Dr. Tanja Kodisch-Kraft: „Bei der CSU gibt es keinen Fraktionszwang." Foto: Gerd Kloos

„Ich bin gegen die Frauenquote. Für mich zählt die Kompetenz“

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Dr. Tanja Kodisch-Kraft, 57, – wäre die was für den Gemeinderat? Die Bildungsreferentin bewirbt sich auf Platz fünf der CSU-Liste in Herrsching. 2023 war die Fränkin als Nachrückerin in den Gemeinderat gekommen.

Manche haben sie schon als Rebellin in der CSU-Fraktion gesehen, weil Kodisch-Kraft einmal mit der „anderen Seite“ gestimmt hatte. Das aber ist schon länger her, die promovierte Germanistin steht loyal zu ihrer Fraktion. Mit 21 war sie der CSU beigetreten, ein Franz-Josef-Poster hatte sie aber nie im Kinderzimmer aufgehängt. Dass sie sich in einem herrsching.online-Interview für ein Tempolimit ausgesprochen hatte, schadet ihrer Popularität in der CSU offenkundig nicht. Auch ihr Einsatz für den Erhalt des alten Baumbestandes wird wohlwollend toleriert. Bei einem Thema aber hadert sie still mit ihrer Partei: Der Frauenanteil in der CSU ist ihr zu klein. Sie wirbt deshalb intensiv für den Verein „Frauen-in-die-Politik“. Der hat auch schon eine pfiffige Abkürzung: FidiP.

herrsching.online: In Herrsching wird, auch vom Bürgermeister und von vielen Gemeinderäten, kommuniziert, dass es finanziell in der Gemeindekasse zwickt und der Haushalt auf Kante genäht sei. Die Bürgermeisterkandidatin Casaretto sprach sogar davon, dass Herrsching pleite sei. Dabei liegt die Pro-Kopf-Verschuldung von Herrsching bei unter 700 Euro pro Einwohner, bayernweit liegt sie doppelt so hoch, im Bund sogar bei astronomischen 30 000 Euro. Es gibt zwar eine Haushaltssperre in Herrsching, aber das erscheint uns eher als eine disziplinarische Maßnahme, um Gemeinderätinnen und -räte von kostspieligen Ausgabenwünschen abzuhalten. Wie sehen Sie die Lage?

Kodisch-Kraft: Herrsching ist nicht pleite.  Wir haben eine hohe Kreisumlage und stemmen eine Gewerbesteuerrückzahlung. Ja: Wir müssen aktuell tatsächlich aufs Geld schauen und klug investieren. Trotz knapper Kassen bringen wir viel voran, zum Beispiel das Projekt „Bezahlbarer Wohnraum“, wir finanzieren Kindergärten und Schulen am Ort und unterstützen ehrenamtliches Engagement und soziale Initiativen.

herrsching.online: Ein Gemeinderat sagte kürzlich im Interview, dass er enttäuscht darüber sei, so wenig bewirken zu können. Sie sind im Mai 2022 nachgerückt. Sind Sie glücklich über das Resultat Ihrer Arbeit im Gemeinderat?

Kodisch-Kraft mit ihrem Hund Toni bei einem stürmischen Spaziergang am See. Foto: Gerd Kloos

Kodisch-Kraft: Ich freue mich, im Gemeinderat eine Stimme zu haben und damit Verantwortung übernehmen zu können. Ich kann als Gemeinderätin meine Argumente in der Fraktion und im Gremium vorbringen und mich für Bildung, für unsere Schulen, Kindergärten und eine attraktive Ortsentwicklung einsetzen.

herrsching.online: Wenn Sie in eine Fraktionssitzung gehen und werden dort überstimmt: Wie stark ist der Druck, dann in der Gemeinderatsabstimmung geschlossen die Meinung der Mehrheit zu vertreten?

Kodisch-Kraft: Wir haben in der CSU keinen Fraktionszwang. Wir diskutieren die Punkte durch und sind oft einer Meinung. Wenn Meinungen auseinandergehen, kann jeder in der Fraktionssitzung offen sagen, dass er in diesem Punkt anders stimmen wird als die Fraktion.

herrsching.online: Passiert nach unseren Beobachtungen nicht sehr häufig.

Kodisch-Kraft: Es gibt erstaunlich viele Themen, bei denen alle Gemeinderatsmitglieder einstimmig abstimmen. Und wenn wir bei der CSU im Block abstimmen, dann stehen alle hinter diesem Beschluss.

herrsching.online: Die CSU stimmt sehr häufig geschlossen ab, davon können die Grünen nur träumen, die sind besonders in Bauangelegenheiten eine Wundertüte.

Kodisch-Kraft: Danke für das Kompliment.  

herrsching.online: Welche Projekte wollen Sie voranbringen, wenn Sie wieder gewählt werden?

Kodisch-Kraft: Ich freue mich sehr, wenn ich wieder gewählt werde. Das Thema Bildung liegt mir am Herzen. Unser Ortszentrum bietet noch Potenzial für Entwicklung. Beim Thema Energie wird es neue Lösungen brauchen….

herrsching-online: Sind Sie für die Geothermie?

Kodisch-Kraft: Wir müssen schauen, wo Geothermie realisiert werden kann: Entscheidend ist, dass wir die Umwelt möglichst wenig belasten. Und am Ende muss es für die Gemeinde und den Verbraucher bezahlbar sein. Im Moment gibt es, was die Geothermie angeht, noch keine Pläne für ein Nahwärmenetz in Herrsching. Das heißt, wir wissen nicht, wie viele Haushalte Interesse haben und sich anschließen würden. Um das zu entscheiden, muss auch der Endkunde wissen, wie hoch die Anschlussgebühren sind und welche Kosten dann auf ihn zukommen.

herrsching.online: Der Bürgermeister strebt ja eine Quartierlösung an, in der kleine Wärmenetze von Hackschnitzel-Verbrennung und Großwärmepumpen gespeist werden. Warum will die Gemeinde das im Boden schlummernde Potenzial nicht?

