Zwischen Seeblick- und Seestraße in Breitbrunn liegt das Objekt der Begierde: 4200 Quadratmeter auf der 32 000 Qaudratmeter großen Klosterwiese will das Kloster Ursberg mit rund 23 Drei- und Zweispännern sowie Einzelhäusern bebauen lassen. Bauinteressenten können sich jetzt für ein Grundstück bewerben.

Klosterwiese: Jetzt könnte es schnell gehen

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16 Jahre lang ist nichts passiert, jetzt soll alles ganz schnell gehen: Die Klosterwiese in Breitbrunn ist nach der letzten Bauausschuss-Sitzung baurechtlich „a gmahde Wiesn“ – der neue Bauturbo macht’s möglich. Der Anwalt des Klosters hat die Interessenten für einen Bauplatz aufgefordert, sich bei ihm, im Rathaus oder im Kloster zu melden. Auf der alten Interessentenliste standen 120 bis 170 Bewerber. Die Grundstücke werden wahrscheinlich im Erbbaurecht vergeben werden, der Erbbauzins wird vermutlich bei drei Prozent liegen. Aber wer kann sich ein Grundstück mit freiem Blick auf den nahen See leisten? Rechtsanwalt Konrad Gritschneder erneuerte an das Versprechen des Klosters, die Grundstücke mit Rabatt abzugeben. Gritschneder: „Der Bodenrichtwert liegt bei 1800 Euro pro Quadratmeter, das Kloster hat signalisiert, dass es bis zu 50 Prozent Nachlass gibt.“ Der feine Unterschied: Die Gemeinde sprach von 50 Prozent Rabatt, Gritschneder betonte: „Bis zu 50 Prozent“. Könnte bedeuten, dass besonders bedürftige Familien mit behinderten Kindern mehr Nachlass bekommen.

Rund 60 Wohnheiten sieht der Bebauungsplan vor, der zwar nie rechtskräftig wurde, aber mit seinen Vorschriften trotzdem gilt. Das Kloster als Eigentümerin der Flurnummer 512 will die Baugrundstücke in einer Art Einheimischen-Modell im Erbbaurecht veräußern. Karte: Gemeinde Herrsching

Der Bauausschuss hat in seiner Sitzung am Montagabend den fertigen, aber noch nicht gültigen Bebauungsplan ad acta gelegt und dafür den Bauturbo gezündet (für Nerds: den neuen Paragrafen 246e). Wenn nun ein „städtebauliche Vertrag“ zwischen dem Rathaus und der St. Josefskongregation Ursberg (Kloster) unterzeichnet ist, kann’s eigentlich losgehen. Die Bauverwaltung legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass auch mit dem Bauturbo die Vorschriften des Bebauungsplanentwurfs gelten. Das bedeutet: Die Baufenster (sprich die Wohnflächen der Häuser) und die festgesetzten Maße der baulichen Nutzung müssen dem B-Plan entsprechen. Nach dem Plan, den die Gemeinde veröffentlicht hat, werden insgesamt rund 60 Wohneinheiten entstehen auf einer Fläche mit 4500 Quadratmetern. Die Grünflächen, Zufahrten und die Sichtachsen auf See und Gebirge sollen planmäßig erhalten bleiben.

Das könnte auch den Zorn einiger Anlieger gegen die neuen Nachbarn besänftigen. Bürgermeister Christian Schiller hatte in einer Rede die „Ellenbogen-Mentalität“ der Bebauungsgegner scharf kritisiert. „Seit 14 Jahren gehen Anlieger mit den teuersten Anwälten gegen den Bebauungsplan vor“, beklagte er.

Das gesamte Grundstück umfasst 32 000 Quadratmeter, bebaut wird sehr luftig – es wird also kein Jammersee-Ghetto geben, und dank der hohen Grundstückspreise werden die neuen Bauherren auch ins Sozialgefüge der umliegenden BeVes (Besserverdiener) passen.

Die Erschließungskosten für das Grundstück wird das Kloster tragen – ein Kraftakt, weil im Erbbaurecht ja keine Grundstückserlöse beim Eigentümer ankommen. Zudem muss die St. Josefskongregation neuen Wohnraum für die Angestellten des Dominikus-Ringeisen-Werks schaffen.

