„Da stand eine heruntergekommene Mannsgestalt und bat um Einlaß“

1 min read

Es sind Geschichten, die nicht in den großen Büchern der Zeitgeschichte stehen, schreibt Dr. Gertraud Meyer im Vorwort zu einem kleinen, kostbaren Band, den das Katholische Bildungswerk Starnberg herausgegeben hatte: Das Büchlein trägt den Titel „Und das Leben ist weitergegangen.“ Es erzählt heitere und traurige, bittere und tröstliche Begebenheiten aus der näheren Heimat. Frau Hartmann aus Schlagenhofen hatte diese Geschichten gesammelt. Sie musste viele betagte Erzählerinnen und Erzähler ermuntern, ihre Erinnerungen preiszugeben. Wieder entdeckt hat das schmale Bändchen der Heimathistoriker und Buchautor Robert Volkmann aus Schlagenhofen. Ihm also verdanken wir diese kleine, wunderbare Weihnachtsgeschichte von Maria Kolb aus Inning.

„Es war Weihnachten 1933. Meine Eltern und Geschwister waren zur Christmette gegangen und ich als 8-jähriges Mädchen durfte daheim bleiben und mit den Geschenken spielen.

Meine Eltern verließen das Haus nicht, ohne mich vorher zu ermahnen, niemandem aufzumachen, keine Kerze anzuzünden usw.

Bald war ich so ins Spiel vertieft, daß ich, als es plötzlich an die Haustür klopfte, nicht lange darüber nachdachte, dass außer mir keiner im Haus war. Um nicht kostbare Zeit zu verlieren, lief ich schnell zur Tür und sperrte auf. Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, eine heruntergekommene Mannsgestalt mit wirren Haaren und einer Decke über den Schultern vor mir und bat um Einlaß.

Jetzt war ich wieder in der Wirklichkeit, und es überkam mich eine schreckliche Angst. Doch ich hatte nicht den Mut zu sagen: „Nein, ich bin allein im Haus“. So fogte er mir in die Stube, wo der Christbaum stand und meine Spielsachen herumlagen.

Sein ungepflegtes, faltiges Gesicht verklärte sich, und er kniete vor dem Herrgottswinkel nieder und begann laut zu beten.

Zitternd stand ich neben ihm, bis endlich meine Eltern zurückkamen. Natürlich waren sie sehr erschrocken über den nächtlichen Gast. Doch bald fand mein Vater heraus, dass dieser Handwerksbursch ein anständiger Kerl war. Meine Mutter bewirtete den ausgehungerten Mann, gab ihm Seife, Handtuch und warmes Wasser zum Waschen und richtete ihm ein Lager für den Rest der Nacht. Nachrichten aus der weiten Welt erreichten uns damals nur spärlich. Der Handwerksbursch aber war weit herumgekommen. Mein Vater interessierte sich für alles, was er zu erzählen wußte. Bis weit in die Nacht hinein saßen sie noch beieinander.

Am nächsten Tag verließ uns der nächtliche Gast wieder und dankte herzlich für den schönen Weihnachtsabend. Wir aber hatten das Gefühl, als sei das Christkind in anderer Gestalt bei uns vorbeigekommen.“

Erzählt von Maria Kolb, Inning

Aktuellste Meldungen