• Weder schön noch sicher: Die alten Ufermauern haben Risse, sind hässlich und schützen nicht den Bach, sondern die viel zu nah am Ufer stehenden Gebäude
  • Die Natursteinmauern sind teilweise unterspült und müssen deshalb dringend saniert werden
  • Gefährlich bei Hochwasser ist besonders das Schwemmholz, das sich zu einer „Staumauer" auftürmen kann. Deshalb plant das WWA einen Schwemmholz-Rückhalt überhalb von Herrsching
  • Das Wasser des Kienbachs soll wieder sichtbarer werden, fordern Gemeinderäte und Wasserwirtschaftsamt

Mauern müssen alte Umweltsünden heilen

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Wird aus der Kienbach-Idylle ein Betongerinnsel mit Technokraten-Charme? Das Wasserwirtschaftsamt Weilheim hat in der Gemeinderatssitzung allen alarmierten Naturfreunden versichert: Wir wollen den Kienbach so naturnah wie möglich sanieren. Wo immer es möglich ist, sollen Natursteinmauern den Charakter des Wildbachs „untermauern”. Beton wird nur an Stellen eingesetzt, wo ufernahe Gebäude und schwieriger Untergrund keinen Platz für natürliche Befestigungen lassen. In der Gemeinderatssitzung wurde klar: Die schlimmen Umweltsünden liegen in der Vergangenheit.

Die Präsentation des Wasserwirtschaftsamtes hat ergeben:

• 6 Prozent der Ufermauern sind akut Einsturz-gefährdet

• 55 Prozent der Ufersicherung sind mittelfristig „problematisch”

• im nächsten Winter werden die Bau-Vorschläge dem Gemeinderat und den Anliegern präsentiert

• In der vorläufigen Planung ist ein Schwemmholz-Rückhalt außerhalb des Ortes

• neue Ufermauern ragen wahrscheinlich bis zu 50 Zentimeter über das Erdniveau hinaus (Freibord)

• möglicherweise müssen Brücken höher gelegt werden, damit sich Hochwasser nicht stauen kann.

Wenn einem Nachbarn zu nahe kommen, wird’s unangenehm. Und dem Kienbach kamen einige Nachbarn sehr nahe. Bürgermeister Schiller erinnerte an einen Bauherrn in der Fischergasse, der ganz nah am Wasser bauen wollte. Die Gemeinde bestand auf einem größeren Uferabstand – vergebens: Das Landratsamt genehmigte den Bau des unter Herrschingern als „Bügeleisenbau” bekannten Hauses.

Die Abteilungsleiterin Planung, Sigrun Frank, und Projektleiter Johnannes Haas vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim  betonten bei der Präsentation, dass man zur naturnahen Sanierung Grundstücke von Bach-Anliegern brauche. „Weil der Platz fehlt, sind naturnahe Sanierungsmaßnahmen nur an wenigen Stellen möglich”, klagte Haas. Bauplanerin Frank versuchte es mit Charme: „Wir sind dankbar, wenn uns Anlieger Flächen zur Verfügung stellen.” Über 100 Bauwerke am Kienbach haben die Experten des beauftragten Ingenieurbüros Kokai inzwischen begutachtet. Dieses Wissen fließt dann auch in die Vorschläge ein, die das Wasserwirtschaftsamt im nächsten Winter vorstellen will.

Wenn eine Mauer ins Bachbett stürzen würde, könnte sich das Hochwasser an dieser Barriere stauen. Die Querschnittsverengung ist an der gestrichelten Linie sichtbar. Skizze: Wasserwirtschaftsamt Weilheim

Wasser-Idylle an der Hausmauer ist zwar schön, aber gefährlich: „Wenn die Ufersicherung versagt, dann sind Gebäude und Verkehrsflächen direkt hinter der Mauer gefährdet”, warnte Projektleiter Haas. Viele Ufermauern weisen inzwischen Risse auf, oder sie sind durch das Bachwasser so weit unterspült, dass sie einstürzen könnten. Und wenn eine Mauer aber ins Bachbett fällt, verengt sich der Abflussquerschnitt – es gibt einen Wasserrückstau, und bei Starkregen dann auch akute Hochwassergefahr im Städchten.

Nun hat der Kienbach, amtlich als Wildbach geführt, nur 1885 sein Bett verlassen und den gesamten Ort geflutet. Im letzten und diesem jungen Jahrhundert verursachte das Gewässer noch keine größeren Probleme. Die amtlichen Planer sind aber gesetzlich verpflichtet, „Jahrhundert-Hochwasser-Ereignisse” vorwegzudenken. Versäumen sie weitsichtige Planungen, könnte ihnen der Staatsanwalt im Nacken sitzen.

Nach der Präsentation hatten die Gemeinderäte „Feuer frei”, wie es Bürgermeister Schiller ausdrückte. Durch die Bürgerinitiative Pro Natur hatte sich der Kienbach zu einem politischen Sturzbach entwickelt – begünstigt durch die undurchsichtigen Baumfällungen in der Fischergasse.

