Herrsching könnte nächstes Jahr eine Baumschutzverordnung bekommen: Der Gemeinderat hat in der Sitzung am Montagabend beschlossen, den Arbeitskreis Umwelt mit dem Entwurf einer kommunalen Baumordnung zu beauftragen. Mit einer hauchdünnen Mehrheit (13 gegen 11 Stimmen) sprach sich das Plenum dafür aus, eine rechtsgültige Verordnung zum Schutz bestimmter Bäume beim AK Umwelt zu bestellen. Der Entwurf der Verordnung muss in einem Jahr auf dem Tisch liegen.
Bürgermeister Christian Schiller verwies in seinem Eingangsstatement auf den Grünplaner, den im Mai letzten Jahres die Fraktionssprecherin der Grünen aus dem Hut gezaubert hatte. Der Arbeitskreis Umwelt, jenes Gremium, in dem die Gemeinde gerne grüne Themen parkt, hatte einen 12-Punkte-Katalog für praktischen Baumschutz vorgelegt. In diesem Papier, von BGH-Rat Leo Gruber federführend betreut, war auch ein brisanter Punkt verpackt: Wenn ein Baum mit einem Autostellplatz konkurriert, sollte der Baum Vorrang haben. Mit Erleichterung stimmte der Gemeinderat damals der Bestellung eines externen Fachmanns zu, bei dem man solch heikle Streitpunkte abladen konnte. Der Fachmann ist inzwischen gefunden, und Schiller schlug vor, doch erst einmal den Grünplaner machen zu lassen.
CSU-Fraktionssprecher Thomas Bader ging in seinem Beitrag aber sofort in die Vollen: Wie er schon im Interview mit herrsching.online betont hatte, will er keine Baumschutzverordnung in Herrsching. Man solle lieber die Bürger mit Rat und Tat in Form von Zuschüssen unterstützen, um die eigenen Bäume pflegen zu können. Außerdem glaube er nicht, dass Herrsching weniger Bäume habe als früher: „Wir haben keine Ausdünnung des Baumbestandes im Ort.“
Baumschutz verteuert das Bauen
CSU-Rat Thomas Bader
Die CSU sei für eine Bauverdichtung im Ortsinneren. Eine Baumkrone aber sei das Ausschlusskriterium für einen Neubau. Der Baumschutz verteuere zudem das Bauen. Deshalb schneide ein Bauherr lieber einen Baum ab, bevor er ins schutzfähige Alter komme. Bader fasste seine Meinung zu einer Baumschutzverordnung in dem Satz zusammen: „Wir wollen einen mündigen Bürger.“ Er forderte eine Vertagung des Themas, „damit wir keine Verordnung bekommen, die wir nicht mehr loswerden.“
Gemeinderat Alexander Keim, der sich im Vorfeld als Gegner einer Baumschutzverordnung geoutet hatte, merkte moderierend an, dass die von der BI Pro Natur vorgelegte Fassung strenger sei als die früher in Herrsching geltende Satzung. Aber man sei zum Dialog bereit.
Der Grüne Gerd Mulert grätschte nun mit seinem Statement dazwischen: „Nachdem die alte Baumschutzverordnung gefallen war, hatten wir markante Baumfällungen in Herrsching.“ Genau diese Fällungen seien der Auslöser für die Bürger gewesen, eine neue Verordnung zu initiieren. Er wolle, dass man schon zur nächsten Fäll-Saison im Winter einen Schutzstatus für die Bäume erlasse.
Keine Kapazität für den Baumschutz
Bürgermeister Schiller
Das mochte Bürgermeister Schiller so nicht wirken lassen. Er sagte, dass das Sachgebiet Umwelt in der Verwaltung überlastet sei. Die neue Sachbearbeiterin habe schon signalisiert, dass sie nicht die Kapazität habe, um sich auch noch um eine. Baumschutzverordnung zu kümmern. Und eine Verordnung, die nicht kontrolliert werde, sei keine gute Verordnung.
Die Sprecherin der Bürgergemeinschaft Herrsching, Christiane Gruber, beharrte darauf, dass über den Bürgerantrag von Pro Natur formal abgestimmt werde. Sie verwies auf die Kreisstadt Starnberg, die sich jetzt auch auf den Weg Richtung Baumschutz mache. Das Argument von Bürgermeister Schiller, das Sachgebiet Umwelt sei überlastet, ließ sie nicht gelten: „Wir haben doch das Referat mit einer zusätzlichen halben Stelle gestärkt.“ (Anmerkung der Redaktion: Die halbe Stelle kostet die Gemeindekasse rund 50 000 Euro im Jahr.)
