Der Herrschinger Pfarrer Ulrich Haberl setzt sich mit der neuen Friedensdenkschrift der Kirche auseinander: Was gilt nun: Der radikale Pazifismus der Bibel, oder ein neuer Pragmatismus?

Gibt es den gerechten Krieg – oder gibt es ihn nicht?

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Diskussion in der Evangelischen Kirche: Pazifismus oder Pragmatismus?/Bergpredigt gegen die Versteher der Zeitenwende/Wehr- oder Ersatzdienst?///

Ist Pazifismus noch zeitgemäß? Muss die Kirche die Bergpredigt noch wörtlich nehmen angesichts der russischen Aggression, angesichts des Krieges in Nahost? Wäre der barmherzige Samariter auch so friedfertig geblieben, wenn er Zeuge des brutalen Überfalls auf den hilflosen Mann gewesen wäre? Fragen, die sich vier Theologen in der evangelischen Erlöserkirche gestellt haben: Professor Reiner Anselm, einer der Autoren der neuen Friedensdenkschrift der EKD, Pfarrer Ulrich Haberl und seine Kollegin Camilla Wischer aus Herrsching und Pfarrer Christoph Breit. Wie also hält es die Kirche mit Jesus, der den vollständigen Verzicht auf Gewalt lehrte? Er schlug nicht zurück. Er vergab seinen Feinden. Sogar am Kreuz betete er für seine Peiniger. Darüber hat herrsching.online mit dem Herrschinger Pfarrer Ulrich Haberl gesprochen.

Gibt es Konflikte zwischen der Friedensbewegung, in der viele evangelische Christen engagiert waren, und denen, die diese Zeitenwende der Politik mitgehen, die den Pazifismus gegen einen neuen Pragmatismus eingetauscht haben?

Ulrich Haberl: Es gab tatsächlich sehr scharfe Kritik aus der Kirche heraus an der neuen Friedensdenkschrift der evangelischen Kirche. Schließlich gibt es eine Tradition des Pazifismus, die in der Bibel ja auch viel Rückhalt hat.  Wenn man die ganzen Worte Jesu aus der Bergpredigt zum Gewaltverzicht liest,  zum Beispiel: Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dann halte auch die andere hin, dann ist dieser Pazifismus auch eine fundierte christliche Haltung.  Die neue Friedensdenkschrift sagt, dass diese Haltung auch wichtig bleibt.  Und Christen, die diese Haltung vertreten, seien so etwas wie eine Mahnung für eine Gesellschaft und auch für die Kirche.  Diese Vision kann auch davor schützen, dass ein Pragmatismus, der überhaupt nicht mehr begreift, dass es ja um die Überwindung von Gewaltverhältnissen geht, das Denken beherrscht.  Deshalb werden diese Haltungen auch als notwendig im evangelischen Diskurs gesehen. 

Die andere Seite sagt, dass das Positionen sind, die nur radikale Minderheiten vertreten können.  Schließlich haben wir auch Christinnen und Christen, die im Bundestag, in Firmen oder beim Militär Verantwortung tragen und Entscheidungen fällen müssen.  Diese Entscheidungen können nicht mit einer pazifistischen Grundhaltung getroffen werden.

Und das Dilemma ist auch, dass es in den christlichen Geboten eine gewisse Spannung gibt. Auf der einen Seite die Gebote zu einem radikalen Gewaltverzicht unter allen Bedingungen, und auf der anderen Seite das Gebot der Nächstenliebe,  dem anderen in der Not beizustehen.  Es gibt ja die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der einem Bedürftigen hilft, der unter die Räuber fällt.  Aber was wäre geschehen, wenn der Samariter auf den Überfallenen genau zu dem Zeitpunkt trifft, als die Räuber den Angriff starten. Hätte er dann gesagt: Tut mir leid, ich bin Pazifist, ich muss jetzt warten, bis sie dich verprügelt und vermöbelt haben.  Und dann helf‘ ich dir. Oder er hätte gesagt: Diese Situation habe ich mir nie in meinem Leben gewünscht, aber ich muss jetzt eingreifen und versuchen, die Räuber mit Gewalt zu verjagen.  Deshalb kann man hier nicht ganz eindeutig sagen: Was ist denn jetzt die richtige christliche Haltung?

