„Ärzte und Zentren fangen gerade an, Astra-Impfstoff wegzuwerfen”

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Sie könnten Leben retten, landen aber in der Mülltonne – Impfstoffe von AstraZeneca werden zunehmend verschmäht.  Der Breitbrunner Allgemeinarzt Dr. Daniel Bach, der in Etterschlag eine große Praxis betreibt, klagt über Impfmüdigkeit und Astra-Verweigerungen. Dabei wird jede Dose dringend gebraucht: „Wir müssen dafür sorgen, dass der Impfstoff auch in die Dritte Welt  kommt”, sagt Daniel Bach. herrsching.online hat ihn und seine Assistentin Saskia Schmidt gefragt, welche Erfahrungen sie in der Impfkampagne gemacht haben. 

herrsching.online: Wird der Widerstand gegen Impfungen größer? Wir haben ja jetzt erfahren, dass sich sogar der bayerische Wirtschaftsminister nicht impfen lässt… 

Ein kleiner Stich für den Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit

Dr. Bach: Wir sind froh um jeden, der sich unkompliziert impfen läßt. Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, nimmt wegen der geringeren Bedrohungslage aber ab. Es wird zunehmend schwieriger, Impftermine zu vergeben, nicht mehr jeder Termin wird dankend angenommen. Außerdem wird es organisatorisch viel schwieriger, weil die Zweitimpfungen auf Erstimpfungen treffen. 

herrsching.online: Wie haben Sie die Patienten erlebt – als Quengler und Drängler oder als dankbare Spritzenempfänger?

Saskia Schmidt: Die Mehrheit der Patienten war dankbar für die Impfung, aber in Erinnerung bleiben leider die Leute, die quengelnd und fordernd sind. Wir schätzen, dass es aber nur etwa 5 Prozent der Patienten waren, die schwierig zu handeln waren. 

Dr. Bach: Es sind zahlenmäßig wenige, aber die machen einen Großteil der Kommunikationsarbeit aus. 

herrsching.online: Wie läuft so ein Quengel-Telefonat ab?

Saskia Schmidt: Diese Art von Patienten hält uns die Studien vor und klärt uns – jetzt in Anführungszeichen  – darüber auf, dass eine Mischimpfung sinnvoller sei, solche Leute  wissen alles über die Stiko-Empfehlungen (Ständige Impfkommission; Red.).

herrsching.online: Es gibt nicht nur 80 Millionen Bundestrainer, sondern mindestens 20 Millionen Hobby-Virologen?

Saskia Schmidt: Sieht so aus, aber viele akzeptieren auch jeden Termin und jeden Impfstoff und sind sehr dankbar, dass sie wieder ins normale Leben zurückkehren können. 

herrsching.online: Von 80 000 Impfungen im Landkreis haben die Hausärzte 45 000 Immunisierungen geleistet. Ein großer Kraftakt?

Dr. Bach: Der Patient sieht ja nur den Vorgang des Impfens. Der aber ist der geringste Anteil an der Arbeit. Im Vorfeld aber gibt es viele organisatorische Vorbereitungen, die niemand sieht. Die Impfstoffbestellung macht Arbeit, die Aufbereitung des Impfstoffs macht Arbeit, am meisten Arbeit machen aber die Aufklärung und die Terminvergaben. Aber ich freu mich zuerst einmal, das viele geimpft sind – und ist es egal, wer das macht. 

herrsching.online: Sieht der Hausarzt vor lauter Spritzen die übrige Arbeit noch?

Dr. Bach: Tatsächlich muss man darauf achten, dass wir unsere Kernarbeit nicht vernachlässigen, weil unsere Zeit auch begrenzt ist. Ich verstehe deshalb auch Kollegen mit vielen pflegebedürftigen, ans Haus gebundene Patienten, die einfach keine Zeit mehr haben, auch noch Impfungen durchzuführen. Wir haben viele Vorsorgeleistungen verschieben müssen, die sich jetzt aber, am Ende der Pandemie, kumulieren. 

herrsching.online: Sind Sie auch mit Impfverweigerern konfrontiert worden?

Dr. Bach: Es geht vor allem Dingen um Langzeitschäden, die wir aber nicht erwarten. Aber natürlich haben wir dazu keine Studienlage. Empirisch kann man diese Bedenken nicht ganz entkräften, weil noch niemand länger  als ein knappes Jahr geimpft ist.  Es gibt natürlich auch Patienten, die unsachlich argumentieren. Da macht dann eine Diskussion auch wenig Sinn. Aber das ist die Minderheit. Bei jungen Patientinnen und Patienten gab es Bedenken, dass der Impfstoff infertil (unfruchtbar) machen könne. Solche Meinungen sind sehr schwer aus den Gehirnen herauszubringen. 

herrsching.online: Wie stark fühlen sich manche Menschen unter Druck gesetzt durch gesellschaftliche Zwänge, sich impfen zu lassen?

