Die Finanzschule als Konjunkturturbo in Herrsching: Beim Bau in den Dreißigerjahren haben Handwerker viel Geld verdient. Das Foto entstand bei einem Spazierung der Erinnerung, bei dem Friederike Hellerer an besonders belastete Orte in Herrsching führte. Die Veranstaltung hatte die SPD initiiert. Foto: Gerd Kloos

Herrsching und seine braune Prominenz

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Bürgergemeinschaft Herrsching diskutiert mit Filmbesuchern: Straßen umbenennen, Stolpersteine einlassen, belastete Straßennamen als Erinnerung an dunkle Zeiten erhalten? /5 Gemeinderätinnen und -räte unter den Zuhörern//

Es war der größtmögliche Kontrast: Nach dem Film „The Zone of Interest“ über das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wurden die Besucher in einen warmen oberbayerischen Sommerabend entlassen. Eben noch die spießbürgerliche Familienidylle des KZ-Kommandanten Höß im Schatten des Todeslagers, dann der unschuldige, lichtdurchflutete Innenhof des Seefelder Schlosses – Betroffenheit, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Trauer spiegelten sich in den Gesichtern der Kinogänger.

Als Angebot, die verstörenden Bilder des Regisseurs Jonathan Glazer zu bewältigen, hatte die Bürgergemeinschaft Herrsching (BGH) zu einer Nachbereitung mit der Historikerin Friederike Hellerer ins Schlossstüberl eingeladen. 50 Besucherinnen und Besucher waren dankbar für die 2 Stunden der Aufbereitung und intellektuellen Verarbeitung.

50 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich im Seefelder Bräustüberl eingefunden, um mit großer Ernsthaftigkeit über die richtige Erinnerungskultur zu diskutieren.

Wer die Ernsthaftigkeit und Anspannung des Publikums erlebt hat, konnte kaum glauben, dass diese Veranstaltung kommunalpolitische Brisanz barg. Wie berichtet, hatte der Bürgermeister in der Gemeinderatssitzung verkündet, dass die Gemeindearchivarin Dr. Hellerer bei diesem Auftritt an das beamtenrechtliche Mäßigungsgebot gebunden sei und sich in Sachen Umbenennung NS-belasteter Straßennamen in Herrsching „bedeckt“ halten werde. Grund für den Ukas aus dem Rathaus war der Gemeinderatsbeschluss, das Thema Ploetz-, Madeleine-Ruoff- und Erich-Holthaus-Straße vorläufig auf Eis zu legen. Die Sorge vor allem der CSU- und der FDP-Fraktion war allerdings unbegründet: Hellerer sagte herrsching.online, dass sie Wissenschaftlerin sei und die Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit begleite. Sie sei aber nicht an der Entscheidung für oder gegen eine Umbenennung beteiligt.

Umsichtig, würdevoll und behutsam leitete die ehemalige Gemeinderätin Claudia von Hirschfeld, von Beruf Richterin am Amtsgericht, die fein dosierte Mischung aus Vortrag und Diskussion ein. Im Publikum saßen die Gemeinderätinnen Reich, Gruber und Hänel und die Gemeinderäte Schneider und Böckelmann. Besondere Schwerkraft bekam die Veranstaltung durch die Anwesenheit der jüdischen Künstlerin Patricia Wolf und durch Besucher, deren Vorfahren Zeitzeugen des industriellen Mordens waren.

Von Hirschfeld wies in ihrer Anmoderation auf die geschichtlichen Analogien hin: Der Rechtsruck bei den Europawahlen schien nicht nur ihr ein Menetekel zu sein, der Herrschinger Erwin Schmidt-Achern wollte von Friederike Hellerer sogar wissen, „wo wir gerade stehen mit unserer Demokratie“. Das konnte sie ihm dann doch nicht positionsgenau beantworten. Mit dem Hinweis, dass die NS-belasteten Straßennamen ein Link in die braune Vergangenheit sind, leitete von Hirschfeld auf den Vortrag von Friederike Hellerer über.