Die 3 früheren Ideen aus dem Arbeitskreis Umwelt, auf die man sich damals verständigt habe im Gemeinderat, seien immer noch nicht voll umgesetzt worden. Die BGH-Sprecherin machte noch einmal klar, dass der Schutz-Entwurf von Pro Natur eine gute Grundlage für eine weitere Diskussion im Arbeitskreis sei.
SPD-Gemeinderat Wolfgang Schneider, erst am Donnerstag mit der Goldenen Bürgermedaille ausgezeichnet worden (dazu gab es vor der nichtöffentlichen Sitzung noch einen kleinen Dankes-Sekt) wollte zuerst einmal über die Erfahrungen anderer Gemeinden mit einer Baumschutzverordnung informiert werden.
Grünen-Sprecherin will ergebnisoffen diskutieren
Anke Rasmussen, die sich in der Grünen-Ortsgruppe und im Kurparkschlösschen klar für den Entwurf von Pro Natur ausgesprochen hatte, präsentierte – ob sie das nun so wollte oder nicht – eine Exitstrategie für die Verordnungsgegner. Politische Beobachter fühlten sich an ihren Grünplaner-Vorschlag vor einem Jahr erinnert, mit dem sie damals schon den „Baumschutz light“ abgeräumt hatte. Sie plädierte für eine ergebnisoffene Diskussion im Arbeitskreis Umwelt und fand dafür beifälliges Kopfnicken in der CSU-Fraktion. In diesem Kreis solle diskutiert werden, ob der Gemeinderat „Maßnahmen“ zum Baumschutz oder eine formelle Baumschutzverordnung beschließen solle.
Gemeinderat Christoph Welsch, der auf dem Ticket der Grünen im Rat sitzt (obwohl er kein Mitglied der Partei ist und praktisch nie an Parteiveranstaltungen teilnimmt), lehnte den Verordnungsentwurf zur Freude der Antragsgegner mit einem klassischen konservativen Argument ab: „Die Verordnung arbeitet zuviel mit Verboten.“ Er werde jedenfalls nicht zustimmen. Da waren’s nur noch sechs…
Ich habe extra langsam geredet, damit es jedem klar wird
Gerd Mulert
Dafür hoben dann BGH-Rat Rainer Guggenberger und die Grüne Traudi Köhl für eine Grundsatzentscheidung pro Baumschutzverordnung die Hand. „Den Inhalt der Verordnung kann ja dann der AK Umwelt entscheiden.“ Heiterkeit mit Empörung durchmischt erntete der Grüne Mulert mit dem Satz: „ich habe extra so langsam geredet, damit es auch jedem klar wird.“
Die Verordnungs-Gegner gerieten weiter in die Defensive, als die BGH-Rätin Claudia von Hirschfeld ein glasklares Bekenntnis zum gemeindlichem Ordnungsrecht zu Protokoll gab. „Wir haben mit dem Bürgerantrag ein klares Votum aus der Bürgerschaft bekommen, mit dem wir uns beschäftigen müssen.“ Deshalb wolle sie auch ein Datum, wann sich der Gemeinderat wieder mit dem Baumschutz beschäftigen müsse.
CSU-Rätin Christina Reich gab zu Protokoll, dass sie „mit gemischten Gefühlen in die Sitzung gegangen ist“. Sie plädierte wie ihre grüne Kollegin von gegenüber dafür, das der Arbeitskreis ergebnisoffen beraten solle. SPD-Gemeinderat Hans-Hermann Weinen stimmte ihr zu und rief in Richtung Baumschutzfreunde, man brauche keinen Druck.
Ärmeren Bürgern bei Baumpflege unter die Äste greifen
Hans-Jürgen Böckelmann
Das konnte der Elder Statesman des Gemeinderates, Hans-Jürgen Böckelmann, nicht unwidersprochen lassen. Böckelmann (siehe Interview auf h.o.: „Buche sollte weg, weil Blätter in den Teich fielen“) war viele Jahre in der Baumschutzkommission der Gemeinde und verfügt deshalb über die größte Erfahrung zu diesem Thema. Böckelmann war immer wichtig, dass die soziale Komponente nicht untern Tisch fällt; sprich: dass die Gemeinde ärmeren Baumbesitzern bei der Pflege unter die Äste greift. Er schilderte einen besonders dreisten Fall von illegaler Baumfällung, bei der wenige Wochen nach der Rodung ein Bauantrag im Bauausschuss auftauchte. „Man muss gegen Kahlschlag vorgehen können“, forderte Böckelmann.