Grünen-Gemeinderat Wolfgang Darchinger fragte an, ob nicht Gegenmaßnahmen im  Bereich der Gemeinde Andechs sinnvoll seien. „Bei Starkregen ist nämlich an der Madeleine-Ruoff-Straße nicht mehr viel Platz zwischen Bachbett-Decke und Wasserspiegel.” Ob Andechs ein angedachtes Rückhaltebecken baut, blieb dann im Unklaren, aber einen sonderlich großen Effekt hätte es nach Meinung der Fachleute nicht für Herrsching.

Gemeinderat Wolfgang Schneider (SPD) wollte wissen, ob denn neben den Seitenmauern auch die Bachsohle mit Beton ausgekleidet werde. Projektleiter Haas beruhigte: Eine Betonrinne ist nicht geplant, die Bachbettsanierung solle so naturnah wie möglich gestaltet werden – soweit es die Uferbebauung möglich mache.

Das Wasserwirtschaftsamt hat in dieser Simulationsskizze dargestellt, welche Gemeindeteile bei einer Kienbach-Überschwemmung betroffen wären

Christiane Gruber (BGH) warf ein, dass der Mauerbau an einem Flussbett ja nicht mehr „State of the Art” (die aktuell bestmögliche Ausführung) sei. „Das ist die Bauweise der Fünfziger Jahre.” Die moderne Alternative sei doch, Mauern aufzulösen. WWA-Mann Haas warf ein, dass eine völlige Renaturierung der Uferböschung nur an wenigen Stellen möglich sei, weil „uns da einfach der Platz fehlt”. Solche renaturierten Uferböschungen müssten mindestens 50 Meter lang sein. Man könne nicht auf kleinstem Raum ständig den Bachbett-Querschnitt verengen.

Der Fraktionskollege von Gruber, Dr. Rainer Guggenberger, plädierte energisch dafür, dass man keine neuen Mauern errichten solle, wo bisher noch keine standen. Haas versicherte ihm, dass man keine neue Mauer hochziehe, wenn die hydrologische Leistungsfähigkeit des Bachbettes gewährleistet sei. Guggenberger fasste nach, ob es denn immer Beton sein müsse? Haas versprach ihm, dass man auch Naturmauern errichten werde, „wenn der Platz dafür ausreicht”. Hintergrund dieser Aussage: Sogenannte Schwergewichtsmauern aus Naturstein brauchen ein massiveres Fundament und mehr Platz – Beton ist die hässlich Slim-fit-Lösung.

Traudi Köhl (Grüne) fragte die WWA-Expertin und den Projektleiter, wieviel Einfluss das Amt bei der Uferbebauung habe. Die Antwort war nicht ermutigend.

Hans-Jürgen Böckelmann (Grüne) erkundigte sich nach dem Worst Case bei Starkregen-Ereignissen. Johannes Haas versprach, dass mit dem geplanten Ausbau ein „sehr guter Schutz” gewährleistet sei.

Das weiße Band von rechts nach links zeigt die Kienbachstraße. Unterhalb der roten und gelben Linie liegt das Kienbachbett. Die rote Linie markiert marode und sanierungsbedürftige Uferabschnitte. Karte: WWA Weilheim

Christoph Welsch (Grünen-Fraktion) vermisste am Kienbach „die Erlebbarkeit des Wassers”. Das sei kaum mehr zu sehen – durch Verbauung und durch die Untertunnelung des Bachbetts. Da pflichtete die Abteilungsleiterin Frank bei: Es sei eine wichtige Sozialfunktion, das Wasser wieder zugänglich zu machen.

Thomas Bader (CSU) hinterfragte die Rolle der Gemeinde bei den benötigten Grundstücken: „Die Gemeinde ist einer der wenigen Eigentümer, der Grundstücke zur Verfügung stellt. Das sollte in die Planungen aufgenommen werden.” Bürgermeister Schiller warf ein, dass die Bahn der Gemeinde ein wichtiges Grundstück im Bachbereich verkaufen sollte. Aber das sei im Augenblick unwahrscheinlich.

Einen technisch kreativen Vorschlag brachte Rainer Guggenberger ins Gespräch: „Es wäre deutlich billiger, wenn man das Bachbett vertiefen würde, anstatt eine zu niedrige Brücke zu erhöhen.” Haas meinte, dass bei einigen Brücken, die einen zu geringen Abstand zur Bachsohle haben, eine Vertiefung nicht möglich sei.

Fraktionskollegin Claudia von Hirschfeld fragte noch einmal nach den Möglichkeiten, die Herrsching als Gemeinde zur Sanierung beisteuern könne. Je mehr Herrsching investiert, so ist wohl ihr Kalkül, desto mehr Einfluss hat die Gemeinde bei der Gestaltung des Bachbetts.

So ging die Diskussion wohlgesittet und ohne scharfe Töne zu Ende. Großen Anteil daran hatten die beiden Amtsträger, die der Gemeinde ein hohes Maß an Mitgestaltung und viel Natur versprachen. Eine Betonröhre wird der Kienbach nicht werden.

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