Das Thema von Hellerers Forschungsarbeiten lag praktisch vor der Haustür – sie wohnt unterhalb der Finanzschule, jenem steingewordenen Überbleibsel der NS-Zeit. „Die neue Finanzschule, mit der in den 30er-Jahren Herrschinger Handwerker viel Geld verdient haben, war die Blaupause aller 14 Finanzschulen des Dritten Reiches.“ Gebaut hatte sie der Steuerexperte und Staatssekretär Fritz Reinhardt, der mit seinen Lehrbriefen zur NS-Rhetorik 6000 bis 8000 Nazi-Propagandisten schulte und so Massenwirksamkeit erreichte – „ähnlich wie es heute TikTok leistet“. Die Finanzverwaltung, so Hellerer, sei übrigens die erste Behörde gewesen, die Juden systematisch diskriminiert und alle Steuervergünstigungen kassiert habe. Mit Steuervergünstigungen kannte sich Reinhardt auch nach dem Krieg noch gut aus – er hatte sich erfolgreich entnazifiziert und durfte in der Bundesrepublik als Steuerberater arbeiten.

Eine Erkenntnis, mit der viele Zuhörerinnen und Zuhörer nicht gerechnet hatten: Historikerin Hellerer hatte bei ihren Forschungen festgestellt, dass die katholischen Bauern im Landkreis „die stärkste Resilienz gegen die Nazi-Ideologie hatten“. Bei den christlich geprägten Landwirten fielen die Blut- und Boden-Parolen auf sehr unfruchtbaren Boden.

Das war zumindesten gesellschaftlich ein Abstieg, in der NS-Zeit hatte der NS-Geldeintreiber bei Stippvisiten in Herrsching in seiner Villa in der Seestraße residiert. Und wenn der feine Herr Staatssekretär am Ammersee nächtigte, dann sorgte die Gemeinde dafür, dass in der Summer- und Seestraße andächtige Ruhe einkehrte – nichts sollte den Schlaf des hohen Herren stören. Nach dem Krieg wurde aus der Nazi-Villa dann die Schindlbeckklinik.

Hellerers Forschungsergebnisse sind, so ließ sie ihre Zuhörer wissen, das Ergebnis hartnäckiger Recherche. In den Ortschroniken des Landkreises Starnberg fand sie genau 14 Seiten über die NS-Zeit. Und die Zeitzeugen waren ähnlich ergiebig: Fragen’s doch in Starnberg nach, wir wissen nichts. In Tagebüchern wurden Einträge über jene Jahre mitunter herausrausgerissen.

Warum Herrsching eine solche Faszination auf die braune Prominenz ausgeübt habe, wollte ein Zuhörer wissen. Der Ammersee war wohl als Alternative zum teuren, überlaufenen Starnberg ein billigeres Pflaster, zumal Herrsching seit 1903 auch mit dem Zug erreichbar war. Und bald war Herrsching wohl ein Geheimtipp, dem zum Beispiel auch der „Polenschlächter“ Hans Frank gefolgt war. Er besaß in Lochschwab ein Ferienhaus.

Als die Breitbrunnerin Heidi Körner in der Diskussion die Umbenennung der belasteten Straßen ansprach, mischte sich Dr. Hellerer nicht in die Diskussion ein. Eine andere Diskussionsteilnehmerin sprach sich im Gegensatz zu Körner gegen eine Umbenennung aus , aber nicht um die NS-Täter zu schonen, sondern wegen der Erinnerungskultur. Diese Zeit mit ihren Namen dürfe nicht vergessen werden, sinnvoll seien unter den 3 belasteten Straßennamen historische Erklärungen.

War das ein Stichwort für eine Debatte, die Herrsching wohl noch lange beschäftigen könnte? Wie erinnern wir uns an die Euthanasieopfer, an die jüdischen Bürger? Durch Stolpersteine, Schrifttafeln oder Denkmäler? Die Diskussion ist eröffnet.

4 Comments

  1. Vielen Dank für diesen gelungen und aufschlussreichen Artikel. Es ist wichtig, dass über hierüber informiert und gesprochen wird. Das ist kein Thema zu dem man sich Schweigen verordnen kann.

  2. Danke an die Veranstalter für die Einladung zum Film.

    Der Film „the Zone of Interest“ zeigt in besonderem Maße die „Banalitaet des Bösen“. In einem wunderschönen Garten, mit Kindern im Pool und Todeschuessen hinter der KZ Mauer, war es ein sehr surrealistisches Kinoerlebnis. Es machte mich schon sehr traurig und bestürzt. Und rs stimmt, ich habe mich nur mot andeten Diskussionsteilnehmetn ausgetauscht. Frau Hellerer hat nur zugehört.

  3. Eine sehr gelungene Veranstaltung. Frau Dr. Hellerer schöpft aus einem immensen Schatz von Wissen.
    Ich hoffe, es wird noch mehr Gelegenheiten geben, bei denen sie die Herrschinger in Verbindung mit ihrer eigenen Geschichte bringen kann.

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