Kodisch-Kraft: Es liegt nicht in der Hand der Gemeinde, den Prozess zu beschleunigen, weil es sich um ein privates Investorenprojekt handelt.

herrsching.online: Die offizielle Stellungnahme der Gemeinde war nicht vom Geist der Zustimmung und des Aufbruchs beherrscht. Eine Gemeinde kann den roten Teppich ausrollen oder Straßenblockaden errichten.

Kodisch-Kraft: Es gab im Gemeinderat durchaus unterschiedliche Stimmen. Geothermie ist eine zukunftsweisende Technologie. Ich bin gespannt, ob und wie schnell sie bei uns zum Tragen kommen wird.

herrsching.online: Lassen Sie uns über die CSU-Kandidatinnen und -Kandidatenliste sprechen. Von den 24 Bewerbern um einen Sitz im Gemeinderat sind nur fünf Frauen. Eine echte Frauenoffensive ist das nicht. Immerhin ist die Liste akademischer geworden.

Kodisch-Kraft: Ja, schade, dass es nur fünf Frauen sind. Aber es sind engagierte und kompetente Frauen und Männer, die sich zur Wahl stellen.

herrsching.online: Auf einem Parteitag der CSU wurde mal über eine Frauenquote diskutiert, die dann abgelehnt wurde. Sind Sie für eine Frauenquote?

Kodisch-Kraft: Ich bin gegen eine Quote. Für mich zählt die Kompetenz. Aber ich finde es wichtig, Frauen für die Politik zu begeistern und für ein Amt zu stärken. Dafür haben wir den Verein „Frauen-in-die-Politik“ – FidiP – und die „Bavaria-ruft“ Initiative in Bayern. Wir bieten im Haus der bayerischen Landwirtschaft zum Beispiel Wochenendseminare für Frauen an, die sich politisch engagieren möchten. Da sind Frauen dabei, die für ein Bürgermeisteramt, für den Stadtrat, Gemeinde- oder Kreisrat kandidieren.

Kodisch-Kraft beklagt, dass zu wenige Frauen in die Politik drängen. Da hat besonders die CSU noch Nachholbedarf. Auf der Kandidatenliste für die Gemeinderatswahl stehen nur fünf Frauen.

herrsching.online: Woran liegt es, dass Frauen noch immer mit der Politik fremdeln?

Kodisch-Kraft: Nach wie vor sind Frauen stark eingebunden, gehen arbeiten und schultern einen großen Teil des Familienmanagements und der Kinderbetreuung. Wir müssen Frauen Mut machen, sich politisch einzubringen und mitzureden.

herrsching.online: Im Herrschinger Bauausschuss sitzt eine Frau, die aber eine wichtige Stimme hat. Sind Frauen konsensfähiger als Männer?

Kodisch-Kraft: Ich bin gegen eine Quote. Für mich zählt die Kompetenz: Das ist individuell verschieden, das hat mit Mann oder Frau nichts zu tun. Miteinander reden ist einfach wichtig, und oft ist Zuhören wichtiger als Reden.

herrsching.online: Gutes Stichwort. Grüne und Bürgergemeinschaft (BGH) hatten in der Baumschutzdiskussion große Hoffnungen in Sie gesetzt. Dann war die Enttäuschung groß, dass Sie sich doch der Fraktionslinie der CSU angeschlossen haben und gegen eine Verordnung stimmten. War der Druck in der Fraktion so groß?

Kodisch-Kraft: In jener Sitzung waren die Positionen so verhärtet, dass einfach nichts mehr weiterging. Ich finde Klima- und Landschaftsschutz grundlegend. Es ist eines der wichtigsten Themen für unsere Zukunft. Das sehe ich persönlich so und auch aus meinem beruflichen Hintergrund heraus.  

herrsching.online: Im CSU-Flyer haben Sie die Rangordnung anders gesetzt: An erster Stelle nennen Sie die Förderung des Gewerbes, an zweiter Stelle das Ehrenamt und erst auf Rang drei folgt der Naturschutz.

Kodisch-Kraft: Diese Themen müssen Hand in Hand gehen. Eine starke Wirtschaft ist die Voraussetzung dafür, dass eine Gemeinde überhaupt funktioniert. Wir brauchen die Gewerbesteuereinnahmen, um zukunftsweisende Projekte zu finanzieren und vorwärts zu bringen.

herrsching.online: Gewerbe und Naturschutz sind aber oft harte Konkurrenten. Das kann man jetzt wieder beim Bauturbo sehen, wo hemmungslos und auf Kosten alter Bäume nachverdichtet werden darf.

Kodisch-Kraft: Die Stärkung unserer Wirtschaft, die Schaffung von Wohnraum und der Naturschutz müssen Hand in Hand gehen. Und da gibt es auch Konflikte, ja.

herrsching.online: Im Zweifel sind Sie für Wirtschaft oder Natur?

Kodisch-Kraft: Wir müssen beides im Blick haben. Herrsching ist ein attraktiver Standort für unser Gewerbe, für Handel und Dienstleistung, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und was zeichnet uns aus? Wenn Sie auf die Karte von Herrsching schauen, dann sehen Sie den See, viel Grün und zahlreiche Landschaftsschutzgebiete. Das macht Herrsching lebenswert für alle, die hier wohnen und arbeiten.

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