Das bayerische Kommunalwahlrecht ist spannender als die Bundesliga: Da hüpft ein Kandidat von Platz zehn auf der Wahlliste auf Platz 3 im Wahlresultat, eine Kandidatin fällt von 5 auf 12 zurück. Und niemand weiß so recht warum. Wähler-Doping? Extremismusverdacht? Kandidatenname auf einem Firmenfahrzeug, das ständig durch den Ort kurvt? Rehaugen-Video? Oder einfach das falsche Profil für die richtige Partei? Das Stimmenhäufeln macht’s möglich – ein Bewerber kann vom Wähler mit bis zu drei Stimmen beschenkt werden. Das ist dann doch ähnlich wie im Fußball: Dort gibt’s auch drei Punkte für einen Sieg. herrsching.online hat die Weitsprung-Champions der letzten Gemeinderatswahl gefunden. Und die traurigen Kandidatinnen und Kandidaten auf dem Abstiegsplatz.
Fangen wir mit der CSU an: Roland Lübeck haben die Delegierten der Aufstellungsversammlung auf der Wahlliste auf Platz 10 geparkt. Denkzettel, Strategie – wir wissen es nicht. Gäbe es keine Stimmenhäufelung, wäre Lübeck mutmaßlich auf Platz zehn eingelaufen. Das hätte zwar auch noch gereicht für den Einzug in den Gemeinderat, aber Glamour verströmt diese Position nicht – 2111 Stimmen hätten für Platz 10 gereicht. Aber Lübeck hat 2 955 Stimmen bekommen, 844 Stimmen zusätzlich haben ihn auf den dritten Platz katapultiert.
Keine Flasche Sekt wird vermutlich Dr. Tanja Kodisch-Kraft aufgemacht haben: Sie wurde auf Platz 5 gesetzt und hätte mindestens 2783 Stimmen gebraucht, um planmäßig auf dieser Position am Ratstisch zu landen. Die Wähler (oder tatsächlich auch Wählerinnen?) haben sie mit 2025 Stimmen auf Platz 12 verbannt. Damit war sie raus, und viele (auch außerhalb der CSU) sind mit ihr traurig. Nach hinten geschleudert wurde auch Carsten Wagnitz von Platz 12 auf Platz 20.
Grüne: „Das wäre beinahe schief gegangen“ lachte der ehemalige Grüne Zweite Bürgermeister Hans-Jürgen Böckelmann, der auf eigenen Wunsch auf Platz 22 fast die rote Laterne trug. Viele Wählerinnen und Wähler aber haben auf dem Stimmzettel bestimmt: Nix da, du bleibst. Und so rutschte er von 22 auf 12 vor. Das ist zwar weit weg von einem Ratssitz, aber ein schöner Vertrauensbeweis. Die Produktentwicklerin Judy Langohr, die in der Aufstellungsversammlung eine unvergessliche Rede gehalten hatte und auf der Liste mit Platz 9 belohnt wurde, wurde von den Wählern auf Platz 17 versetzt – das mit der Frauenquote bei den Grünen funktioniert auch nicht mehr so richtig. Ähnliches bei der Ortssprecherin Charlotte Wehn, die für ihre Wahlkampforganisation mit Platz 3 auf der Liste belohnt wurde, von den Wählern aber auf Platz 7 geschoben wurde. Und so, geliebte Parität, sitzen nun vier Männer und nur eine Frau (Karin Casaretto) in der Grünen-Fraktion. Das Parteiprogramm denkt, der Wähler lenkt.
Dann gucken wir noch auf die SPD-Liste, wo sich der Dritte Bürgermeister Wolfgang Schneider artig hinter dem Polit-Rookie Dr. Voigtländer-Bolz mit Platz 2 beschieden hatte. Aber Wählers Plan war anders: Schneider rückt natürlich auf Platz 1 vor, die Ärztin wird auf Platz 3 versetzt, schafft aber den Sprung in den Rat und boxt Gemeinderat Ulrich Sigl raus. Von seiner beruflichen Bekanntheit profitierte Stefan Rauch, der auf Platz 17 der Wahlliste landete, vom Wähler aber auf Platz 7 vorgeschoben wurde. Strafversetzt wurde Gabriele Frey von Platz 5 auf Platz 13, was bei drei Gemeinderatssitzen aber nur statistischen Wert hat.
Bei der Bürgergemeinschaft Herrsching (BGH) aber gab’s ein heftiges Stühlerücken: Lisa-Marie Sellmaier häufelten die Wählerinnen von 11 auf 5 vor, den „Brandungswirt“ Volker Mergen schoben sie von 12 auf 6. Die BGH bekam wieder vier Sitze im Rat. Auch den Gemeinderat Dr. Rainer Guggenberger, im Gemeinderat geschätzt für seine Kompromissvorschläge, häufelten die Wähler von 22 auf 12 vor, obwohl Guggenberger amtsmüde war. Nach vorne geschoben wurde auch Norbert Wittmann von 19 auf 13, seine profunden Kommentare auf herrsching.online und sein Engagement beim Budo-Verein haben gewirkt.
Überraschungs-Rat der besonderen Art war der Linke Maximilien Grieshuber („Immer gemeinsam, nie allein“) der es dank des komplizierten Wahlrechts mit 798 Stimmen schaffte. Bei den Grünen wäre er auf Platz 15 gelandet. Sein Wunsch „Nie allein“ aber wurde ihm nicht gewährt – er ist der einzige Linke im Rat.