Es ist vielleicht eine Stärke und Schwäche der Friedensschrift, vielleicht der ganzen evangelischen Theologie, dass wir so komplex denken, dass wir nicht sagen können: Das ist die einzige richtige Haltung. Wir können beschreiben, vor welchen Herausforderungen wir stehen.  Und wir können sagen: Für die und für die andere Haltung gibt es Argumente.  Egal aber, wie du dich verhältst, du wirst Schuld auf dich laden

Jeder Einsatz von Gewalt ist mit Schuld verbunden, die Friedensschrift ist also keine Heroisierung des Militärs. Dann müssen wir einfach darum bitten, dass die Entscheidungen, die wir getroffen haben, nicht so große Auswirkungen haben.

Frage: Delegiert also die Kirche die Entscheidung, ob man Wehr- oder Ersatzdienst leisten soll, an den Einzelnen?

Haberl: Die evangelische Kirche gibt keine Empfehlung ex cathedra. Man liefert den Menschen, die in militärischer Verantwortung sind oder zum Wehrdienst sollen, Argumente, nimmt ihnen aber die Entscheidung nicht ab. 

Frage: Die evangelische Amtskirche war im Dritten Reich sehr staatsnah. Gibt es immer noch einen Konflikt zwischen politischem Pragmatismus und der Theologie?

Haberl: Die evangelische Kirche hat ja traditionell eine starke Verbindung mit den früheren Monarchien gepflegt.  Die evangelischen Kirchen konnten sich gut entwickeln in den Fürstentümern und Königsreichen, in denen sie unter dem Schutz der jeweiligen Landesherren standen.  Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich ein großer Teil der evangelischen Kirche nach rückwärts in die Vergangenheit orientiert. Man hat der Monarchie nachgetrauert, nur wenige haben die Chance begriffen, die in der jungen Weimarer Demokratie steckte. Eigentlich hat sich die evangelische Kirche erst nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrem Staatsverständnis noch einmal neu justiert.  Aber es gibt in der evangelischen Ethik immer noch eine Affinität zum Staat. Es gibt nun auch wieder den Vorwurf, dass die evangelische Kirche wieder zu nah an dem modernen, liberalen Staat ist. Jedenfalls geht diese neue Friedensdenkschritt die Zeitenwende von Olaf Scholz ein Stück weit mit.

Frage: Gibt es nun den „gerechten Krieg“?

Haberl: Es lassen sich  im aktuellen Irankrieg Argumente finden, um das furchtbare Regime dort in die Grenzen zu weisen. Aber für diesen Kriegseinsatz gibt es überhaupt keine rechtliche Legitimation.  Das ist meiner Ansicht nach ein eindeutiger Verstoß gegen das Völkerrecht.   Deshalb kann er auch nicht gerecht sein. Der Begriff des gerechten Krieges stammt zwar aus dem Christentum, aber es ging immer darum,  Kriege zu begrenzen. Ein Krieg ist nur im Verteidigungsfall gerecht. Und nur, wenn die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt wird.  Und nur, wenn man eine Idee hat, wie man aus dem Konflikt wieder herauskommt.  Ein gerechter Krieg ist also ein Mittel der Gewaltbegrenzung. In der evangelischen Ethik benutzt man diesen Begriff aber nicht mehr, man spricht vom gerechten Frieden. Auch militärische Gewalt muss immer so angelegt sein, dass sie nicht eskaliert, dass sie nicht Feindschaften zementiert.  

Interview: Gerd Kloos

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