Es gibt eine gute Nachricht vom Gemeinde-Bauhof: Herrsching hat inzwischen Akku-Laubbläser angeschafft, die so leise sind, dass die Arbeiter nicht einmal Hörschutz tragen müssten. Wieviele Geräte inzwischen elektrisch laufen, teilte die Gemeinde allerdings nicht mit. Benzinlaubbläser dagegen machen einen Lärm, der mit dem eines Presslufthammers vergleichbar ist: Zudem brauchen sie etwa 1,4 Liter Benzin in der Stunde. Die weiteren Nachteile der Blattverbläser allerdings teilen sich E- wie B-Windmacher: Sie wirbeln Feinstaub auf, verjagen Tiere, rauben den Bäumen Nährstoffe, sie sind also in ihrer ökologischen Wirkung ziemlich schädlich und bieten politischen Sprengstoff. Gemeinderat Alexander Keim hatte auf herrsching.online einen Vorschlag gemacht, der überzeugend klingt: „Warum kann das Laub außerhalb der Gehsteige nicht einfach liegenbleiben, wie auch in der Gemeinderatssitzung intendiert? Sollten nicht Bereiche definiert werden, in denen das Laub einfach am Ort verrotten kann und so zu Mineral-und Bodenbildung beiträgt? Das Denken in Kreisläufen ist notwendiger denn je, und da ist der Laubbläsereinsatz nur ein Aspekt.“
Starnberg hatte die Radaumacher schon vor Jahren weitgehend stillgelegt, Wörthsee warnt offiziell vor den ökologischen Folgen, Graz kommt seit 2014 ohne die Benzin-Blasinstruemnte aus. Wie ein Leser auf herrsching.online berichtete, gab es in Graz düstere Vorhersagen: Wenn die Laubbläser verbannt würden, müsse man 80 zusätzliche Arbeiter einstellen. Nach drei Jahren ist es in Graz still geblieben – und kein einziger Mitarbeiter musste zusätzlich eingestellt werden. Ob das auch für Herrsching gilt, wagt niemand vorherzusagen. In der Seegemeinde fallen im Herbst etwa 150 Tonnen Laub an, sagt der Bauhof.

herrsching.online hat die Diplom-Ingenieurin und zertifizierte Baumkontrolleurin Angela Burkhardt-Keller vom BUND gefragt, wie schädlich die flächendeckende Laubentfernung wirklich ist.
herrsching.online: Alle wollen Bäume, keiner will das Laub. Sind die bunten Blätter lästiger Bioabfall oder generell ein biologischer Segen für die Natur?
Burkhardt-Keller: Die Natur hat es so eingerichtet, dass Bäume im Herbst in die Winterpause gehen, ihren Saftfluss einstellen und ihre Blätter verlieren. Im Winter würden die Bäume sonst erfrieren. Das kann man sich vorstellen wie eine gefrorene Gartenwasserleitung. Die stellen wir im Winter ja auch ab. Das Laub enthält noch viele Nährstoffe, die den Bäumen wieder zugeführt werden, wenn das Laub vor Ort liegen bleibt, zersetzt wird und verrottet. In den nächsten Jahren kann über den Nährstoffkreislauf der Baum diese Stoffe wieder aufnehmen. Außerdem ist Laub Nahrungsgrundlage und Lebensraum vieler Tiere wie zum Beispiel Insekten und auch Säugetiere. Denken wir nur an den Igel. Laub ist also fester Bestandteil des Kreislaufs der Natur.
herrsching.online: Besonders Kommunen kämpfen gegen das Laub einen teuren Kampf. Welche Bereiche und Zonen müssen vom Laub befreit werden, und wo in Städten und Gemeinden sollte Laub in Ruhe verrotten dürfen?
Burkhardt-Keller: Laub auf Geh- und Fahrradwegen kann gefährlich werden, wenn es nass und rutschig wird und die Gefahr besteht, dass Menschen dort stürzen und sich verletzen. Ähnlich gilt das auch auf Straßen. Eine dicke Laubschicht auf Wiesen oder Rasen kann dazu führen, dass das Gras abstirbt, weil es kein Licht mehr bekommt. Daher kann es hier sinnvoll sein, einen Teil des Laubs zu entfernen. Unter Hecken und Sträuchern sollte das Laub aber unbedingt liegen bleiben. Es gibt Kommunen, die gezielt Baumstandorte im Siedlungsbereich mit Stauden unterpflanzen, damit sich dort das Laub fängt und hilft, Feuchtigkeit zu speichern und die Nährstoffe aus den Blättern durch die Zersetzung dem Baum wieder zuzuführen. Die Devise sollte sein: Soviel wie unbedingt nötig entfernen und soviel wie möglich belassen. Viele Kommunen neigen im Herbst zum Großreinemachen in Sachen Laub. Das ist nicht nur teuer, sondern auch schlecht für die Natur.
herrsching.online: Das Argument vieler Kommunen: Mit konventionellem Werkzeug brauche man dreimal soviel Personal wie mit den Krachmachern. Es gibt aber Meldungen aus Graz und anderen Orten auch im Kreis Starnberg, dass dort kein zusätzliches Personal nötig war, obwohl auf Laubbläser verzichtet wurde. Wie sieht das der BUND?
Burkhardt-Keller: Kommunen sollten sich genau überlegen: Wo ist Laub aus Sicherheitsgründen unbedingt zu entfernen und wo kann es einfach liegenbleiben. Kommunen sollten sich vom herbstlichen Großreinemachen verabschieden und in Sachen Laub mehr Gelassenheit an den Tag legen. Außerdem sollte überlegt werden: Welche Strukturen können wir im innerstädtischen Grün schaffen, die Laub in der Fläche halten, damit ein teurer Abtransport des Laubs vermieden werden kann.



