Radelnde Kinder sind auf der Promenade besser aufgehoben

Kein Radverbot auf der Seepromenade

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Wenn man als Fahrradfahrer überfahren wird, dann besser auf einer Fahrradstraße. Falls man den Unfall überlebt, hätte man vor Gericht nämlich bessere Karten. Sogenannte Fahrradstraßen sind der neueste Gag von Verkehrsplanern, die Zweiradfahrer umschmeicheln und Autofahrern nicht weh tun wollen. In Herrsching sollten zwei dieser Speichen-Highways eingerichtet werden. Im Gemeinderat vermutete man, dass das Landratsamt dafür ein Radfahrverbot auf der Seepromenade verlange.

Am Montag abend hielten der Herrschinger Gemeinderat und der Bürgermeister den Verkehrsplanern deshalb ein fettes Stoppschild entgegen. Die Seepromenade wird nicht gesperrt. Punkt. Falls das Landratsamt dann die Fahrradstraßen nicht genehmigt, gibt es halt keine Pedal-Biotope auf Madeleine-Ruoff- und Summerstraße. Mit 16 von 23 Stimmen lehnte der Gemeinderat das Verkehrskonzept ab.

Am Dienstag nach der Gemeinderatssitzung hat die zuständige Verkehrsmanagerin im Landratsamt, Susanne Münster im Gespräch mit Bürgermeister Schiller und herrsching.online klargestellt: „In der Gemeinderatssitzung wurde aus einem nicht mehr aktuellen Diskussionsstand berichtet.” Die Ausgrenzung des Radverkehrs von der Seepromenade sei eine Entscheidung der Gemeinde Herrsching.

Münster gab als Argument für eine angedachte Sperrung der Promenade an, dass eine Fahrradstraße nur Sinn mache, wenn sie viele Radfahrer benutzten. Die Promenade würde aber mit der Madeleine-Ruoff-Straße und der Summerstraße konkurrieren, sprich: Radler suchen sich immer den kürzesten Weg. Und das ist nun mal die Promenade. 

Ob der Summer- und der Madeleine-Ruoff-Straße nun doch der Fahrradstraßen-Status verliehen wird, ist nun wieder völlig offen. Fahrradstraße ist ein schöner Titel, der etwa so nützlich ist wie eine Ehrendoktor-Würde: Nice to have, but not useful. 

Beispiel: Die Summerstraße ist 4,80 Meter breit, ein Auto 2 Meter, ein Radfahrer braucht einen 1 Meter. Also darf man rein rechtlich einen Pedaltreter überholen – es bleibt ja ein Sicherheitsabstand von 1,8 m übrig. Parkt nun ein Auto am Straßenrand (in der Summerstraße parken immer Autos), darf der Radler natürlich nicht überholt werden – das schreibt Paragraf 5, Absatz 4 der StVO vor. Dies gilt auch für Straßen ohne Fahrrad-Widmung.

Probleme gibt es in einer Fahrradstraße aber mit den Linienbussen. Die sind nämlich zu breit, um mit den Radlern friedlich zu koexistieren. Wenn die Linienbusse aber die ganze Summerstraße lang den Radlern hinterher trödeln müssten, würde das den Fahrplan durcheinander bringen. 

Deshalb schlug der Verkehrsplaner Dr. Ralf Kaulen dem Gemeinderat vor, die Buslinie nicht mehr durch die Summerstraße zu führen, sondern über die Mühlfelder in die Seestraße umzuleiten. Der Linienbus wäre genau 137 Sekunden länger unterwegs. Dann müssten natürlich auch die Bushaltestellen verlegt werden. 

Das Grummeln im Gemeinderat war sofort zu hören:  Roland Lübeck (CSU) würde nicht akzeptieren, dass zugunsten der Busse Parkplätze an der Seestraße geopfert würden. „Außerdem ist die Mühlfelder Straße ohnehin überlastet, das würde mit den Linienbussen nicht besser werden.” Und mit einem Fahrradverbot auf der Seepromenade habe er auch ein Problem. 

Roland Lübeck: will keine Linienbusse in der Mühlfelder Straße

Christiane Gruber (BGH) dagegen würde sich schlicht „freuen”, wenn das Konzept wie vorgeschlagen umgesetzt würde. Mit dem Fahrverbot auf der Seepromenade habe sie aber „Schwierigkeiten”.  Sie wies darauf hin, dass die gegenwärtige Situation auf der Summerstraße gefährlich sei. Andere Ammersee-Gemeinden hätten es doch auch geschafft, den seenahen Verkehr zu entlasten.

Alexander Keim (FDP) meinte mit Blick auf das drohende Fahrverbot am See trocken: „Wer die Promenade mit dem Rad nutzen will, der nutzt sie.” Er sehe kein Konzept, wie man eine Sperrung wirksam kontrollieren könne. 

