Die Eingangsfassade der Finanzhochschule im Stil des imperialen Protzes. Das Hakenkreuz hat das Land herausmeißeln lassen. Das Foto entstand während einer Geschichtsführung der Gemeindearchivarin Friederike Hellerer. Foto Gerd Kloos

Umzug der Finanzschule: Bekam Herrsching als „Trostpflaster“ ein Gymnasium?

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• Ist das neue Herrschinger Gymnasium das Trostpflaster für den Umzug der Finanzschule, wie der Fördervereinschef Jens Waltermann glaubt?

• Schon 2030 soll im fränkischen Kronach der Schulbetrieb fürs Finanzstudium beginnen

• Was passiert mit dem ehemaligen Nazi-Bau an der Rauscher Straße?

Massive Kritik am Umzug der Finanzhochschule von Herrsching nach Kronach hat der Vorsitzende der Bayerischen Steuergewerkschaft, Gerhard Wipijewski, geübt: „Woher sollen im fränkischen Kronach die 50 hauptamtlichen und 120 nebenamtlichen Dozenten kommen?“ will der Gewerkschaftsfunktionär wissen. Herrsching liege ideal für die Dozenten, weil die Finanzverwaltungen rund um München ein gewaltiges Reservoir darstellten. Für den Herrschinger Vorsitzenden des Fördervereins Gymnasium, Jens Waltermann, ist der Umzug der Finanzschule Teil eines politischen Deals. Als Ersatz für den Verlust der Schule habe Herrsching, so Waltermann, als „Trostpflaster“ ein neues Gymnasium bekommen.

Im Interview mit herrsching.online sagte Waltermann: „Im Hintergrund (für die Entscheidung, in Herrsching ein Gymnasium zu bauen; Red.) spielte wohl auch die Finanzschule eine Rolle. Ein Teil der Schule sollte nach Franken umziehen, dafür bekam Herrsching von Oberbayern und dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer, vielleicht als eine Art Trostpflaster, ein neues Gymnasium.“

Jetzt also hat Herrsching Bayerns vielleicht schönste Schule, dafür bald aber keine Finanzschule mehr. Wie das Finanzministerium verlauten ließ, genieße der Neubau einer Hochschule in Franken hohe Priorität. Schon mit dem Semesterstart 2030 könnten in Kronach an der thüringischen Grenze 400 Studierende ihre Finanzkarriere starten. Umzug und Bau der neuen Hochschule kosten dem Vernehmen nach rund 400 Millionen Euro – eine Million pro Studentin/Studenten. Da ist das Herrschinger Gymnasium geradezu preiswert: Es kostet pro Schüler rund hunderttausend Euro.

Geplant war ursprünglich, dass nur Teile der Finanzhochschule nach Franken verlegt werden. Dann fiel der Beschluss des Ministerrates, dass rund 600 Studierende in Franken unterrichtet werden sollten. Damit war klar: In Herrsching bleibt nichts als leere Gebäude.

Nicht nur die Kosten für das Söder-Geschenk rufen Kritik hervor: Gewerkschaftschef Gerhard Wipijewski: „Ist es überhaupt machbar, den gesamten Fachbereich nach Kronach zu verlagern? Woher sollen in Kronach die 50 hauptamtlichen Dozenten kommen, die heute täglich zu ihrer Arbeit nach Herrsching pendeln? Woher die mehr als 120 nebenamtlichen Dozenten, die heute zum Teil für einige Stunden von den zahlreichen umliegenden Finanzämtern, dem LfSt und dem Ministerium nach Herrsching gefahren kommen?“ fragte Wipijewski im Bayerischen Fernsehen Finanzminister Füracker.
„Während die Finanzverwaltung südlich der Donau ein riesiges Reservoir an möglichen Dozenten aufweist, sind ähnliche Strukturen im nördlichen Franken nicht ansatzweise zu erkennen. Eine Machbarkeitsstudie sollte diese für die Finanzverwaltung existenzielle Frage klären.“ Im Bayerischen Fernsehen bekräftigte er am Mittwoch noch einmal: „Wenn ich die Leute nicht mehr ausbilden kann, habe ich ein existenzielles Problem“.

Vielleicht muss der Finanzminister Dozenten mit einer Zulage ködern, die nach der Wiedervereinigung für Westbeamte im Osten „Buschzulage“ hieß.

Die Zuversicht von Herrschinger Kommunalpolitikern, dass uns die Finanzhochschule noch sehr lange erhalten bleibe, schwindet jedenfalls. Sie gründete sich auf die Hoffnung, dass sich mit dem gesamten Umzug die Planungen in Kronach im Deutschland-typischen Tempo verzögern könnten. Da es sich bei der Schule wohl um ein Prestigeprojekt des Ministerpräsidenten handelt, ist diese Hoffnung allerdings trügerisch.

Der ehemalige Nazi-Bau und das Grundstück gehören dem Land, und Gemeinde wie der Landkreis haben sicher kein Geld für den Grunderwerb. Der Bau einer zentralen Kreisklinik jedenfalls scheint an diesem Standort ausgeschlossen – Herrsching liegt für die östlichen und nordöstlichen Gemeinden zu weit vom Schuss. Und die Option einer vereinigten Klinik für den Westteil des Landkreises hat sich nach der Krankenhausreform erledigt.

Die Nazi-Vergangenheit des Baus im Stile des imperialen Protzes erkennt man schon am Steinadler über dem Eingang. 1935 wurde in dem Gebäude in der Rauscher Straße die „Reichsfinanzschule“ eröffnet. Kopf dahinter: Fritz Reinhardt, Staatssekretär im Reichsfinanzministerium. Reinhardt hatte den Auftrag, ein Steuer- und Finanzwesen nach den Vorstellungen der Nazis aufzubauen. Dafür brauchte es Schulen wie in Herrsching. Neben der Ausbildung der Finanzbeamten fungierte der Standort Herrsching auch als Reichsrednerschule, an der zahlreiche Redner ausgebildet wurden, die die NS-Propaganda ins Land trugen.


 

2 Comments

  1. Mit dem Auszug der Finanzhochschule endet ein prägnantes Kapitel in der Geschichte unseres Ortes – und zugleich öffnet sich ein Raum für Neues. Ich sehe darin auch eine Chance, die Transformation eines geschichtlich belasteten Gebäudes in einen Ort der Zukunftsfähigkeit:

    „Vom steinernen Erbe der Vergangenheit zum lernenden Ort der Nachhaltigkeit.“

    Meine Vision ist, dass auf dem Gelände ein Innovationscampus für Nachhaltigkeit, Energie und Wasser entsteht. Es soll an Lösungen für die Zukunft geforscht und gearbeitet werden, wie u.a. nachhaltige Energieversorgung, Speichertechnologien und Kreislaufwirtschaft, GreenTech, integriertes Wassermanagement, klimaresiliente Orts- und Stadtentwicklung.

    „Der Campus Herrsching“ könnte ein bayerischer Leuchtturm für nachhaltige Energie, Wasser und Innovation werden – ein Ort, an dem Forschung, Wirtschaft und Kommune gemeinsam die Zukunft gestalten.“

  2. Verbeamtete Dozenten haben zwar eine Planstelle auf Lebenszeit, aber kein Anrecht auf einen bestimmten Dienstort. Bei nebenamtlichen Dozenten kann es sich um Angestellte handeln und die können ihren Arbeitsplatz frei wählen, wenn sie sich bewerben. Vielleicht sind die Franken flexibler, als wir Oberbayern meinen. Eine spannende Sache für Herrsching.

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