Gemeinderat und Architekt Christoph Welsch hatte schon in früheren Sitzungen beantragt, dass die Wiese in zwei Bauabschnitten bebaut werden solle. Begründung: Eine so kleine Gemeinde wie Breitbrunn könne den Zuzug von über 200 Neubürgern nicht stemmen. Weil sein Antrag aber abgelehnt worden war, plädierte er in der Bauausschuss-Sitzung dafür, die Wiese von Nord nach Süd zu bebauen, damit kein Flickenteppich an Baustellen entstehe.

Wenn, wie Rechtsanwalt Konrad Gritschneder im Gespräch mit herrsching.online sagte, auf der Klosterwiese eine Art Einheimischen-Modell verwirklicht werde, ziehen vielleicht 200 Menschen ein – Leute, die ohnehin schon in Herrsching leben. Wann die Privilegierten dann wirklich ihren Seeblick genießen können, wagt noch niemand vorherzusagen. Rechtsanwalt Gritschneder in seinem Statement im Bauausschuss: „Wenn ich’s noch erleben darf, wäre ich sehr zufrieden.“ Andererseits braucht das Kloster schnell neuen Wohnraum für das Personal der Behinderteneinrichtungen. Es könnte jetzt also schnell gehen – das wäre dann die normative Kraft des Faktischen.

5 Comments

  1. Das ursprüngliche Einheimischenmodell in Breitbrunn hatte klare soziale Leitplanken: mindestens fünf Jahre Wohnsitz im Ort, Förderung von Familien und Mehrgenerationenwohnen, ein am Durchschnittseinkommen orientiertes Maximaleinkommen (als Ehepaar maximal 100.000 Euro), sowie kein weiteres Wohneigentum. Ziel war es ausdrücklich, Familien aus der Mittelschicht zu unterstützen.

    Die Mittelschicht trägt unsere Gesellschaft – gerade Familien tragen dabei besondere finanzielle Lasten. Umso unverständlicher ist die aktuelle Diskussion, einen Grundstückspreis von 1.800 Euro pro Quadratmeter als Maßstab anzusetzen, mit einer möglichen Reduktion bis 50 Prozent, die jedoch über Erbpacht abgegolten werden soll.
 Gerade Durchschnittsverdiener, die ohnehin Kredite für Grundstück und Bau aufnehmen müssen, werden damit doppelt belastet: durch Finanzierungskosten und langfristige Erbpachtzinsen, die am Ende teurer sind als ein einmaliger Kauf. Das ist keine soziale Gerechtigkeit.

    Wir brauchen auch in Herrsching eine starke Mittelschicht, einen Ort, den sich auch junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens leisten können, in dem Familien mit Kindern bezahlbaren Wohnraum finden und ältere Menschen mit kleiner Rente nicht gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.
 Wenn sich Baugrund nur noch Spitzenverdiener oder Investoren leisten können, verlieren wir genau diese Vielfalt.

    Deshalb plädiere ich dafür, den Bauturbo konsequent an die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu knüpfen – wie es von zahlreichen Bau- und Juristen ausdrücklich empfohlen wird.
    Als Bürgermeisterin werde ich mich dafür einsetzen, dass unser Ort auch langfristig ein lebenswerter Platz für alle Generationen bleibt, mit einer starken Mittelschicht und einem ausgewogenen sozialen Gefüge.

    • Da kann ich nur zustimmen, Karin Casaretto. Fūr Menschen mit geringem Einkommen ist es in Herrsching kaum noch möglich, eine Wohnung zu finden. Bezahlbarer Wohnraum muss in den nächsten Jahren beim Wohnungsbau Priorität haben. Ich vermisse das sehr beim jetzigen Bürgermeister.

  2. Interessant. Kaum ist das Thema nach mehr als 15 Jahren im Wahlprogramm der Bürgermeister-Kandidatin Casaretto aufgetaucht, ist es umgesetzt. Erinnert an die Trinkbrunnen…
    Zufall? Egal, das Ergebnis zählt.

  3. In Herrsching können Menschen mit geringem Einkommen kaum mehr eine Bleibe finden. Wird das Projekt Klosterwiese bezahlbaren Wohnraum schaffen? Ich habe da meine Zweifel….

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