Ein ganzes Jahrhundert Eislauf-Expertise auf zwei Quadratmetern bestem Eis versammelt: Neben Ruth Paulig (roter Anorak) Günter Agel mit Eislauf-begeisterten Damen. Fotos: Gerd Kloos

Das Glück auf Kufen

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Der See singt, als wären Dutzende liebestoller Wale unterwegs. Das Eis schwingt, manchmal donnert es, wenn sich die Eisplatten ausdehnen und aufeinander prallen. Endlich, nach langen elf Jahren, zieht sich der Wörthsee wieder einmal eine gläserne Decke über, und alle Schlittschuhläufer werden nervös: Wo hab ich nur meine Schuhe im Keller versteckt? „Wenn der Wörthsee zugefroren ist, bin ich in einem seelischen Ausnahmezustand“, sagt die ehemalige Politikerin Ruth Paulig. Sie stand schon als kleines Mädchen auf Kufen, die damals noch mit Schrauben an die Schuhe geklemmt wurden und regelmäßig die Absätze ruinierten. Sie erinnert sich noch, wie sie mit ihrem Vater auf dem See unterwegs war und plötzlich von oben eine krätzende Stimme kam: „Verlassen Sie sofort das Eis, Einbruchgefahr“. Tatsächlich wollte die Polizei mit dem Hubschrauber die Eisläufer verjagen, was natürlich nie funktioniert hat. Pauligs Vater sagte seiner Tochter: „Wir fahren weiter.“

Ruth Paulig fährt mit dem E-Bike an den Wörthsee. Frost ist kein Grund, auf vier Räder umzusteigen.

Und jetzt sind endlich wieder Feinschliff-Festtage am Wörthsee: Der See ist weitgehend zugefroren, am Wochenende werden wieder Hunderte auf dem Eis erwartet. Der Heilpraktiker Stefan Petri hatte sich am Mittwoch auch ein paar Minuten für dieses wunderbare Gefühl freigehalten. „Leichtigkeit, Schwerelosigkeit, obwohl man ja auf beiden Füßen steht“, empfindet er. Einmal, es war sogar Nacht, strich ein leichter Wind über die Eisfläche, Petri machte den Anorak auf, der sich dann zu einem kleinen Segel aufblähte und glitt, ohne einen Schritt zu machen, übers Eis. Mehr Ökologie geht nicht.

Stefan Petri: Ein wunderbaress Gefühl der Schwerelosigkeit.

Auch Günter Agel ließ sich am Mittwoch das meteorologische Geschenk des Jahrzehnts nicht entgegen, nachdem er die Bürde des BGH-Vorsitzes in Herrsching weitergegeben hat. Agel erzählt in der munteren Kufenrunde auf dem Eis, dass seine ersten Kunstlauf-Schlittschuhe vorne Zacken zum Abstoßen hatten. „Ich bin deshalb die ganze Zeit auf der Nase gelegen. Mein Vater hatte dann Erbarmen und schliff den untersten Zacken ab.“

Aber das Eis ist nicht nur ein Naturparadies – es kann auch zur Hölle werden. Ruth Paulig erzählt von einem traumatischen Erlebnis in der Nähe der Mausinsel. Ein Kind war auf dem in dieser Region oft dünnen Eis eingebrochen, der Vater wollte zu Hilfe kommen und brach selbst ein. Das Kind konnte sich selbst retten, den Vater wollten Augenzeugen aus dem Eisloch ziehen. Ein mutiger Eisläufer sprang beherzt ins kalte Wasser und packte den Ertrinkenden am Schopf. Dann kam der Tod aus der Luft: Ein Hubschrauber ließ einen Retter an einer Seilwinde nieder – aber die Rotorblätter machten soviel Wirbel, dass der Ersthelfer den Mann nicht mehr halten konnte. Der Vater wurde unters Eis gedrückt. Die Retter mussten ohnmächtig zusehen, wie der Ertrinkende unter der glasklaren Eisschicht ohnmächtig wurde. Er sei dann im Krankenhaus gestorben.

Am letzten Mittwoch auf dem Wörthsee: In der Seemittel lauerte noch ein schmaler Wasserstreifen.

Auch die Eissegler, die früher auf jeden Windhauch lauerten wie hungrige Hyänen auf Beute, gehörten zur Hochrisikogattung. Weil sie mit bis zu 100 km/h „fliegen“, reicht den Windgleitern schon eine wenige Zentimeter dicke Eisschicht. Die professionellen Retter wie Wasserwacht, Feuerwehr und Rotes Kreuz kriegen dann immer Schnappatmung, denn in Sicherheitskreisen hält sich die physikalisch nicht ganz korrekte Auffassung, dass für sicheres Eislaufen 15 Zentimeter Festwasser notwendig sind. Das ist richtig, aber nur, wenn man mit dem Auto aufs Eis fährt.

Eisläufer wie der Ingenieur Richard L.m, der jahrzehntelange Erfahrung mit zugefrorenen See hat, wissen: Während einer tage- und wochenlangen Frostperiode ohne Plusgrade reichen auch fünf Zentimeter Eis. Dass die Natur keine Garantie gibt und auch keine Haftung übernimmt (im doppelten Sinn), wissen Leute mit dem Gespür für Eis natürlich. Es gibt immer wieder Bruchstellen oder windexponierte Bereiche, wo die „Tragfläche“ trügerisch sein kann. Ein Breitbrunner erzählt heute noch mit wohligem Grausen, wie er auf einer abgebrochenen Eisfläche wie auf einer schrägen Ebene ins Wasser glitt. Er drehte sich im Wasser um und krabbelte ohne Probleme dlort aufs Eis zurück, wo er herkam. Wieder auf den Schlittschuhen, gefror der Skianzug und bot eine wunderbare Isolierschicht. Ingenieur Richard L., der natürlich auch schon Wasserungen hinter sich hat, meint dazu nur trocken: „Lästig beim Heimfahren nach der Rückkehr aufs Eis ist nur das Wasser in den Schuhen. Das schwappt unangenehm hin und her.“

Wenn der Heimathistoriker und Buchautor Robert Volkmann aus Schlagenhofen über seine Eislaufkarriere erzählt, kriegt er feuchte Augen. „In den frühen Sechziger Jahren gab’s Natureis-Hockeystadien sogar in Dießen und Inning. Alle Dörfer hatten Hockeymannschaften, die Inninger waren übrigens sehr schlecht. Dank der Naturgeschenke auf dem Weßlinger, dem Pilsen- und dem Wörthsee aber wuchsen die jungen Burschen zu talentierten Eishockeyspielern heran.“ Er selbst spielte sogar im Nachwuchsteam der Nationalmannschaft. Deshalb herrschte in den Eishockey-Ligen auch der bayerische Dialekt vor.

Nachdem sich Herrschinger, Breitbrunner, Inninger und Weßlinger Eisläufer längst mit dem Klimawandel abgefunden hatten, beschert uns der jetzige Winter noch einmal einen Gruß aus eisigen Zeiten. 2012 schaffte Väterchen Frost immerhin noch einmal einen Spitzenwert von 18,1 Grad – minus, 2009 sank die Quecksilber-Säule auf 14,2 Grad. In den Nullerjahren fror der Ammersee vollständig zu, Wagemutige glitten auf Kufen von Breitbrunn nach Schondorf. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch mit Grausen an die Überquerung im Nebel. Es war gespenstisch wie beim Reiter vom Bodensee, der in Konstanz tot vom Pferd fiel, als man ihm erzählte, dass er soeben über gefrorenen Bodensee geritten war.


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