Ein Luftfiltergerät für die Schulen sollte einen H13-oder H14-Filter haben und DIN-geprüft sein. Bild: OurAir

Werden Schulen doch Luftkurorte?

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Jetzt wird der öffentliche Druck zu groß: Luftfilter in den Klassenzimmern sind unvermeidlich. Welche Anlagen zum Einsatz kommen, hat der Herrschinger Gemeinderat am Ende einer langen Sitzung diskutiert. Der Uhrzeiger rückte auf Mitternacht vor, trotzdem wurden die Rätinnen und Räte bei diesem Thema wieder munter. Ergebnis der Diskussion: Es wird ein Fachmann gesucht, der die Gemeinde bei der Anschaffung der Luft-Reiniger berät. Dass in einigen Klassen bald die Luft reiner ist, gilt als beschlossene Sache. Dafür wird auch der amtlich bestellte „Kümmerer” Florian Lübeck sorgen.

Die Gemeinderäte taten sich schwer, nach ihrem Votum im Februar eine Kehrtwende zu vollziehen. Nachdem aber schon der Landrat, bisher kein Freund der Filter, für die Fünfseenschule 24 Anlagen und fürs Tutzinger Gymnasium 22 Reiniger im Kreistag durchsetzen konnte, musste Herrsching reagieren. Die Zweite Bürgermeisterin Christina Reich resolut: „Ich will jetzt einen Beschluss haben, deshalb habe ich das Thema auch auf die Tagesordnung gesetzt.” Sie fuhr sogar Gerd Mulert (Grüne) in die Parade, der angesichts des ausgehenden Tages vorschlug, einfach mal 50 000 Euro für neue Geräte auszuschütten. Das, so Reich, sei keine Lösung.

Die Finanzchefin der Gemeinde, Miryam Goodwin, die ja das Geld für die Geräte rausrücken müsste, gab den Räten noch einmal einen Überblick: Was darf’s denn sein: Filtertechnologie, UV-C-Reiniger oder Ionisations- und Plasma-Technologie? Neben den mobilen Geräten, die in den Klassenzimmern herumstehen wie Möbel, gibt es auch teurere Lösungen, bei denen man die Wand durchbohren muss, um Frisch- und Abluft rein- und rauszupusten. Für diese Lösung machte sich Thomas Bader, der berufliche Expertise mitbringt, stark. „Wir wollen Energie sparen und nicht verpulvern. Deshalb plädiere ich für Anlagen, die Wärme rückgewinnen.” Das würde auch eine Förderung bis zu 80 Prozent der Kosten bringen.

Die Rektorin der Christian Morgenstern Schule wurde von der Gemeinde um eine Stellungnahme gebeten, die dann auch eher diplomatisch ausfiel. Katharina Casper ließ wissen, Filteranlage könne sie sich vorstellen.

Die anderen Schulen im Landkreis gehören überwiegend auch noch nicht zu den Luftkurorten. Anträge auf Zuschüsse wurden nur für 800 von 2500 Klassenzimmern gestellt. Offenkundig schreckt viele Rektoren, dass mit Luftfiltern die üblichen AHA-Regeln und die Lüftungsverpflichtungen nicht obsolet sind.

Der Finanzchef des Landratsamtes, Stefan Pilgram, stellte in seinem Kurzreferat heraus, dass viele Anlagen eine vollständige Filterung der Luft bei Klassenzimmern zwischen 60 und 70 Quadratmetern nicht gewährleisten könnten.

Die Kosten für die Geräte sind – gemessen am Gesamtaufwand für Impfzentren und Massentests – überschaubar. Sogenannte dezentrale Lüftungsanlagen mit Außenverbindung kosten bis zu 11 000 Euro, Anlagen mit Hepa-Filtern zwischen 2000 und 4000 Euro. Auf Herrsching würden bei einer Gesamtausstattung aller Klassenzimmer Kosten in Höhe von 92 000 Euro zukommen.

Gemeinderat Roland Lübeck beklagte in seinem Statement, dass vor 5 Jahren für den neuen Trakt der Morgenstern-Schule auf Lüftungsanlagen verzichtet wurde. „So schnell holt uns das jetzt ein.” Und beim neuen Kindergarten, so Lübeck leicht genervt, habe man auch schon wieder auf Lüftungsanlagen verzichtet.

Filter-Freund Alexander Keim schlug in die gleiche Kerbe: „Wollen wir jetzt zuschauen und nichts zu tun, bis wieder Wechselunterricht droht?” Die einfache Formel lüften, lüften, lüften entzauberte er mit dem Hinweis: „Je mehr man lüftet, desto mehr gleichen sich Außen- und Zimmertemperatur an. Und desto schlechter funktioniert der Luftaustausch.”

Kreis- und Gemeinderat Gerd Mulert ist von der technischen Virusbekämpftung noch nicht überzeugt. Er setzt voll auf die Impfung der über 12-jährigen. Aus dem Dilemma technischer Verwirrung wollen sich die Gemeinderäte durch fachkundige Beratung befreien. Claudia von Hirschfeld und Rainer Guggenberger (BGH) forderten die Expertise von Fachleuten. Roland Lübeck dagegen drückte aufs Tempo: „Wir müssen schnell etwas tun.”

Also tut sich was: Florian Lübeck wurde zum Kümmerer bestellt, der sich um fachlichen Rat kümmern soll. Kämmerin Goodwin kann sich ja in der Zwischenzeit darum kümmern, aus irgendeinem Topf noch 100 000 Euro zu kratzen.

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