Dann kam’s nach weiteren Geplänkeln endlich zum Schwur: Es stand der Originalentwurf der Bürgerinitiative Pro Natur zur Abstimmung:
„Die Gemeinde Herrsching beschließt den Erlass einer neuen Baumschutzverordnung. Die Verwaltung wird beauftragt, den beiliegenden Entwurf der Baumschutzverordnung des Agenda21-Arbeiteskreises Pro Natur Herrsching mit der Kommunalaufsicht und der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt abzustimmen und dem Gemeinderat bis spätestens Mitte September 23 zur Abstimmung vorzulegen. Grundlagen dieses Entwurfs sind die Baumschutzverordnungen der Gemeinde Gröbenzell und der Stadt Dachau, die seit 2017/2022 rechtskräftig in Kraft sind.“
Aus dem Verlauf der Debatte wurde klar, dass dieser Vorschlag nicht viele Freunde im Gremium hatte: Tatsächlich stimmten nur Gemeinderatsmitglieder aus der Fraktion der Bürgergemeinschaft für den Original-Vorschlag der Bürgerinitiative. Das Abstimmungsergebnis zum Bürgerantrag: 3 Stimmen dafür, 21 dagegen.
Für die Pro-Natur-Aktivisten deshalb eine Enttäuschung, weil sich die grünen Gemeinderäte in einer Versammlung des Ortsverbandes vehement für die vorgelegte Baumschutzverordnung eingesetzt hatten. Gerd Mulert wies im Februar darauf hin, dass angesichts der Baumfällungen in Herrsching keine Zeit mehr für einen eigenen Entwurf bleibe. Er plädierte damals dafür, den Vorschlag von Pro Natur zu unterstützen. Auch die Vorsitzende der Herrschinger Grünen, Rita Mulert bekräftigte: „Das sind keine grünen Spinner, die dieses Papier erarbeitet haben. Diese Verordnung ist hieb- und stichfest, soviel Mühe macht sich nicht einmal die Gemeindeverwaltung.“
Abstimmung mit einer Stimme Vorsprung für eine Baumschutzverordnung
Die imaginären Funken sprühten dann bei der zweiten Abstimmung: Wird der Arbeitskreis Umwelt damit beauftragt,
• eine Baumschutzverordnung innerhalb eines Jahres zu erarbeiten und dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorzulegen? Oder
• debattiert der Arbeitskreis Umwelt ohne Vorgaben des Gemeinderats und kann dann beschließen, was der kleinste gemeinsame Nenner ist?
Es war spannend wie beim Skispringen, wenn die Wertungsbalken in die Höhe schießen. Das Ergebnis war hauchdünn: 13 Stimmen waren dafür, dass der Arbeitskreis Umwelt eine Baumschutzverordnung entwerfen muss.
Diesen – ergebnisgeschlossenen – Antrag unterstützte auch die Grüne Anke Rasmussen. Zu den Unterstützern und Unterstützerinnen zählte auch die CSU-Rätin Dr. Tanja Kodisch-Kraft. Bei der Fahne blieb natürlich die Bürgergemeinschaft, ebenso die grüne Fraktion mit Ausnahme von Christoph Welsch. SPD-Rat Schneider stimmte dagegen. Zur großen Freude der Baumschutzfreunde konnte sich auch FDP-Mann Alexander Keim zum Ja durchringen.
„Und jährlich grüsst das Murmeltier?“
Und auch eine, seit Jahren beantragte, diskutierte und jetzt in einem neuen Jahr vom Arbeitskreis Umwelt zu erarbeitende Baumschutzverordnung kann doch wieder am Abstimmungsergebnis des Gemeinderats scheitern oder? Und so ist sehr zu hoffen, dass es jetzt ganz schnell gehen wird mit der neu formulierten Verordnung, die von Pro Natur ja bereits eine Vorgabe hat! Damit alle Befürworterinnen und Befürworter nicht wieder ein ganzes langes Jahr bangen müssen?
Nur kurz zur Klarstellung: Das Abstimmungsergebnis bei dem 2. Beschluss (Beauftragung des AK Umwelt zur Erstellung einer Baumschutzverordnung) war 13: 11 und ich habe selbstverständlich für diese Beauftragung und damit für die Baumschutzverordnung gestimmt. Und dieses Abstimmungsverhalten hatte ich auch vorher angekündigt.
Das Abstimmungsergebnis zum 1. Beschlussvorschlag (Vorschlag der BI ProNatur) war 3:21 und damit war dieser Vorschlag abgelehnt. Die beiden anschließenden Beschlüsse zu diesem Thema erfolgten einstimmig zugunsten der Beauftragung des AK Umwelt.
Was bitte sollen diese faulen Ausreden! Sie haben für „ergebnisoffen“ gestimmt. Dabei wussten Sie genau, dass es damit eine neue Verordnung wohl auf Jahre gesehen nicht geben wird.
