Der Historiker und Waldexperte Robert Volkmann. Foto: Gerd Kloos

„Der Wald war früher in einem jämmerlichen Zustand”

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Früher war alles besser! Alles? Nein, nicht einmal der wunderbare, kraftvolle, deutsche Wald. „Der Wald war früher in einem jämmerlichen Zustand”, sagt der Schlagenhofener Buchautor, Heimatforscher und ehemalige Gymnasiallehrer Robert Volkmann, 72. Der Wald hatte in früheren Jahrhunderten mehr Feinde als das Wild. Bauern trieben ihr Vieh in den Wald, Salpeterer, Gerber, Harzer und Schienenbauer beuteten des Deutschen heiligen Hain hemmungslos aus. herrsching.online hat den Waldforscher in seinem Schlagenhofener Holzhaus besucht. Ist Deutschlands romantische Waldbeziehung nichts als Heuchelei? Volkmann gibt den Blick frei auf einen Jahrhunderte alten Frevel.

Volkmann-Buch: Ein Jahrtausend Waldausbeutung

herrsching.online: Herr Volkmann, woher kommt der Mythos vom deutschen Wald?

Robert Volkmann: Aus der deutschen Romantik, genauer aus den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Damals gab es eine Art Flucht aus der Politik in die Natur. Und die romantischen Dichter erzählten ihre Naturerlebnisse und prägten so den Zeitgeist. Dazu gehört zum Beispiel Eichendorff.  Sein Lied „Wer hat dich du deutscher Wald“, vertont von Mendelssohn-Bartholdy, wurde zum Standardrepertoire aller deutschen Männerchöre, zum Volkslied.

herrsching.online: …und Stifter?

Robert Volkmann: …der kommt ein bisschen später. Diese Dichter haben eine neue Gefühlsinnerlichkeit geschaffen. Und die Märchensammler- und erzähler wie die Gebrüder Grimm, bei denen viele Geschichten im Wald spielen, haben den Mythos Wald verstärkt. Die Zeitgenossen haben damals auch geglaubt, dieser Wald wäre etwas ganz spezifisch Deutsches, und nirgendwo sonst hätte man ein solches Verhältnis zum Wald. Es ist also eine Art Flucht aus misslicher politischer  Realität und gleichzeitig gesteigerte Sensibilität und Gefühlsinnerlichkeit. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon bediente man sich der Symbole des deutschen Waldes, beispielsweise des Eichenblattes. Die Eiche gilt als Kennzeichen der Trotzigkeit, des  Widerstandes, des Überdauerns.

Hölderlins „Eichbäume“, schon 1796 verfasst, sind in ihrer Art ein einzigartiger Hymnus auf diese gewaltigen Naturdenkmäler.

Dieser Mythos hat sich später sogar in der Währung der Deutschen verewigt in den Ein-, Zwei- und Fünf- und Zehn-Pfennig-Münzen. Auf dem Fuchzlger der Bundesrepublik pflanzt eine Frau eine Eiche. Das Eiserne Kreuz mit Eichenlaub der Nationalsozialisten war dem Waldmythos entlehnt. Tatsächlich gab es bei unseren Nachbarn keinen solchen Waldkult wie bei uns.

herrsching.online: Welche Quellen benutzen Sie bei Ihrer Arbeit über den Wald?   

Robert Volkmann:  Ich vergleiche meine Erinnerungen von 60 Jahren Waldbegehung. Mit dem, was heute zu sehen ist. Und dann habe ich viele schriftliche Quellen gelesen über die Waldbewirtschaftung und die Auseinandersetzungen darüber, was wer mit dem Wald machen darf und was nicht. Praktisch alles, was die Archive hier hergeben,

dazu die neuesten Publikationen der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Fortwirtschaft.

herrsching.online: Welche Quellen sind das?

Robert Volkmann: In den Gemeinderarchiven findet man nicht so viel, weil es die Gemeinden erst seit 1816 gibt. Vorher haben nur die Herrschaften und die Pfarrer etwas aufgeschrieben.  In den Töring-Archiven eins und zwei des Münchner Staatsarchivs haben wir Hunderte von alten Dokumenten, in denen es um die Waldbewirtschaft geht. Und mehr als die die Hälfte davon ist immer die Auseinandersetzung zwischen Bauern und den Herrschaften über die  die Nutzung des Waldes.

herrsching.online: Wem hat der Wald gehört?