Auch Anke Rasmussen (Grüne) brachte einen entscheidenden Aspekt in die Disussion: „Die Seepromenade ist der sicherste Radweg für Schüler zur Realschule, zur Christian-Morgenstern-Schule und später zum Gymnasium.” Mit Blick auf die Verbindung „Fahrradstraße nur, wenn die Promenade gesperrt wird” fragte sie: „Wo steht geschrieben, dass diese beiden Themen miteinander verkettet werden müssen?”

Wolfgang Schneider (SPD) war ebenfalls gegen ein Fahrradverbot auf der Promenade. Er zeigte einen anderen Weg auf: „Eine Fahrradstraße muss vor allem für schnelle Radler so attrativ werden, dass sie diese Wege annehmen.” Zum Bus in der Seestraße meinte er: „Das funktioniert nicht.” Er hatte sich am Montag noch einmal die Seestraße genau angesehen, um eine profunde Meinung zu entwickeln. 

Wolfgang Schneider: In der Seestraße ist kein Platz für Linienbusse

Thomas Bader (CSU) warf  als Feuerwehr-Vorstand in die Diskussion: Wenn die Bahnschranke in der Rieder Straße mal wieder defekt sei, müssten Feuerwehr und Rettung auch in den Fahrradstraßen schnell durchkommen. „Wir müssen das verschieben, bis die Unterführung der Bahngleise fertig ist.”

Thomas Bader: Was passiert, wenn mal die Bahnschranke wieder defekt ist?

Johannes Puntsch (FDP) gab zu bedenken: „Eigentlich wollten wir die Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer. Bei diesem Konzept aber müssen sich die Autofahrer hintanstellen.”

Johannes Puntsch: Jetzt sind die Radfahrer privilegiert

Claudia von Hirschfeld (BGH) brachte es auf den Punkt: „Durch eine Fahrradstraße verändert sich faktisch nicht viel. Aber es geht darum, ein Zeichen zu setzen.”

Wolfgang Darchinger mahnte bei Verkehrsplaner Kaulen ein alternierendes Parksystem in der Madeleine-Ruoff-Straße an, damit die Autofahrer nicht mehr durch die See-nahe Straße brettern. 

Wolfgang Darchinger: Alternierendes Parken in der Madeleine-Ruoff-Straße

Michael Bischeltsrieder (CSU) fügte als Schlusspunkt der Debatte seine Sorge um die Mühlfelder Straße an: „Die würde mit dem Linienbus-Verkehr kollabieren, und dann schreien aller wieder nach einer Umgehungsstraße.”

Michael Bischeltsrieder: Dann schreien alle wieder nach einer Umgehungsstraße

Bürgermeister Christian Schiller verwies vor der Abstimmung noch einmal darauf, dass sich 95 Prozent der Radfahrer auf der Promenade anständig verhielten.

4 Comments

  1. Promenade am See bedeutet in anderen Seegemeinden In Bayern, dass man hier flanieren, d. h. gemütlich gehen kann. Promenieren heisstfolglich auch nicht fahren oder radeln. Ein Radweg als Promenade ist schon sehr speziell. Heidi Koerner

  2. Eine Strasse als Parkplatz für Flanierende zu nutzen, anstatt als dringend nötige Verkehrsfläche für Radfahrer, ist auch sehr speziell.

    Zusätzliche Flächen für den Radverkehr, anstatt eines Kuhhandels mit dem Landratsamt, das ist moderne Verkehrspolitik. Und ja, es muss eine Privilegierung des schwachen Verkehrs geben, dazu hatte sich der Gemeinderat zu Beginn des Verkehrskonzeptes selbst verpflichtet.

    Herrsching ist noch weit von Fahrradfreundlichkeit entfernt, es wird Zeit Zeichen zu setzen: Radfahren weiterhin auf der Promenade und zusätzlich, zur Entlastung und als Alternative, eine Fahrradstrasse am See.

  3. Lasst uns noch mehr tun, dass die Einheimischen keine Freude mehr haben und die Tagestouristen mit dem Auto kommen… Applaus… Ich fahre seit 40 Jahren an der Promenade mit dem Rad und zähle zu den 95%… Ich lasse mir das die nächsten 40 Jahre auch nicht von irgendwelchen Erbsenzählern verbieten, die meinen dass eine Promenade nur für Fußgänger ist – auch wenn es natürlich geschichtlich korrekt ist… Darf ich denn nicht auch auf dem Fahrrad sitzend den See genießen? Die Straßen rund um die Mühlfelder Straße sind doch jetzt schon zu eng und zu voll! Der Gemeinderat tut mir echt leid, sich mit so einem Mist überhaupt auseinander setzen zu müssen…. … Wir haben andere Probleme in Herrsching.

  4. Hallo, danke fuer die Kommentare. Man koennte ja die Parkspur fuer den Radweg hernehmen und muesste dann nicht die zukünftigen radelnden Gymnasiasten auf die Promenade schicken. Heidi Koerner

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