Fazit: Bis zur letzten Sitzung sprach ein Teil der Gemeinderäte darüber ob man überhaupt eine Verordnung braucht und der andere Teil drüber wie sie formuliert wird. Da kann man dann schon viel Verwirrung produzieren. Aber es wurde dann am Ende doch noch eine Entscheidung gefällt. Sehr gut. Jetzt dreht sich der Rat nimmer im Kreis und es hat ein Ende mit dem schwindeln. HeidiKörner
Das muss man erstmal schaffen:
– sich selber austricksen,
– die eigene Fraktion in Erstaunen
versetzen,
– dabei der eigentlichen Sache nicht
unbedingt nützen.
Und das Alles in nur einer Gemeinderatssitzung…mehr geht nicht!
Hallo. Frau Rasmusen, dass sie und einige andere Ratsmitglieder aufgrund von taktisches Erwaegungen die Baumschutzverordnung gestern nicht entscheiden wollten habe ich schon vermutet. Gut und hilfreich für die Sache war, dass jetzt hoffentlich im Umwelt AK nur noch am Inhalt der Verordnung gearbeitet wird und nicht mehr die Notwendigkeit der Verordnung in Frage gestellt wird. Die Argumentation von Herrn Bader war sehr widersprüchlich und seltsam. Grundbesitzer, die Strafzahlungen füt Baumfällungen im hohen Bereich machen, lassen doch keinen Baum freiwillig stehen. Wo bleibt da das logische Denken? Und welche Beweise will Herr Schneider aus Gröbenzell haben? Befremdlich! NA ja..
HeidiKörner
Das Unwort der Gemeinderatssitzung vom 24. April heißt für mich ganz klar „ergebnisoffen“.
Ergebnisoffen bedeutet, man verschiebt ein Thema in einen Arbeitskreis, der sich dann jahrelang Gedanken darüber machen darf, ob z.B. eine Baumschutzverordnung für die Gemeinde Herrsching überhaupt sinnvoll ist oder nicht. Unter Umständen könnten also alle Bemühungen eines solchen Arbeitskreises umsonst gewesen sein.
Ergebnisoffenheit würde dem Oberhaupt und der Verwaltung unserer Gemeinde noch viel Gelegenheit geben, eine Baumschutzverordnung, für nicht durchführbar zu erklären.
Es ist gut, dass sich eine, wenn auch knappe, Mehrheit gefunden hat, die sich mit der „Ergebnisoffenheit“ nicht abgefunden hat und letztlich klar zum Ausdruck gebracht hat: wir WOLLEN eine Baumschutzverordnung, und es geht nur noch um das WIE.
Keine Sorge, ich bin nach wie vor für die Einführung einer Baumschutzverordnung, aber ich wollte gestern nicht riskieren, dass das Thema endgültig scheitert. Und bei einem Abstimmungsergebnis von 13:12 lag ich mit dieser Einschätzung wohl auch nicht ganz falsch. Durch den Auftrag an den AK Umwelt besteht nun die Chance auf eine Mehrheit bei der endgültigen Entscheidung über die Wiedereinführung.
Anke, da muss ich dich schon fragen, was dieses Verwirrspiel eigentlich soll.
Wenn das Abstimmungsergebnis genau umgekehrt ausgefallen wäre und nicht jemand aus der CSU (!) die Situation gerettet hätte, wäre das Thema Baumschutzverordnung wieder für viele Jahre vom Tisch.
Hallo. Frau Rasmusen, dass sie und einige andere Ratsmitglieder aufgrund von taktisches Erwaegungen die Baumschutzverordnung gestern nicht entscheiden wollten habe ich schon vermutet. Gut und hilfreich für die Sache war, dass jetzt hoffentlich im Umwelt AK nur noch am Inhalt der Verordnung gearbeitet wird und nicht mehr die Notwendigkeit der Verordnung in Frage gestellt wird. Die Argumentation von Herrn Bader war sehr widersprüchlich und seltsam. Grundbesitzer, die Strafzahlungen füt Baumfällungen im hohen Bereich machen, lassen doch keinen Baum freiwillig stehen. Wo bleibt da das logische Denken? Und welche Beweise will Herr Schneider aus Gröbenzell haben? Befremdlich! NA ja..
HeidiKörner
Frau Rasmussen hat die Allgemeinheit schlichtweg „verschaukelt“. Dahinter steckte offenkundig von Anfang an ein Plan, der die Handschrift von Herrn Schiller trägt. Diese Frau ist nicht mehr wählbar.
Elf Gegenstimmen!?!?
Mein Großvater hat schon vor 50 Jahren gepredigt, dass viel zu wenig in Bildung investiert wird.