Robert Volkmann: Na, nicht den Bauern. Nennenswerten bäuerlichen Eigenbesitz an Wald gab es im Grunde erst seit 1830. Vorher gehörte etwa die Hälfte des Waldes unmittelbar dem Landesherren, also den Wittelsbachern, ungefähr ein Drittel gehörte den örtlichen Grafen und Freiherren, und 20 Prozent gehörten den Klöstern. In größeren Orten gab es Pfarreien, die auch relativ viel Wald hatten.  Den Bauern hier gehörte kein Wald…

herrsching.online: …und trotzdem durften sie das Vieh in den Wald treiben…

Robert Volkmann: …bevor im späten Mittelalter die späteren Herren des Waldes sich durchgesetzt hatten, war Wald eigentlich Freieigentum. Es durfte von jedermann genutzt werden.  Und solange die Bevölkerungszahl sehr niedrig war und die Herrschaftsstrukturen noch nicht ausgeprägt waren, war der Wald freies Eigentum. Darauf hat sich ja auch der bayerische Hiasl berufen. Und in dem ihm gewidmeten Volkslied wird´s auch so besungen.

herrsching.online: Sie haben in Ihrem Buch „Wald und Holz – einst und jetzt” schön beschrieben, was der Wald früher alles aushalten musste. Da sind die Leute mit dem Wald noch viel schlimmer umgegangen als heute.

Robert Volkmann: Das Hauptproblem war die Waldweide. Die Wiesen waren damals noch sehr mager. Das Vieh auf die Wiesen zu treiben und dann noch Heu für den Winter zu machen, das haben die Wiesen damals nicht hergegeben. Deshalb haben die Bauern ihr Vieh in den Wald getrieben. Ganz verhasst waren die Ziegen, weil sie die zarten Triebe der Buchen und wenigen Fichten verbissen haben. Dadurch kam im Lauf der Jahrhunderte immer weniger Wald nach. Dabei hat die Bevölkerungszahl zugenommen, und die Städte wollten immer mehr und billigeres  und baugeeignetes Bauholz haben. Da war dann Holz knapp, und alle Baumeister haben sich gefragt: Wo kriegen wir das Bauholz her?

Robert Volkmann in seinem urgemütlichen Holzhaus in Schlagenhofen

herrsching.online: Und wie hat man sich geholfen?

Robert Volkmann: Nach dem 30-jährigen Krieg haben die Herrschaften versucht, die Bauern systematisch aus den Wäldern herauszudrücken. Den Bauern wurden Holzbezugsrechte gekündigt. Eine andere Strategie war es, einzelnen Bauern Waldanteile zur Nutzung zu geben. Im Gegenzug mussten sie darauf verzichten, ihr Vieh in den Wald zu treiben.  Ende des 17. Jahrhunderts haben die adligen Herrschaften dann auch erstmals in größerem Umfang versucht, systematisch neuen Wald anzupflanzen. Und diese Neuanpflanzungen wurden „eingehegnet“ oder „eingefangen“. Damit sollte verhindert werden, dass weder Wild noch Vieh in die Neubestände  eindringen kann. 

Richtig schützen konnte man den Wald allerdings erste Ende des 19. Jahrhunderts, als der Maschendraht erfunden war.

herrsching.online: Welche Rolle spielten der industrielle Fortschritt und die zunehmende Rolle der Kohle?

Robert Volkmann: Nach 1848 ist die Kohle auf den Markt gekommen und wurde in immer mehr Dörfern verfeuert. Dank des Eisenbahn-Ausbaus waren immer mehr Orte erreichbar. Deshalb konnte man dann auch auf Holz als Brennmaterial  eher verzichten.

