist natürlich eigenständig, da haben wir freie Hand. Unser Chef aber ist und bleibt der Bürgermeister, und der erste Kommandant ist Daniel Pleyer in Herrsching.

herrsching.online: Braucht Breitbrunn eine eigene Feuerwehr?

Bader: Die Gemeinde hat einmal geprüft, ob man die Breitbrunner Feuerwehr auflösen könnte. Aber die Hilfsfrist kann die Feuerwehr Herrsching von ihrem Standort aus nicht einhalten. Deshalb braucht’s die Feuerwehr Breitbrunn…

herrsching.online: … besonders wenn die Bahnschranke geschlossen ist.

Bader: Ja. Deshalb werden wir bei Einsätzen jenseits der Schranke nicht mehr alarmiert. Da kommt dann die Feuerwehr aus Seefeld oder Andechs. 

herrsching.online: Wenn eine junge Frau, ein junger Mann zur Feuerwehr gehen will, was bekommt sie oder er dafür, und wer ersetzt ihnen den Verdienstausfall?

Bader: Während der Arbeitszeit wird der Verdienstausfall von der Gemeinde ersetzt. Auch bei einem Lehrgang bezahlt die Gemeindekasse den Lohnausfall.

herrsching.online: Wie hat es Ihr Arbeitgeber aufgenommen, wenn Sie zu einem Einsatz gerufen wurden?

Bader: Diese Einsätze passen mal schlechter und mal besser. Aber wenn bei mir zu Hause was passiert, bin ich auch froh, wenn jemand kommt und hilft. Aber wir sind eine freiwillige Feuerwehr, niemand kann verlangen, dass ich immer zur Verfügung stehe, wenn eine wichtige Arbeit zu machen ist.

herrsching.online: Der Herrschinger Kommandant hatte ja mal erwähnt, dass die Tageseinsatzbereitschaft in Breitbrunn nicht immer gegeben sei…

Bader… weil wir zu wenig Feuerwehrkräfte in Breitbrunn haben. Aber bei einer Großschadenlage sieht es natürlich anders aus.

herrsching.online: Was machen Sie denn jetzt mit der freien Zeit nach dem Rücktritt als Vorstand?

Bader:  Wenn es die Arbeit im Gemeinderat erlaubt, werde ich natürlich zu den Übungen kommen. Aber wir haben 14-tägig Gemeinderats- oder Bauausschuss-Sitzungen, und am Montag sind auch die Feuerwehr-Übungen.

herrsching.online: War es hilfreich für die Feuerwehr und für die Gemeinde, dass Sie im Gemeinderat sitzen?

Bader: Bei manchen Themen war es schon hilfreich, aber generell war’s für die Feuerwehr ein Verlust, weil ich als aktiver Feuerwehrler üfter ausfalle. Ich war früher Gruppenführer und erster Fahrer.

herrsching.online: Ein Spötter hat mal gesagt, die Feuerwehr sei die Armee des Bürgermeister.

Bader: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kommandanten immer alles ausführen, was der Herr Bürgermeister sagt. Was bei Einsätzen gemacht wird, entscheidet immer  der Herr Pleyer oder der Herr Kleber.

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