Dr. Bach: Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel fühlen mitunter solche Zwänge. Wahrscheinlich würde man mehr erreichen, wenn man den Druck da rausnehmen würde. 

herrsching.online: Gibt es noch große Vorbehalte gegen AstraZeneca?

Dr. Bach: Die Vorbehalte sind sogar noch größer geworden, auch weil die Verfügbarkeit von Biontech scheinbar besser wird. Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, unseren Astra-Impfstoff zu verimpfen. Wir bestellen auch keinen mehr, weil wir für einen AstraZeneka-Impfstoff bis zu 6 Telefonate führen müssen. 

herrsching.online: Trotzdem machen Sie keine Kreuzimpfung?

Dr. Bach: Die Kreuzimpfung oder medizinisch ausgedrückt: das heterogene Impfschema ist durch die eine oder anderen Studie  als sehr wirksam belegt. Aber es verursacht ein logistisch kaum lösbares Problem. Wenn wir jemanden mit AstraZeneca erstgeimpft haben, dann haben wir die Zweitimpfung gleich terminiert und den Impfstoff auch schon bestellt. Wenn sich dieser Patient aber mit Biontec oder einem anderen m RNA-Impfstoff impfen lassen will, dann bleibt der AstraZeneca-Stoff liegen. Wir haben keinen Pool mehr von über 60-jährigen, für die der Impfstoff ja vorgesehen ist. Deshalb geht diese Dosis verloren. Dafür fehlt ein Biontec- oder ein anderer Impfstoff für eine Jüngere oder einen Jüngeren, der oder dem wir den Astra-Impfstoff nicht geben wollen. 

herrsching.online: Heißt das: Die Älteren opfern sich für die Jüngeren?

Dr. Bach: Nein, der  AstraZeneca-Impfstoff ist gerade für ältere Männer ein hervorragender Impfstoff …

herrsching.online: …der auch für die Delta-Variante geeignet ist?

Dr. Bach: Wenn die Impfung vollständig ist, scheint er auch bei Delta gut zu wirken. Was wir in England sehen, liegt möglicherweise daran, dass sich zu wenige Menschen haben zweitimpfen lassen.  

herrsching.online:  Was geschieht den mit den Astra-Impfdosen, für die niemand seinen Arm hergeben möchte?

Dr. Bach: Das ist das Traurige an unserer Impfkampagne, dass wir, die Hausärte und die Impfzentren,  gerade anfangen, AstraZeneca wegzuwerfen, weil Patienten nicht zum zweiten Impftermin kommen. 

herrsching.online: Wieviele Patienten erscheinen nicht zum Zweittermin?

Dr. Bach: Das geht bei uns an die 10 Prozent. Diese Leute teilen uns bestenfalls mit, dass sie einen anderen Impftermin haben, der früher liegt und deshalb für die Urlaubsreise besser geeignet war. Oder sie haben einen anderen Impfstoff bekommen, den wir nicht bevorraten konnten. Das ist auch deshalb  schade, weil wir einfach verstehen sollten, dass wir die Pandemie nicht in Bayern und auch nicht in Deutschland beenden können. Wir müssen dafür sorgen, dass der Impfstoff auch in die Dritte Welt und  in die armen Länder kommt. Denn dort, wo sich das Virus ungehemmt verbreiten kann, entstehen auch die Mutationen durch die Replikation. Wir dürfen nicht schlampig mit dem Impfstoff umgehen, sondern wir müssen dafür sorgen, dass er in die Dritte Welt exportiert wird. 

herrsching.online: Wird es bei uns eine vierte Welle geben?

Dr. Bach: Spekulativ würde ich sagen, dass es eine vierte Welle geben wird. Ich habe wenig Grund anzunehmen, dass das nicht der Fall ist.  Ich glaube und hoffe aber, dass sie nicht mehr so gravierend sein wird wie die letzten Wellen. Weil die Risikogruppen durch die Impfung geschützt sind, wird  das Problem auf den Intensivstationen nicht mehr so groß sein wird. 

herrsching.online: Geht Ihnen das Wort Corona im Schlaf nach?

Saskia Schmidt: Ich schlafe tief und traumlos. 

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