Auch heute wird der Wald gequält: Spuren eines Harvester-Holzfäll-Monsters Im Wald überhalb von Buch

herrsching.online: Aber die Eisenbahn hat doch auch Ressourcen verschlungen…

Robert Volkmann: Ja, man hat für die Eisenbahngleise Holzschwellen gebraucht. Von den 1840 Jahren bis 1900 hat man auch in Deutschland wie verrückt Eisenbahntrassen gebaut. Dafür waren Millionen von Schwellen notwendig. Und das bedeutete wiederum Raubbau an den Wäldern, der sie fast an die Grenzen ihrer Existenz geführt hat. Deshalb haben die Eisenbahngesellschaften auch Holz dafür aus Polen und dem damaligen österreichischen Böhmen eingeführt.

Die Wälder in Südbayern hat dann schließlich auch die Pechkohle als Brennmaterial entlastet. Die hatte man damals in Peißenberg, Hausham und Miesbach gefunden. Das hat den Wäldern viel geholfen, weil Holz nicht mehr das einzige Brennmaterial war.  Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre sind Bauern aus unserer Gegend mit dem Fuhrwerk nach Peißenberg gefahren und haben fürs ganze Dorf Kohle geholt.

Das habe ich noch erlebt.

herrsching.online: Der Wald litt doch aber auch unter den Harzern, die den Bäumen den wertvollen Rohstoff Harz entzogen haben?

Robert Volkmann: Unter der Harzgewinnung haben insbesondere die Fichten gelitten. Und Fichten waren nun mal das beste Bauholz, weil es schnell nachwuchs und gut zu bearbeiten ist. Wenn den Bäumen zuviel Harz entzogen worden war, sind sie daran kaputt gegangen. Das Harz hatte man für die Pechgewinnung gebraucht. Mit diesem Pech wurden die Fässer abgedichtet. Deshalb waren die „Pechler“ von den Förstern gefürchtet  und heftig bekämpft, wenn sie keine ausdrückliche Genehmigung hatten. Noch mehr aber fürchtete man die Gerber, die für die Gerbung  des Leders Eichenrinde brauchten. Durch das Abschälen der Rinden sind die Eichen natürlich kaputt gegangen. Dann ist man dazu übergegangen, extra Jungeichenwälder anzulegen und einzuhegen. Das haben zum Beispiel die Seefelder und die Inninger gemacht, weil dort Gerberbetriebe hohen Rindenbedarf hatten. Nach 10 Jahren konnte man die jungen Eichen schälen. Die haben sich von dieser Brachialbehandlung tatsächlich erholt und noch einmal getrieben, ja sogar mehrere Triebe gebildet. Der Bedarf an Rinde war groß – je besser es der Bevölkerung ging, desto mehr Gerberlohe brauchte man für gute Schuhe. Es gab damals 18 000 Hektar Eichenschälwälder in Bayern. Echt wahr! Alles für gute Lederwaren!

herrsching.online: Und dann gab es noch einen Waldschädlings-Gewerbezweig, die Salpeterer…

Robert Volkmann: Zum Kochen der Salpeter-Säure haben die Salpeterer  viel Brennholz gebraucht. In Inning gab es einen Salpeterer, der ein seinerzeit irrsinnig hohes Bezugsrecht für Buchenholz hatte. Der durfte im Jahr 40 Klafter Buchenholz verheizen. Ein Klafter sind drei Ster, ein Ster ist ein Festmeter. Also über 100 Meter einen Meter hoch aufgestapeltes Holz, jedes Stück einen Meter lang! Der Staat brauchte Schießpulver und erlaubte deshalb den Raubbau. Es war eine Katastrophe für die Wälder in der Nähe eines „Salpeterers“.  Erst um 1850 herum wurde Salpeter dann aus Chile importiert. Ein paar Jahrzehnte später konnte man Salpeter chemisch herstellen.  Man sieht daran, dass solche sektorialen Gewerbe dafür verantwortlich waren für eine nicht nachhaltige Holzentnahme. Obwohl die Bevölkerungszahl viel geringer war als heute, hat das der Wald einfach nicht ausgehalten. Die zeitgenössischen Berichte beschreiben alle einen Wald in jämmerlichem Zustand.

Volkmann ist trotz allem Optimist: „Die Natur ist stark” Foto: Gerd Kloos

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